Nützliches, Studium mit Kind
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Anwesenheitspflicht ist keine gute Idee! Ein Brief an Frau Pfeiffer-Poensgen

Liebe Landesregierung NRW, liebe Frau Pfeiffer-Poensgen,

mit Entsetzen und auch mit ein bisschen Wut habe ich gestern gelesen, dass das Verbot von Anwesenheitspflicht in NRW wieder aufgehoben werden soll. Liebe Frau Pfeiffer-Poensgen, das ist in meinen Augen keine gute Idee. Ich erkläre Ihnen gerne wieso:

Ich habe mein Studium im Herbst 2012 aufgenommen, in den Jahren bis heute habe ich wirklich zeitaufwendige Ehrenämter innegehabt, ich habe ein Kind bekommen und ich habe dazu in insgesamt sechs verschiedenen Nebenjobs gearbeitet. Ich bin eine, die aus so vielen verschiedenen Studiensituationen sprechen kann. Ich bekam zwei Semester Bafög, ich bekam irgendwann zwei Semester Elterngeld, ich bekomme ein Stipendium. Liebe Frau Pfeiffer-Poensgen, Studiensituationen, Mieten und Lebenshaltungskosten sind so verschieden, dass ich mein ganzes Studium über das Geld aus den Nebenjobs gebraucht habe.

Ich spreche bei allem hier nicht aus meiner individuellen Situation, sondern ich spreche für so viele, die den Kampf gegen die Anwesenheitspflicht kämpfen, die sich Tag für Tag in Studierendenparlamenten streiten und so viel Kraft und Energie aufwenden, um das Studium und die Lehre besser zu machen. Wir sind nicht alles “faule Studierende”, die keine Lust haben, anwesend zu sein. Wie in jeder anderen beruflichen Sparte gibt es auch unter Studierenden ganz natürlich diejenigen, die härter für ihr Ziel arbeiten als andere, nie sind alle gleich. Deshalb über einen Kamm zu scheren wäre falsch.

Was ich nicht verstehe – und darauf habe ich bis heute tatsächlich auch noch nie eine plausible Antwort bekommen – ist, warum man der Meinung ist, dass Anwesenheitspflicht und die momentane Studiensituation in Deutschland in Einklang zu bringen sind. Studierende bekommen erstmal nichts für ihre Ausbildung. Es geht hier um zukünftige Ärzt*innen, um Lehrer*innen, um Sozialpädagog*innen, es geht um Politikwissenschaftler*innen, IT-Spezialist*innen und so viele mehr. Das sind Berufe, die JEDEM und JEDER Interessierten zugänglich sein müssen. Alle Berufe sind etwas wert – jeder Mensch, der etwas für die Gemeinschaft leistet und irgendwie seinen Tag sinnvoll für sich und andere verbringt, hat etwas geleistet. Genauso wie jede Ausbildung vernünftig vergütet sein muss, weil die Auszubildenden arbeiten und jemand anderem damit helfen, genauso muss auch eine Ausbildung an der Universität finanziell möglich sein. Denn zu studieren bedeutet einen großen finanziellen Schritt, den nicht jede*r am Anfang leisten kann. Bis der Bafög-Antrag durch ist, dauert es zum Teil drei Monate. Drei Monate, in denen Miete gezahlt werden muss, in denen Semesterbeiträge fällig sind, in denen bei einigen die für die Immatrikulation verpflichtende Krankenversicherung gezahlt werden muss. Es sind Monate, in denen die Lernmaterialien gekauft werden, in denen man irgendwie auch noch etwas essen muss und in denen sich viele Studierende überhaupt erst einen Haushalt anschaffen müssen. In diesen drei Monaten gibt es dadurch durchaus auch Studierende, die ihr Geld verdienen müssen. Das kann nicht jede*r zwischen 23 und 6 Uhr machen, viele müssen während der üblichen Tagesarbeitszeiten arbeiten. Nicht jede*r kann sich den Stundenplan aussuchen. Und nicht jede*r bekommt nach den drei Monaten tatsächlich einen Bafög-Satz, der nicht zur Verzweiflung treibt.

