Kleinkind & Familienleben
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Auch das zweite Kind stellt das Familienleben auf den Kopf

Baby auf dem Arm von mir, der Mutter

Wenn ein Kind geboren wird, stellt sich das Leben der Eltern auf den Kopf. Vor dem ersten Kind denkt man, man wisse genau wie es läuft. Man wundert sich, warum Eltern so viel von Problemen sprechen, warum es für sie so anstrengend ist und glaubt, die Weisheit der Kindererziehung mit Löffeln gegessen zu haben. Dann kommt das erste Kind und wirbelt alles durcheinander und zeigt den Eltern, wie wenig sie beeinflussen können. Es zeigt, dass es schon ein eigener Mensch mit eigenem Charakter ist und überhaupt keine Lust hat, nach der dritten Runde “Lalelu” einzuschlafen, OBWOHL man das Nachtlicht mit den ansprechenden Motiven gekauft hat.

Wenn dann das zweite Kind unterwegs ist, dann ist man vorbereitet, dann hat man es aber nun wirklich raus – man kennt die Tricks, kennt das Bauchmassageöl und den Fliegergriff und weiß, dass Babys nachts gelegentlich aufwachen. Weil das Baby sich über Monate nicht ablegen lässt, hat man sogar die Federwiege gekauft, von der man früher gehört hatte. Eigentlich alles ganz easy, wenn man nicht bis hierhin vergessen hätte, dass auch dieses Kind mit einem ganz eigenen Charakter auf die Welt kommt und man in vielen Bereichen wieder bei Null anfängt: Was haben wir nochmal bei Schnupfen gemacht? Wie könnte sich das Kind bei Überreizung am besten beruhigen? Warum weint es jetzt, es ist doch gestillt, getragen, geliebt?

Wir versuchen, unsere Erfahrungen mit dem ersten Kind natürlicherweise auf das zweite Kind zu übertragen. Das ist ein ganz rationaler Prozess, denn schließlich sind alle Ratschläge, die wir hören oder lesen, Resultate dessen, was andere erfolgreich oder erfolglos probiert haben. Wir vertrauen uns mehr als den Google-Ergebnissen, was ja erst einmal sehr gesund ist. Aber wir haben vergessen, dass wir mal lange gebraucht haben, um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen. Wir müssen unser Bauchgefühl noch einmal herausfordern und für dieses Kind und uns individuelle, neue Entscheidungen treffen.

Das zweite Kind sorgt dafür, dass wir uns noch einmal völlig neu sortieren

Nicht nur das Kind, auch uns als Gruppe müssen wir dann neu sortieren. Ein ganz neuer Charakter wird hier integriert und bleibt für die nächsten 18 Jahre in diesen vier Wänden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Vor allem nicht, wenn dieser Mensch sich noch nicht eindeutig ausdrücken kann und zwei bis drei teilweise ratlose und übermüdete Gesichter versuchen, die Babyzeichen zu entziffern. Diese erste Zeit ist ein bisschen wie früher das Segelnlernen. Eins der Crewmitglieder kann es noch nicht – wir anderen können zeigen und erklären und den Überblick behalten. Wir können eine Weile im seichten Gewässer üben, bis wir uns alle sicher genug fühlen, um rauszufahren. Wir fahren nicht direkt auf das offene Meer.

Das ist von außen sicher nicht immer nachvollziehbar, weder bei uns noch bei anderen Familien. Mit unserer Tochter waren wir damals beispielsweise wesentlich mehr unterwegs in den ersten Monaten. Zu zweit mit einem Baby war es einfacher als jetzt zu zweit mit einem Baby und einem Kindergartenkind. Es war einfacher, weil sie eingeschlafen ist, wenn es ihr zu viel war. Unser Sohn kann zu viel Trubel noch nicht gut ertragen, mag den Kinderwagen nur selten und ist generell ganz anders davor. Das lässt sich schwer nachvollziehen. Wir machen keine großen Touren, weil er nicht gerne Auto fährt und kein Erwachsener mehr zwischen die Kindersitze auf der Rückbank passt. Wir fangen bei vielem wirklich von Null an – und das ist okay. Auch wenn das bedeutet, dass viele unserer Freund*innen unser Baby noch nicht kennen, weil wir nicht einfach hinfahren können und uns auch nicht immer erklären möchten, weil wir nicht immer nachfragen möchten und weil es auch mehr Arbeit bedeutet, wenn es etwas anders wird als gedacht.

Der Tag wird kommen, an dem wir uns aus dem kleinen Hafen öfter rauswagen aufs Meer, an dem wir stärkere Stürme aushalten und sicherer im Boot sitzen – nicht nur wir Eltern, sondern auch beide Kinder. Bis dahin warten wir hier ab und erweitern langsam den Radius.

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