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Rezension: Rotkäppchen (Gebrüder Grimm, Nadia Fabris, Ester Tomè)

Im Verlag arsEdition ist in diesem Sommer eine der wohl schönsten Verisonen vom Grimmschen Märchen Rotkäppchen erschienen, die ich euch heute hier ans Herz legen möchte.

Grimms Märchen als Kinderbuch

Märchen erfreuen sich schon lange großer Beliebtheit beim Vorlesen für Kinder. Was viele dabei aber gar nicht wissen: Der Großteil der Märchen war ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht. Oft sind sie gruselig oder für Kinderohren gar grausam, zum Beispiel wenn Hänsel und Gretel im Wald ausgesetzt werden.
Auch stammt Rotkäppchen nicht original von den Gebrüdern Grimm, sie haben es aus einer früheren Vorlage adaptiert und ihre Märchenbücher mit aufgenommen.

Auf Kinder üben Märchen eine große Faszination aus und spätestens im Kindergarten kommen sie mit ihnen in Kontakt. Sehr häufig ist auch Rotkäppchen hier beliebt, weil sich damit eine Beziehung zum Thema “nicht mit Fremden reden” herstellen lässt. Werden die Märchen schon in einem so frühen Alter vorgestellt, ist es schön, wenn sie etwas kinderfreundlicher und weniger gruselig aufgemacht sind.

Rotkäppchen nacherzählt und in neuem Design

Aus dem Englischen übersetzt von Susan Niessen und nacherzählt von Ester Tomè kommt auch Rotkäppchen bei arsEdition 2019 etwas anders daher: Statt Wein bringt es der Großmutter beispielsweise Kuchen und Milch und am Ende frisst der Wolf zwar Großmutter und Rotkäppchen, doch als der Jäger kommt und sie befreit, wird das Ende des Wolfes offen gelassen – ganz im Gegensatz zu älteren Versionen, in denen ihm Steine in den Bauch genäht werden, damit er einen leidvollen Tod stirbt.

Noch schöner als der Text sind aber in dieser Version die herausragendenen Illustrationen von Nadia Fabris. Anschaulich können Kinder Rotkäppchen auf ihrem Weg durch den Wald begleiten und die Scherenschnitte, die auf jeder Doppelseite die Neugier auf den weiteren Verlauf der Geschichte schüren, machen das Buch zu einem der schönsten, die ich in langer Zeit gelesen habe. Das Buch fühlt sich dadurch und durch das Gucklock auf dem Buchcover sehr hochwertig und wie ein wahrer Schatz in der Bücherkiste an.

Scherenschnitt in der Rotkäppchen-Version von arsEdition 2019

Leseempfehlung

Rotkäppchen von arsEdition ist perfekt für verregnete Herbsttage und kuschelige Lesestunden am Nachmittag. Nicht nur für das eigene Bücherregal, auch als Geschenk eignet es sich sehr gut. Die Scherenschnitte sind sehr zart, weshalb das Buch für langanhaltende Freude an einem besonderen Platz aufbewahrt und behütet werden sollte.

Empfehlen würde ich das Buch für Kinder ab vier Jahren.

Gebrüder Gimm/Nadia Fabris/Ester Tomè: Rotkäppchen.
arsEdition, München 2019. 28 Seiten.
ISBN: 978-3-8458-3158-9.
Hardcover: 16,00€

Mutter und Tochter am Wasser sitzend

Jetzt bist du vier – irgendwo zwischen Kleinkind und Vorschulkind

Unsere große Tochter ist in der letzten Woche vier Jahre alt geworden. Vier! Seit vier Jahren sind wir Eltern. Jahre, in denen wir alle so viel gelernt haben und in denen wir miteinander wachsen konnten.

Wie groß unsere Tochter ist, fiel mir unter anderem vorgestern auf, als wir neue Halbschuhe und Hausschuhe kaufen mussten. Wir gucken nämlich neuerdings nicht mehr in der Kleinkindabteilung. Es gibt keine Pom-Poms und keine Froddo-Hausschuhe mehr in ihrer Größe. Ein bisschen geht eine Ära zu Ende.

