Kleinkind
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Wo, wenn nicht zu Hause, sollen die Kinder sie selbst sein?

 

Arbeitstage können lang und hart sein, Unitage ebenso. Danach wollen wir uns manchmal einfach nur erholen, Feierabend machen, die Füße hochlegen oder in einer Zeitschrift blättern. An besonders stressreichen Tagen stehen einem dann manchmal die Haare zu Berge, wenn das Kleinkind das genaue Gegenteil im Sinn hat, laut und wild ist und die Wohnung einem großen Chaos gleicht. Es gibt Tage, an denen können wir Eltern gefühlt alles nur falsch machen und egal, wie sehr wir uns bemühen, wir können unser Kind nicht aufheitern. Da kann man schon das ein oder andere Mal innerlich wahnsinnig werden, doch es lohnt sich immer, auch die andere Seite der Medaille zu sehen. Es ist nicht nur die aus dem Schrank gezogene Wäsche, nicht nur der zersprungene Teller auf dem Boden oder die geflutete Küche.

Denn auch unsere Kinder hatten wahrscheinlich einen anstrengenden Tag. Ich glaube nicht, dass Kita entspannter ist als Arbeit, denn auch wenn die Kinder in E.s Alter noch Mittagsschlaf machen (worum ich sie oft beneide), so sind sie doch auch den ganzen Tag beschäftigt und halten sich an gemeinschaftliche Regeln. Sicher spielt auch oft Frustration eine Rolle im Alltag, denn nicht jedes Spielzeug ist immer verfügbar, nicht immer gibt es das Lieblingsessen zum Mittag. Und wenn die Kinder dann nachmittags von der einen Regelwelt in eine andere Regelwelt übertreten (denn jede Gemeinschaft hat immer ihr eigenes Regelsystem, egal ob sichtbar oder nicht), dann kann das auch anstrengend sein. Wir können nicht davon ausgehen, dass Kinder über die gleiche spontane Anpassungsfähigkeit verfügen, die wir heute haben. Auch wir mussten sie jahrelang erlernen und uns an Situationen gewöhnen.

Da sowieso schon jedes Kind ein anderes ist und auch Tagesformen sehr unterschiedlich sind, dürfte es uns eigentlich nicht wundern, dass sich Kleinkinder zu Hause nicht immer gleich verhalten, dass sie auch mal “gute” und mal “schlechte” Tage haben – genauso wie wir auch. Mal brauchen wir nach der Arbeit Sport, mal Ruhe, mal Nähe und Geborgenheit. Der Unterschied liegt nur darin, dass wir gelernt haben, unsere Gefühle und Bedürfnisse einzuschätzen und zu artikulieren. Von Kleinkindern können wir das nicht verlangen, sie können nicht immer die erklärenden Worte finden, sie wollen nicht immer mit uns diskutieren, sie wollen einfach nur verstanden werden.

Wenn das Kooperationsangebot mal wieder aufgebraucht ist, die Nerven auf allen Seiten blank liegen und man dazu geneigt ist, nach Tipps für die sogenannte “Trotzphase” zu suchen, lohnt sich manchmal schon ein einzelner Perspektivwechsel, um die Situation zu entspannen. Wir müssen lernen, unsere Kinder zu spiegeln und durch einfühlsames Beobachten herauszubekommen, was sie möchten. Das haben wir schon damals in der Streitschlichter*innenausbildung gemacht, um die Streitpositionen zu verstehen und zumindest hier zu Hause funktioniert es sehr gut. Wenn E. wütend aussieht, können wir ihr sagen, dass wir glauben, dass sie wütend ist. Es fällt ihr wesentlich leichter, dann “ja/nein” zu sagen, als ihre Situation von Anfang an zu erklären. Wir können sagen “ich glaube, dass du ein bisschen müde bist. Ich wäre müde nach einem langen Tag”, dann kann sie “ja/nein” sagen und muss nicht lange darüber nachdenken. Wir können sagen “ich glaube du findest es spannend, dass das Wasser auf den Boden geplätschert ist”, wir müssen es nur immer und immer wieder üben.

Ein Gedanke hilft mir persönlich immer, nicht verrückt zu werden oder es zumindest nicht so aussehen zu lassen. Wenn unsere Kinder ihren Emotionen zu Hause freien Lauf lassen, dann ist die andere Seite der Medaille nämlich ein unglaublicher Vertrauensbeweis und das Ergebnis vieler vieler Stunden, in denen wir ihnen Verständnis und Liebe gezeigt haben. Denn wenn wir uns selber mal beobachten und uns fragen: Wo kann ich wirklich so sein, wie ich bin – mit all meinen Macken und Stimmungsschwankungen und Ideen? Wo nimmt man mich ernst, auch wenn ich mich selber gerade kaum noch aushalte? Dann lautet die Antwort idealerweise “zu Hause”.

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