Solange das Bafög nicht regelmäßig angepasst wird, solange es nicht mehr Studierenden mit sinnvolleren Beitragssätzen zur Verfügung steht, darf es keine Anwesenheitspflicht geben. Der Staat bzw. das Land kann nicht für etwas, was es selbst nicht gebacken kriegt, andere diskriminieren. Nämlich diejenigen, die es sich nicht leisten können, den ganzen Tag nur in der Uni zu sitzen. Die Schere zwischen arm und reich, die ja bekanntlich noch weiter auseinander geht, wird so nicht wieder geschlossen. Wenn nur noch die studieren können, die es sich finanzieren lassen können, von Beginn an jeden Tag in der Vorlesung zu sitzen, werden viele das Studium gar nicht mehr aufnehmen.

Solange es keinen gesetzlichen Mindestlohn für Pflichtpraktika innerhalb des Studiums gibt, darf es keine Anwesenheitspflicht geben. Studierende mit Pflichtpraktika machen diese teilweise umsonst oder zahlen auch noch drauf. Aber “Pflicht-” verrät uns, dass diese Studierenden keine andere Wahl haben, sie müssen das Praktikum absolvieren, um einen Abschluss zu erhalten. Das Geld, das die Studierenden dafür vorher verdienen müssen, muss erstmal reinkommen. Studierende brauchen die Zeit.

Solange es keinen klar geregelten Mutterschutz für Studierende und keine einheitlichen Betreuungssituationen gibt, darf es keine Anwesenheitspflicht geben. Die Ausweitung des Mutterschutzes auf Mütter in Ausbildung ist eine großartige Errungenschaft, die ich sehr begrüße. Ich habe es selber erlebt, dass ich wegen der schwachsinnigen Anwesenheitspflicht in Kiel vier Wochen nach der Geburt meiner Tochter wieder in die Uni musste, um mir das Studium weiter leisten zu können. Durch die Anwesenheitspflicht hätte ich ansonsten die Kurse nicht bestanden, ohne Leistungspunkte am Ende des Semesters kein Geld. Urlaubssemester machen und dann Sozialhilfe beantragen müssen kann ja auch nicht wirklich Staatsinteresse sein. Ich habe zu der Zeit als studentische Hilfskraft gearbeitet. Die Räume im Erdgeschoss des Gebäudes habe ich also wegen Mutterschutz im Arbeitsverhältnis nicht betreten, ein Stockwerk höher musste ich antreten. Solange es zwar heißt, dass es Studierenden im Mutterschutz freigestellt ist, an Prüfungen teilnzunehmen oder nicht, dabei aber nicht klar ersichtlich ist, ob bei Nichterbringen von Prüfungsleistungen dennoch Bafög und Stipendien gezahlt werden, solange darf es keine Anwesenheitspflicht geben. Solange Bundesländer und Kommunen darüber hinaus nicht gewährleisten können, dass so viel Geld in Kinderbetreuung investiert wird, dass alle Bedarfhabenden einen vernünftigen (!) Platz bekommen, solange kann niemand erwarten, dass die 5% der Studierenden, die Kinder haben, in die Uni kommen. Solange Pflegestufen nicht angepasst werden, solange junge Menschen bei der Pflege von Angehörigen nicht stärker entlastet werden, solange darf es keine Anwesenheitspflicht geben.