Ich weiß noch genau, wie es sich vor drei Jahren anfühlte, als aus unserem Baby ein Kleinkind wurde, als wir die ersten richtigen Schuhe kauften und das Geschenk zum 1. Geburtstag aussuchten. Es ging mir alles zu schnell, ich hätte das erste Jahr gerne noch bewusster erlebt und wir waren gespannt, was in den nächsten Jahren auf uns zukommen würde. Und plötzlich ist auch diese Kleinkindzeit schon wieder vorbei. Das merken wir sehr deutlich: Weniger Verständnisprobleme, mehr Kooperation, mehr Eigenständigkeit.

Zwischen Kleinkind und Vorschulkind: Was ist man denn mit vier?

Letztens habe ich gegoogelt, “was” man dann mit vier eigentlich ist. Kein Kleinkind mehr, aber auch noch kein Vorschulkind – irgendwas dazwischen. Genau dieses “Dazwischensein” trifft unseren momentanen Status auch ganz gut. Die Tage schwanken zwischen “Hoppe Hoppe Reiter” und sich alleine im Zimmer verbarrikadieren, um stundenlang Hörspiele zu hören und Barbie zu spielen. Es schwankt zwischen mit dem Babybruder in der Sandkiste Sand schippen und andere darauf hinweisen, ihren Müll gefälligst in den Mülleimer zu werfen.

Wir sind zwischen Peppa Wutz und dem Ponysitter Club, zwischen Rolf Zuckowski und Deine Freunde. Zwischen Teddybär und Glitzereinhorn, zwischen Grießbrei zum Abend und Pizza bestellen. Zwischen Abschiedsumarmung und “Du kannst jetzt gehen, Mama.” Zwischen Knete und Filzstift. Zwischen Fencheltee und Fanta.

Auch wir Erwachsenen sind irgendwie dazwischen: Froh darüber, dass spontane Frustausbrüche im Supermarkt schon länger passé sind und gleichzeitig aber auch noch nicht wirklich bereit, eine Schule auszuwählen. In einem Jahr müssen wir unser Kind für die Grundschule im Folgejahr anmelden, in Brandenburg werden nämlich alle Kinder eingeschult, die bis zum 30.09. sechs werden. Wir steuern stark auf die sogenannte Wackelzahnpubertät zu, wir geben das Kind alleine zum Spielen ab und schmeißen Geburtstagspartys mit Schatzsuche.

Wurzeln und Flügel und wir

Das richtige Mittelmaß zwischen den berühmten Wurzeln und Flügeln zu finden, fühlt sich gerade etwas schwer an. Wir haben noch nicht den einen Weg gefunden, um mit den alltäglichen Herausforderungen umzugehen, versuchen uns aber wie in den letzten Jahren weiterhin daran, die Regeln und Vorstellungen immer wieder an die Realität anzupassen. Manche Tage erfordern unsere vollste Aufmerksamkeit, ein Mitspielen und eine Einschlafbegleitung. Und an anderen Tagen werden wir einfach nicht benötigt. An manchen Tagen ist das Kind ganz groß und an anderen müssen wir doch die Klamotten wieder heraussuchen. Das ist okay. Hier muss niemand “schon groß” oder “kein Baby mehr” sein.

Ich habe im Gefühl, dass das ein sehr wildes Jahr wird. Und das nicht nur, weil bei uns bald ein Kita-Wechsel ansteht oder auch das Baby sehr bald kein Baby mehr ist. Unsere Familie bekommt durch die sich verändernden Interessen unserer Tochter erneut eine andere Dynamik. Das ist zwar manchmal anstrengend und unvorhersehbar, aber auch so, so aufregend.

Hoffentlich vergeht das Jahr nicht so schnell – für “fünf” bin ich noch nicht bereit.

Kind klettert in Pullover der Hamburger Firma Manitober

Nachhaltige Kinderkleidung: Manitober aus Hamburg

Nachhaltige Kinderkleidung zu finden, ist heutzutage eigentlich nicht mehr schwer – man muss nur wissen, wo! Viele Unternehmen vertreiben “nachhaltige Kindermode”, doch wenn man hinter die Kulissen schauen möchte, sieht es oft schon gar nicht mehr so nachhaltig aus.

