Kleinkind
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Werte vermitteln wir, indem wir sie vorleben

Gestern Abend saß ich am Küchentisch, als unsere Tochter gerade ihre Puppe in ein improvisiertes Kissenbett brachte. Sie sagte “Gute Nacht, mein Herz”, gab ihr einen Kuss, deckte sie zu und legte sich daneben.

Als Eltern fragt man sich ja oft, ob man eigentlich alles “richtig” macht, ob man seine eigenen Ideale und Werte in der Erziehung vermitteln kann und ob irgendwie ankommt, was einem wichtig ist. Natürlich möchte auch ich, dass E. gegenüber anderen Menschen freundlich, höflich und wertschätzend ist und frage mich, wie ich das am besten vermitteln kann. Ich erreiche es  nicht dadurch, dass ich beim kostenlosen Ballon im Supermarkt neben ihr stehe und das berühmte “wie sagt man?!” so laut sage, dass auch ja alle um uns herum gefälligst mitkriegen, dass mein Kind “Bitte” und “Danke” lernt. Ein Grund, warum ich irgendwann keine Babykurse mehr mit ihr besucht habe, war ja, dass mich die anderen Eltern wahnsinnig gemacht haben mit ihren lautstarken Bekundungen dessen, was das Kind ihrer Meinung nach nun tun sollte – nur um damit den anderen Erwachsenen ein bestimmtes Bild von sich selbst zu vermitteln.

Kinder müssen nicht lernen, auf Kommando “Bitte” und “Danke” zu sagen. Nicht uns Eltern gegenüber und auch nicht gegenüber Fremden. Sie müssen selber herausfinden, was sie möchten und wofür sie dankbar sind. E. beispielsweise ist gerade 2,5 Jahre alt, vom Knigge und Höflichkeitsfloskeln sind wir noch weit entfernt – aber ich bin mir sicher sie wird all die wichtigen Dinge lernen, solange wir es ihr vormachen und sie in unsere Aktivitäten integrieren. Ich warte im Supermarkt nicht neben ihr und fordere sie auf, sich zu bedanken, “damit sie es lernt”. Wenn sie etwas wirklich möchte, beispielsweise ihre Lieblingsserie im Fernsehen schauen, dann sagt sie von sich aus “bitte”. Wenn das Abendessen fertig ist, sagt sie von sich aus “Danke für’s Kochen, Mama und Papa”.

Wenn ihr bei einem Straßenfest jemand einen Lolli schenkt, sagen wir “Danke” für sie – sie muss gar nichts sagen. Das verwirrt andere Erwachsene manchmal und man erntet immer mal wieder komische Blicke, aber es ist doch das einzig Logische. Denn das sind Situationen, in denen kleine Kinder schnell überfordert sind. Vielleicht sagen sie sowieso weniger, wenn fremde Personen dabei sind, noch weniger, wenn eine ungewohnte Situation eintritt. Ich überlege noch, ob ein Kind überhaupt etwas sagen muss, wenn eine fremde Person ihm unaufgefordert etwas schenkt (und ganz ehrlich, vor allem bei Dingen, die das Kind gar nicht haben will) – darauf hab ich noch keine Antwort gefunden, tendiere aber zu Nein. Genauso muss ein Kind mich nicht um etwas bitten, das seine Grundbedürfnisse betrifft, beispielsweise wenn es gerne etwas essen möchte. Es darf später aber natürlich gerne.

Was Kleinkinder in ihrem Verhalten übernehmen, lernen sie von ihren Vorbildern, von den Menschen, die sie am meisten umgeben. Sie probieren Worte, Gestik und Mimik aus und wählen, welche sie beibehalten. So wie sie mit “Scheiße” und “Schiete” fluchen können (denn ganz ehrlich, welche Kinder hören das erst im Kindergarten?), genauso übernehmen sie von uns Redewendungen wie “Was ist denn los?”, “Guten Appetit” oder eben “Danke” und “Bitte”. Wenn sie etwas geschenkt bekommen und Eltern sich bedanken, lernen sie, dass man sich dann bedanken kann. Schon rein logisch können sie es sich also nicht abgucken, wenn wir nicht “Danke” sagen, sondern sie nur dazu auffordern, selbst irgendwas zu sagen, was sie in dem Moment gar nicht abrufen können.

Und wenn wir immer mal zweifeln, ob wir genug mitgeben und Werte vorleben,  müssen wir nur genau hinsehen. Beispielsweise, wie die Kinder im Spiel mit ihren Puppen oder Kuscheltieren umgehen, wie sie sie trösten und ihnen gut zureden, wenn sie heruntergefallen sind. Oder wenn sie eine Teeparty schmeißen und alle Teddys höflich “Danke” sagen. Diese Momente müssen wir wahrnehmen und unseren inneren “Ich mache das schon richtig”-Speicher damit auffüllen. Denn bei der Vermittlung der Werte ist ja nicht wichtig, dass sie relativ häufig inhaltlos reproduziert werden, sondern dass sie tief im Inneren angekommen sind und verarbeitet werden.

 

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