Solange es keine ersichtlichen Qualitätsstandards in der Hochschullehre gibt, darf es keine Anwesenheitspflicht geben. Über den Wegfall der Anwesenheitspflicht haben sich nach meinen persönlichen Erfahrungen hauptsächlich die Dozent*innen beschwert, die befürchtet haben, dass ihre Vorlesungen danach leer sein könnten. Studierende sind – und da lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster, lege meine Hand ins Feuer, da habe ich Vertrauen – zum Großteil nicht so faul, wie sie von der Gesellschaft gerne mal gesehen werden. Studierende studieren, weil sie etwas lernen wollen, weil sie sich weiterbilden wollen, ja auch, weil sie diese “Fachidioten” sein wollen, von denen alle immer sprechen. Sie brauchen dafür nicht jede Vorlesung und jedes Seminar. Studierende sind so unterschiedlich, glauben Sie mir, ich habe auf Lehramt studiert und da so viele verschiedene Typen gesehen. Es gibt da Studierende, die brauchen Rhetorik, es gibt Studierende, die benötigen das Fachwissen. Ich will meine Zeit, die ich im Studium habe, sinnvoll nutzen und meine Spezialisierung finden. Solange es Vorlesungen gibt, in denen Professor*innen einfach nur aus ihren eigens geschriebenen Büchern  vorlesen, solange es Vorlesungen gibt, in denen Studierende es in einem Semester schaffen, Krieg und Frieden aus Langeweile zu lesen, solange Dozent*innen nicht immer wieder von Studierenden herausgefordert werden müssen, ansprechend zu lehren, solange darf es keine Anwesenheitspflicht geben. Solange sich Unternehmen beschweren, dass Bachelor-Absolvent*innen zu wenig können, zu wenig Praxiserfahrung haben, solange darf es keine Anwesenheitspflicht geben. Denn in vielen Studiengängen kommen diese Skills, diese Persönlichkeitsmerkmale, das, was den oder die eine Bewerber*in von anderen unterscheidet, nicht aus dem Studium. Ich werde vermutlich niemals eingestellt, weil ich in der und der Vorlesung über eine*n bestimmte*n Autor*in mein Kreuz in der Liste eingetragen habe. Ich werde eingestellt, weil ich neben dem Studium Aufgaben übernommen und Jobs gemacht habe, weil ich mich in guten Uni-Seminaren fachlich spezialisiere und irgendwoher die Zeit nehmen kann, Berufserfahrung zu sammeln. Wissen Sie, im Grunde machen viele Studierende durch ihre Nebenjobs oder studentischen Hilfstätigkeiten ein duales Studium, ohne, dass es als solches angesehen wird. Und genau das sind die Studierenden, die danach bessere Chancen haben.

Solange “Hochschulreife” “Hochschulreife” bedeutet, darf es keine Anwesenheitspflicht geben. Das Wort “Reife” setzt ja immer voraus, dass etwas zu etwas anderem bereit ist. Ein Apfel ist reif, er kann gegessen werden oder vom Baum fallen. Ein Kind ist reif für eigenständige Nahrungsaufnahme, es kann sich selber helfen. “Hochschulreife” bedeutet für mich mittlerweile nicht mehr, dass eine Person “reif” für ein selbstständiges Lernen ist. “Hochschulreife” bedeutet häufig, dass man in der Lage ist, hinter seinem Namen Woche für Woche ein Kreuz zu setzen und am Ende des Semesters viel auswendig zu lernen, ohne dass eine Anwendung erforderlich ist. Das ist bei aller Liebe keine großartige Leistung. Wer studiert, muss in der Lange sein, neben dem Präsenzstudium sein Lernen und sein Wissen selbstständig zu organisieren, muss bereit sein, sich Techniken für ein Selbststudium anzueignen. Dazu gehört auch, mal auf die Nase zu fallen, nicht alles zu bestehen, eigene Interessen zu entdecken. Dazu gehört, mal eine Vorlesung zu verpassen, sich zu ärgern und sie nacharbeiten zu müssen. Wenn ein*e Professor*in wirklich gut ist, wird der Hörsaal voll sein, weil Studierende das Gefühl haben, wirklich etwas zu lernen. Ich will nicht anwesend sein müssen, wenn ich dann lernen soll, wie ich eine Folie für den Overhead-Projektor beschrifte. Ich will nicht darüber diskutieren, ob man lieber Papp- oder Plastikordner verwenden sollte. Außer grauen Haaren bringt es mir nichts.