Ganz anders ist das bei Manitober, einer Firma aus Hamburg, die Kinderkleidung herstellt und dabei so transparent wie möglich arbeitet. In unserem Haushalt finden sich Manitober-Kleidungsstücke seit ungefähr zwei Jahren. Heute möchte ich sie euch auch auf dem Blog vorstellen, aber Vorsicht: Zwischendurch werdet ihr manchmal denken, dass es zu schön klingt, um wahr zu sein.

Dieser Post enthält unbezahlte Werbung für Manitober. Die Kleidungsstücke auf den Bildern wurden mit einem Rabatt selbstgekauft.

Manitober: Bio-zertifizierter Anbau und plastikfreie Verschickung

Bei nachhaltiger Kindermode denkt man oft zuerst an die Materialien, aus denen die Kleidung hergestellt wird. Manitober verwendet Bio-Baumwolle und auch kbT-zertifizierte Wolle (kbT bedeutet “kontrolliert biologische Tierhaltung”) zur Herstellung ihrer Kleidungsstücke. Auch darüber hinaus wird Wert auf nachhaltiges Material gelegt: Bei der Wollwalk-Bomberjacke, die unsere Tochter diesen Herbst/Winter tragen wird, sind die Labels beispielsweise aus recyceltem Polyester.

Seit der aktuellen Kollektion verschickt Manitober auch plastikfrei, was mich sehr freut. Während vorher die einzelnen Kleidungsstücke jeweils in Plastikhüllen verpackt waren, genügt jetzt ein wiederverwendbares Baumwollband – das ist nicht nur nachhaltiger, sondern auch schöner.

Nachhaltigkeit auch hinter den Kulissen: Produktion der Kinderkleidung

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es mir nicht nur um das, was schließlich bei mir als Kundin ankommt, sondern mich interessieren immer auch die Herstellungsprozesse. Bei jedem Kleidungsstück im Manitober-Shop ist ein Link zu den Produktionsstätten hinterlegt, hier kann man selbst Einblicke in den Prozess gewinnen. Statt Kleidung über mehrere Kontinente zu verschicken, werden die Stücke in Europa hergestellt. Das ist zum einen natürlich besser für Umwelt, Klima und co, zum anderen – und das ist mir persönlich auch sehr wichtig – bedeutet das aber auch, dass alle an einem Kleidungsstück beteiligten Menschen unter geltendem europäischen Recht arbeiten: Manitober garantiert faire Herstellungsbedingungen.

Nachhaltige Kinderkleidung passt möglichst vielen Kindern

Label von Manitober, Beschriftung: Hand me down down down. Created in funky Europe.

So richtig nachhaltig wird Kinderkleidung erst, wenn sie von möglichst vielen Kindern getragen wird und nicht nur für eine Saison angeschafft wird. Kinder wachsen so schnell, da kommt man teilweise kaum hinterher. Deshalb ist es mir immer wichtig, hochwertige Kleidung zu kaufen, die mindestens noch das zweite Kind und ein paar Freund*innen übersteht. Selten ist es jedoch, dass ein Hersteller direkt damit wirbt, Kleidung weiterzugeben und aufzutragen, weshalb mich das Etikett in große Freude versetzt hat.

Damit Kindermode aber möglichst viele Träger*innen übersteht, ist es ganz gut, wenn nicht gerade “cute Princess” vorne draufsteht. Manitober erstellt Schnitte, die von allen Kindern getragen werden können, sie haben gute Passformen und sind nicht einem spezifischen biologischen oder sozialen Geschlecht zugeordnet. Das mag ich wirklich sehr.

Nach dem Tragen zurückgeben? Kein Problem.

Spätestens jetzt werdet ihr denken: Das kann nicht sein. Aber doch, Manitober gewährt ein lebenslanges Rücknahmeversprechen auf gebrauchte Kleidung und erstattet dann je nach Zustand des Kleidungsstücks einen Prozentsatz des Kaufpreises zurück. Sehen die Teile beispielsweise noch sehr gut aus und haben keine Mängel, bekommt man noch 50% zurück, dann geht es nach unten gestaffelt weiter. Und selbst, wenn sie absolut runtergerockt und nicht mehr zu verwenden sind, bekommt man noch 5% vom Kaufpreis wieder – wenn man das Angebot annehmen möchte.

