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Anwesenheitspflicht im Bachelor – ein letztes Mal für mich

Freitag, der 15.07.2016 – ein historischer Tag für mich!

Heute habe ich mich hoffentlich zum letzten Mal auf eine Anwesenheitsliste eingetragen – denn wenn ich mich nicht ganz blöd angestellt habe, habe ich heute meine letzte Präsenzveranstaltung absolviert. Ab kommendem Semester soll in Kiel für Seminare und Vorlesungen keine Anwesenheitspflicht mehr gelten, vier Jahre Anwesenheitspflicht haben mir dann auch wirklich gereicht.

Ich denke daher heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge an all die Stunden zurück, in denen ich mich auf verschiedenste Arten von Anwesensheitslisten (nur fälschbares Kürzel; datenschutztechnisch frangwürdig mit Matrikelnummer, Name und Unterschrift; nur Name; …) eintragen musste, nur um anschließend Mails zu schreiben, ein Buch zu lesen, Twitter zu verfolgen oder für andere Seminare zu lernen. Teilweise war ich in den 90 Minuten wahnsinnig produktiv – aber eben mit anderen Dingen beschäftigt. (Fürs Protokoll: Es gab auch einige spannende, tolle Seminare und Vorlesungen – um die geht es hier nicht)

Die Anwesenheitspflicht war mir schon seit dem ersten Semester ein Dorn im Auge. In bald vier Jahren Bachelorstudium habe ich auch jährlich neue Gründe dagegen gefunden.

Jahr 1: Ehrenamt und Studium. Ich hatte wahnsinnig viel neben dem Studium zu tun und hätte französische Grammatik lieber selbst gelernt, statt mit 30 Leuten im Kurs vorzulesen. Neben dem Studium war ich im Vorstand der Hilfsorganisation Schüler Helfen Leben und ehrenamtliches Engagement ist nicht immer mit den Uni-Zeiten vereinbar. Es ist mir jedoch sehr wichtig und ich bin der Meinung, dass man alt genug ist, Prioritäten zu setzen – vor allem, wenn man alle Prüfungen dennoch schafft.

Jahr 2: Was war los mit dieser “Reife”? Nach einem Jahr wurde aus persönlichem Interesse aus Geschichte/Französisch dann die Kombination Geschichte/Deutsch. Dort habe ich festgestellt, wie jung einige meiner Mitstudierenden sowohl auf dem Papier als auch im Kopf waren. Nach der Frage, ob man lieber einen Papp- oder Plastikordner verwenden sollte, wäre ich fast zusammengebrochen. Hochschulreife bedeutet für mich Eigenständigkeit, eigenverantwortliches Arbeiten und Erwachsenwerden. Man kann und muss nicht jede*n an der Hand nehmen und zum gemeinsamen Arbeiten verdonnern, manch eine*r muss auch bei einer Prüfung mal durchfallen, um zu merken, was man hätte lernen müssen. Auch ich habe diese Erfahrung gemacht.

Jahr 3: Schwangerschaft und in den Semesterferien Geburt. Noch immer ist der Mutterschutz für Studierende nicht vollends geklärt, letztes Jahr gab es ihn noch gar nicht. Schon in der Schwangerschaft war ich auf das Gutdünken der Dozent*innen angewiesen, wenn ich öfter als 2 Mal im Semester gefehlt habe. Ich war schwanger, nicht krank. Kreislaufprobleme u.a. waren eine Begleiterscheinung der “Umstände”, in denen ich war – kein Grund, komplett krankgeschrieben zu sein. Wie ich schon mehrfach auf diesem Blog beschrieben habe, hätte ich auch keinerlei Einwände gehabt, nach der Geburt dieselbe Schonfrist im Wochenbett zu haben wie berufstätige Mütter. Nach vier Wochen wieder in die Uni zu müssen, weil man ansonsten das Semester wiederholen kann und finanziell dicke Backen macht, ist überhaupt nicht cool.
Wenn man allerdings tatsächlich krank ist und beispielsweise aufgrund eines Beinbruchs oder sonst etwas einige Zeit im Krankenhaus sein muss, könnte man ohne Anwesenheitspflicht übrigens auch weiter studieren.

Jahr 4: Kinderbetreuung (und genauso Pflege von Angehörigen). Dass einem selber vorgeschrieben wird, wie oft man höchstens krank sein darf, ist schon das erste Unding. Absurder wird es jedoch, wenn man quasi zwei Personen ist oder für eine weitere verantwortlich ist und auch deren Befinden dort mit hineinzählt. Kinder werden krank, unvorhersehbar und unterschiedlich intensiv. Dafür kann man selber nichts, aber insbesondere dann hat man zu funktionieren und da zu sein. Ich kann meinem Baby nicht sagen “bitte lege dich einfach ins Bett und schlaf dich gesund, Mama ist in vier Stunden wieder da”. Nein, dann muss man da sein, mehr stillen, bei größeren Kindern Ersatzbetreuung organisieren usw. Wer seine Kinder bereits in KiTa, Kindergarten o.ä. hat, muss trotz ansonsten geregeltem Ablauf improvisieren. Solche Situationen sind leider seltenst bedacht.

Auch wenn ich noch ein paar Jahre weiterstudieren werde, fallen mir bestimmt letztendlich pro Studienjahr noch mindestens zwei weitere gute Gründe gegen die Anwesenheitspflicht ein (z.B. Jobben und Studium oder verschiedene Lerntypen, verschiedene Lernmöglichkeiten oder dass einige Dozent*innen weniger Verbesserungsanspruch haben – die Studierenden kommen ja eh).

Was mich am meisten an ihr stört ist jedoch die fehlende Flexibilität in ihr selbst. Sicher gibt es Veranstaltungen, bei denen eine Anwesenheitspflicht förderlich für alle ist (Sprachkurse, viele Arten von Praktika, Laborarbeiten, …) und die wissenschaftliche Diskussion ist ebenfalls ein wichtiger Teil vom Studieren. Aber studieren sollte in meinen Augen das individuelle Streben nach Wissen und Diskurs bleiben – und Individualität erfordert individuelle Möglichkeiten, ansonsten stehen alle nach dem Bachelor brav in einer Reihe und unterscheiden sich durch keinerlei außeruniversitäre Erfahrungen.

Ich bin wahnsinnig froh, dass dieses Thema für mich jetzt wahrscheinlich erst einmal beendet ist. Zumindest bis April, sofern die Uni Kiel die Gesetzesänderung dann auch konsequent umsetzt. Im Wintersemester stehen bei mir hauptsächlich die Bachelorarbeit und noch weitere Hausarbeiten an, für die ich dann also endlich wieder individuell studieren kann. Danach schaue ich mir dann an, wie die Universität Potsdam die Teilnahme an Veranstaltungen regelt!

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