Solange diejenigen, die es besser wissen müssten, nicht verschiedene Lerntypen wahrnehmen, solange darf es keine Anwesenheitspflicht geben. Bildung ist das höchste Gut, ohne Bildung ist alles doof – im wahrsten Sinne des Wortes. Bildung fängt im Kleinkindalter an, Bildung ist in der Regel immer ein Fortschritt. Die Serie The Big Bang Theory ist so erfolgreich, weil alle Menschen dort verschieden sind und so sein dürfen. Die Welt braucht es doch gerade jetzt, dass sich Menschen für Bildung interessieren. Ein Sheldon Cooper hätte an einer deutschen Universität mit Anwesenheitspflicht große Probleme. Es gibt Menschen, die gerne etwas studieren möchten, das an einer Präsenzhochschule tun, weil es für Fernstudien beispielsweise selten Stipendien gibt, die aber nicht der Lerntyp sind, um sich 90 Minuten lang Sachen anzuhören, die sie sich innerhalb von 3 Minuten selbst aneignen können. Es gibt Menschen, die hingegen durch Diskussion und Wiederholung lernen, die werden da sein. Solange Didaktikschulungen für Hochschulpersonal an manchen Standorten ein freiwilliges Zusatzangebot sind, solange darf es keine Anwesenheitspflicht geben.

Ich kann es wirklich nicht mehr hören, dass durch einen Wegfall von Anwesenheitspflicht an der Würde der Dozent*innen gekratzt wird. Das stimmt nicht. Es gibt gute und schlechte Dozent*innen, das war vermutlich schon immer so und es wird auch so bleiben. Diejenigen, die gute Lehre betreiben, werden volle Räume haben. Diejenigen, die schlechte Lehre betreiben und dabei bleiben bzw. sich nicht weiterbilden möchten, werden die leereren Räume haben. Es kann niemandes Ziel sein, die “Akademiker*innen von morgen” (ich hasse dieses Wort, aber gerade trifft es seinen Zweck), dazu zu zwingen, sich schlechte Vorträge anzuhören – mal ja, immer nein.
Wissen Sie, was an der Würde von Dozent*innen kratzt? Zeitverträge. Über die vorlesungsfreie Zeit arbeitslos zu sein. Keine Stelle für Weiterentwicklung zu bekommen. Studierende, die in der Vorlesung Krieg und Frieden lesen oder die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem Smartphone schauen, weil sie die Stunde bloß absitzen müssen.


Zum Schluss möchte ich gerne noch eine Sache klarstellen: Wenn ich sage, dass es keine Anwesenheitspflicht geben soll, bedeutet das nicht, dass Studierende spät aufstehen und dann Fernsehen gucken, Pizza bestellen und sich abends in der Kneipe zum elitären Lesezirkel treffen sollen. Es bedeutet nicht, dass Studiernde nie in die Uni müssen – es bedeutet nur, dass Studierende nicht immer in die Uni müssen, weil sie, um ihr Studienziel und den anschließenden Job zu erreichen, manchmal auch woanders sein müssen. Man kann nicht erwarten, dass Studierende ihre Ausbildung umsonst machen und immer sofort den passenden Nebenjob finden, den sie brauchen, um sich ihre Ausbildung zu finanzieren. Es kann nicht Sinn des höchsten Schulabschlusses sein, in den Lehrjahren Kredite aufnehmen und unterhalb der Armutsgrenze leben zu müssen. Das ist nicht allein das Problem von Anwesenheitspflicht, aber sie spielt dort mit hinein. Das Land, der Bund, die Industrie – sie alle brauchen Fachkräfte mit Persönlichkeit, Reife, Engagement und Fachkenntnis. Sie brauchen Soft Skills und Zusatzqualifikationen – geben Sie den Studierenden die Zeit, das alles zu erlangen. Die sind alle selber groß.

Liebe Frau Pfeiffer-Poensgen, Sie sehen, es gibt in puncto qualitative Ausbildung für alle noch viel zu tun. Ich freue mich, dass Dinge verändert werden sollen. Doch greifen Sie bitte zu einem Hebel, der einen starken und positiven, einen sozial gerechteren Effekt auslöst und nicht zu einem, der irgenwie nur den Dozent*innen hilft, ihren Hörsaal weiterhin vollzubekommen. Ich glaube, dass Demokratie ein tolles Konstrukt ist – solange diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind und in ihrem Alltag damit leben müssen, auch eine Stimme haben. Da die Anwesenheitspflicht für Studierende gilt, lassen Sie die Studierenden mit abstimmen. Danke.

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