Baby krabbelt im Sand im Manitober-Pullover
Auch das Baby trägt Manitober

Wir haben vom Rücknahmeversprechen noch keinen Gebrauch gemacht, weil die Kleidung so unverwüstlich ist, dass unsere erste Wollwalkhose und der erste Manitober-Pullover von vor zwei Jahren ungelogen noch fast aussehen wie neu.

Auf meinem Instagram-Profil (Achtung: Weiterleitung zur Plattform Instagram) gibt’s dazu momentan noch einen Promo-Code, mit dem ihr 15% Rabatt auf eure Bestellung bekommen könnt! Das gilt übrigens auch für Erwachsene, denn Partnerlook ist hier durchaus möglich.

Mutter und Tochter im Partnerlook
Partnerlook war selten so cool 😉

Rezension: Die Welt, die dir gefällt (Gretas Schwester)

Welche Welt wäre eigentlich eine, die unserem Kind gefallen würde? Dieser Frage widmet sich das neu erschienene Buch Die Welt, die dir gefällt. Ein Mitmachbuch von Gretas Schwester, erschienen im Verlag arsEdition.

Mit nur wenigen Fragen, dafür aber vielen niedlichen und realistischen Illustrationen von Sarah Neuendorf lädt dieses Buch Kinder und ihre Vorlesenden ein, sich ein Wunschszenario auszumalen. Die Fragen bauen aufeinander auf und gehen Seite für Seite weiter ins Detail. So startet man beispielsweise mit der Frage “Wo wärst du gerade am liebsten?” und erforscht den Wunschort dann weiter: Wen man dort wohl treffen würde, in was für einem Bett man dort gerne schlafen würde und was man dort wohl gerne essen würde. Die Fragen können einerseits sehr breit sein, andererseits aber auch schon bestehende spezielle Interessen der Kinder ansprechen – zum Beispiel bei der Frage danach, was sie in ihrem Koffer auf jeden Fall bei sich tragen würden.

Kindgerechte Illustrationen von Sarah Neuendorf

Durch die Illustrationen erhalten die Kinder bereits Vorstellungen davon, was alles möglich wäre – und auch davon, dass den eigenen Wünschen hier keine Grenzen gesetzt werden. Sie könnten durchaus einen Dinosaurier als Haustier haben oder unterwegs eine Piratin treffen. Sie können auch ein Eis essen oder einen Badeanzug tragen, mit dem Paddelboot oder dem Heißluftballon verreisen.

Besonders toll an diesen Illustrationen ist, dass sie keine gängigen Klischees verfestigen, sondern alle Seiten sehr offen gestaltet sind. Beispielsweise gibt es eine Doppelseite mit Kleidung, die man in der Wunschwelt anziehen könnte. Diese ist bunt durcheinander angeordnet, statt dass Kleider und Röcke dem Ritterhelm gegenüber gestellt wären. Vielmehr regt es dazu an, die verschiedensten Teile auch miteinander zu kombinieren und sich wilde Kreationen zu überlegen.

Bei allen Themen ist es zudem so, dass die Illustrationen überwiegend losgelöst von Figuren sind, sodass Aktivitäten beispielsweise nicht suggerieren, dass man dafür laufen oder werfen können müsse, dass man Freund*innen bräuchte oder sie nur alleine machen könnte. Sind für einige Fragen doch Figuren dargestellt, zum Beispiel auf der Seite der möglichen Berufe, die die Kinder ausüben könnten, wurde darauf geachtet, dass auch Frauen “typische Männerberufe” ausüben und viele verschiedene Hautfarben dargestellt sind.

Leseempfehlung?

Eine ganz klare Leseempfehlung für alle, deren Kindern bei Wimmelbüchern die Struktur fehlt oder die gerne jeden Tag die Geschichte ein wenig neu erfinden würden. Die verschiedenen Illustrationen regen zum Dialog mit den Kindern an, sie sind realistisch und schön anzuschauen. Das “Vorlesen” wird nicht langweilig und auch beim zehnten Anschauen erfährt man noch immer neue Gedanken, die die Kinder gerade beschäftigen!

Empfehlen würde ich das Buch ab ca. drei Jahren.

