Kleinkind, Nützliches, Studium mit Kind
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“Nichts” tun ist manchmal genau das, was man braucht

Mit den Referaten, den Prüfungen, der unklaren Zukunft und einigen anderen kleineren und größeren Problemen und Stolpersteinen des Semesters ist es zurzeit manchmal schwer, noch den Überblick und vor allem die Ruhe zu bewahren. Dieses Semester war wirklich hart, hielt für uns aber auch viele Erfahrungen und neue Denkansätze bereit.
Wenn ich an das Semester zurückdenke, dann sind das nicht bloß 3-4 Monate Vorlesungen mit anstrengenden Referaten und Prüfungen am Ende, es ist vor allem die Zeit, in der aus unserem Kind eine Zweijährige wird. Als das Semester angefangen hat, ich gerade meine Bachelorarbeit abgegeben  und mich mit der Immatrikulation hier in Potsdam beschäftigt habe, ist ihr Wortschatz explodiert. Es ist auch die Zeit, in der wir eine Tagesmutter ausprobiert und für nicht zu uns passend befunden haben – also die Zeit, in der wir uns aktiv dafür entschieden haben, E. noch ein weiteres halbes Jahr selbst rund um die Uhr zu betreuen. Es ist die Zeit, in der E.s Autonomiephase begann und in der sich aus dem Baby immer mehr eine kleine Persönlichkeit mit gefestigtem Willen entwickelt. Das ist alles so wahnsinnig wichtig.

Leider vergisst man im Alltag häufig, sich die kleinen Meilensteine zu merken und sich bewusst Zeit für die Entwicklung des Kindes zu reservieren. Das ist kein rein studentisches Phänomen, denn wer nach einem Jahr wieder arbeiten geht oder vielleicht von Anfang an noch andere Dinge nebenher gemacht hat, kennt das ebenso gut. Auf Spielplätzen oder in Internetforen klingen immer wieder unterschwellig Schuldgefühle mit, wenn man einen Entwicklungsschritt verpasst hat oder im Nachhinein die vergangenen Wochen nicht mehr auseinanderrechnen kann.
All das lässt sich aber meiner Meinung nach nicht vermeiden, man muss es nur irgendwann erkennen und dem bewusste Phasen entgegensetzen. Es gibt sicher ein paar tiefenentspannte Menschen, die all ihr Geld in die Hand nehmen, allen Besitz verkaufen und nach Bali auswandern, die jeden Schritt ihres Kindes verfolgen können und nicht vorhaben, in den nächsten 18 Jahren etwas an der Situation zu ändern. Manchmal, wenn ich mich durch diese Blogs klicke, werde ich dabei ganz wehmütig und auch ein bisschen neidisch. Ich hätte gerne diese innere Sicherheit, dass irgendwoher schon immer genug Geld und Ressourcen kommen werden, damit man entspannt leben kann. Ich aber wäre in der Situation wahrscheinlich denkbar unentspannt.

 

Ich bin mir sicher, dass viele von euch dieses schlechte Gewissen kennen, das einen befällt, wenn man mal ein paar Tage oder Wochen wenig tut, was mit einem üblichen Erwerbsleben zu tun hat. Früher hätte im Wörterbuch der Jugendsprache bestimmt “Gammeln” als Begriff dafür gestanden. Es ist nicht nur so, dass es sich in unseren eigenen Köpfen seit der Schulzeit festgesetzt hat, dass das Leben hier auf Erfolg ausgerichtet ist, sondern auch die Gesellschaft wertet Tätigkeiten, bei denen kein geregeltes Einkommen die Folge ist, konsequent und historisch bedingt ab. Dabei ist es für alle – und insbesondere für Eltern – wahnsinnig wichtig, ab und zu die Tage mal ganz anders als gewohnt zu verbringen. Das Gehirn mal auf Entdecken statt auf Funktionieren zu schalten, auf Ausschlafen statt auf Stress ab Sekunde 1. Die Gedanken mal kreisen zu lassen, Bücher zu lesen und vielleicht auch mal eine Staffel Unbreakable Kimmy Schmidt auf Netflix zu schauen. Denn “nichts” tun ist manchmal genau das, was wir brauchen.
Wir brauchen manchmal die Pausetaste, um einen Urlaub zu genießen, eine neue Erfahrung zu machen und vor allem, um uns und unser Kind in dieser Gesellschaft zu finden und uns zu positionieren. Wir brauchen die Pausen, um zu begreifen, dass Sätze wie “Mama muss viel Uni machen” in das Standardrepertoire der Kinder übergehen und wir brauchen die Zeit, um diese Sätze wieder durch andere zu ersetzen. Ich habe mich deshalb dazu entschieden, in diesem Semester nur noch eine Hausarbeit zusätzlich zu der schon bestandenen mündlichen Prüfung als Prüfungsleistung zu erbringen, ich hoffe, dass ich diese bis Anfang September zumindest in den Grundzügen fertighabe. Dann wollen wir nämlich für eine Woche mit wenig Strom und Internet, dafür aber mit Regenhosen und Wollpullovern in Dänemark campen, bevor Mitte September die Kita losgeht und sich unser Alltag für die kommenden Jahre ganz anders gestaltet als bisher gewohnt. Die “letzte” Zeit bis dahin, bis aus unserem Baby ein Kleinkind mit eigenem Tagesprogramm wird, müssen wir nutzen – sie kommt nicht wieder zurück.
In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Abend und in der kommenden Woche viele Auszeiten, ich schreibe jetzt weiter an unserer Packliste.

 

1 Kommentare

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Nichtstun ist so schwer, weil das schleche Gewissen und die To-do Liste stets im Hintergrund lungern.
    Man muss sich bewusst machen, dass es einem selbst gut gehen muss, damit man sich um andere kümmern kann. Selbstfürsorge ist das A und O, auch wenn es schwerfällt, sich das einzugestehen. Es ist aber nicht egoistisch, sondern heilsam.
    Liebe Grüße
    Frauerr von thestruggleisreal31.blogspot.de

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