Sarah Neuendorf/Gretas Schwester: Die Welt, die dir gefällt. Ein Mitmachbuch von Gretas Schwester.
arsEdition, München 2019. 32 Seiten.
ISBN: 978-3-8458-3068-1.
Hardcover: 15,00€

Mutter mit Baby in der Trage auf dem Rücken

Veränderte Rollen: Wann bin ich die Mutter meiner Serienheldinnen geworden?

Es gab so viele Serien, die ich als Teenager gerne gesehen habe und mit deren “Held*innen” man sich zwangsläufig identifiziert oder sich von ihnen abgegrenzt hat. Meine Serienheld*innen waren im Laufe der Jahre beispielsweise Stephanie Tanner, Hermine Granger, Lena Schneider, Seth Cohen oder Rory Gilmore. Sie waren klug, witzig und hatten so wie wir als Teenager eine großartige und noch gänzlich ungeplante Zukunft vor sich.

Veränderte Rollen: Ich bin jetzt die Mutter

Auch heute gucke ich die dazugehörigen Serien und Filme noch sehr gerne. Als ich mit unseren Kindern schwanger war, habe ich beide Male Türkisch für Anfänger, Gilmore Girls und O.C., California noch einmal komplett gesehen, um mir die Zeit zu vertreiben. Doch insbesondere bei unserem zweiten Kind, als wir schon eine ganze Weile dieses Eltern waren, habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass sich die Rollen und die Identifikation sehr verändert haben. Einerseits ist das ja ganz natürlich und gut so, denn es wäre schon etwas merkwürdig, wenn sich Zukunftsvorstellungen in den letzten 15 Jahren nicht geändert hätten.

Vor ungefähr zwei Jahren habe ich meine Bachelorarbeit über Identitätsbildung jugendlicher Protagonist*innen in ausgewählten Romanen geschrieben. Ich habe untersucht, ob es in aktueller Literatur wiederkehrende Situationen gibt, in denen Jugendliche sich selbst stark weiterentwickeln. Dabei las ich unter anderem ein Interview mit Wolfgang Herrndorf (Tschick), der als entscheidend für Jugendabenteuer unter anderem das schnelle Ausscheiden von Erwachsenen aus der Handlung und eine große Reise feststellte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in so wenigen Jahren die Seiten wechsle weg von der eigenen großen, nicht zu Ende geplanten Reise hin zu der Erwachsenen, die von ihren eigenen Kindern in wenigen Jahren aus deren Aktivitäten ausgeschlossen wird.

Wenn man sich plötzlich mit Serienmüttern identifiziert

Aber es ist vor allem bei den Serien tatsächlich so: Statt mit der feiernden Stephanie Tanner identifiziere ich mich plötzlich mit der älteren Schwester DJ, die für drei Kinder sorgt und froh ist, die Familie so nah bei sich zu haben. Statt mit Hermine Granger, die sich stundenlang in Büchern vertiefen und lernen möchte, identifiziere ich mich jetzt mit den Eltern von Harry Potter, die im Zweifel für ihr Kind sterben würden, nur damit es diesem gut geht. Statt mit Lena Schneider aus Türkisch für Anfänger, die die Regeln der Erwachsenenwelt auf Herz und Nieren prüft und hinterfragt, welche für sie relevant sind, identifiziere ich mich plötzlich mit der Mutter Doris, die mit ihren Kindern auf Umwelt-Demos geht und versucht, sich selbst im Alltag zwischen Familie und Beruf nicht zu verlieren.
Wann bitte bin ich Doris geworden?!

Es ist jetzt unsere Tür, die immer offen steht

Statt mit Seth Cohen, der mit seinen Freund*innen lange Wochenenden verbringt und Filme schaut, bin ich Kirsten geworden. Immer ein bisschen besorgt, immer etwas zu essen im Haus und immer eine offene Tür für Familie und Freund*innen. Nur mit weniger Alkohol und weniger Geld.

Und statt mit Rory Gilmore, meiner all-time-favorite-Serienheldin, identifiziere ich mich plötzlich zum ersten Mal mit der Mutter Lorelai. Statt Vorfreude auf Abschlussprüfungen und das Studium kommen Fragen nach einem festen Wohnort und danach, finanziell über die Runden zu kommen und unseren Kindern irgendwie die für sie bestmögliche Förderung herauszusuchen. Nur dass ich zu Beginn der ersten Schwangerschaft nicht 16 und alleinerziehend war, sondern 21 und in einer festen Beziehung.

Ich bin im Laufe der Jahre tatsächlich die Mutter meiner Serienheld*innen geworden und identifiziere mich zunehmend mit ihnen, auch wenn ich meine Held*innen selbst als Figuren noch gerne mag. Das ist wohl ein Anzeichen für dieses Erwachsensein, oder? Wirklich schön daran ist, dass ich all die Lieblingsserien noch einmal mit einer ganz neuen Perspektive sehen kann, wenn denn mal Zeit dazu ist. Und wer weiß, vielleicht gucken unsere Kinder sie in 10 Jahren ja selbst und setzen sich dann ebenfalls gerne mit einem Buch nach draußen, während ich keine Lust zu kochen habe und Bratnudeln bestelle. Es könnte schlimmer kommen.

Babykleidung aufbewahren oder nicht? Eine sehr emotionale Frage.

Vor ungefähr einem Jahr, zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin unseres zweiten Kindes, haben wir die Kisten mit Babykleidung aus dem Keller geholt. Viel war nicht mehr übrig, weil wir damals den Großteil der Kleidung, aus der die Tochter herausgewachsen war, gespendet oder weitergegeben haben – aber einige wenige Lieblingsstücke sind geblieben. Vor ungefähr einem Jahr haben wir dann die Erstausstattung für den Babysohn zusammengekauft, mittlerweile lagen die kleinen Größen nun allerdings auch schon wieder seit einem halben Jahr aussortiert im Schrank.

Gestern habe ich mich an diese immer voller werdende Box gewagt und etwas getan, was mich emotional doch stärker getroffen hat, als ich vorher gedacht hätte: Ich habe aussortiert. Und zwar so richtig. So “falls wir jemals ein drittes Kind kriegen sollten”-richtig. Alles von Größe 50-68 wurde auf den Prüfstand gestellt: Heben wir es wirklich auf? Geben wir es weiter? Verleihen wir es nur?

Babykleidung aufbewahren: Was darf bleiben?

Ich hätte alles aufbewahren können, klar. Dann sähe unser Keller allerdings in zwei Jahren aus wie ein kleiner Second-Hand-Shop. Ob wir jemals ein drittes Kind bekommen, steht in den Sternen. In den letzten vier Jahren Elternschaft haben wir gelernt, dass man vieles einfach auf sich zukommen lassen muss. Aber selbst, wenn wir kein drittes Kind mehr bekommen sollten, möchte ich mich nicht von allen Babysachen trennen. Einerseits hängen da viele Erinnerungen dran, viele Momente auf dem Sofa, in denen wir das Baby in GENAU DEM Schlafanzug stundenlang beobachtet haben. Spaziergänge mit GENAU DEM Wollpullover, den schon mein Mann als Baby trug. Die winzigen Bodys, bei denen man nicht gedacht hätte, dass da noch winzigere Babybeinchen herausschauen könnten. Zusätzlich wird irgendwann vielleicht auch der Moment kommen, in dem unsere Kinder Eltern werden und in dem wir ihnen gerne Lieblingsstücke aus ihrer eigenen Kindheit mitgeben möchten.

Jedes einzelne Teil habe ich mir noch einmal bewusst angesehen, Momente Revue passieren lassen und es dann auf einen der Stapel “bleibt”, “wird verschenkt” oder “Flohmarkt” gelegt. Wenn das so weiter geht, werde ich die Marie Kondo der Babysachen.

Babykleidung, die weitergegeben wird

Alles, woran unser Herz nicht extrem stark hängt, geben wir weg. Wie auch beim ersten Kind möchten wir einen Teil spenden, einen Teil an Freund*innen und Familie verschenken und den letzten Rest vermutlich mal auf einem Flohmarkt verkaufen. So wie wir bisher allerdings flohmarkttechnisch unterwegs waren, verschenken wir es am Ende sowieso wieder. Wir haben selbst einige Teile genutzt, in denen schon mindestens zwei Kinder vorher die Welt erkundet haben und ich finde den Gedanken sehr schön, gut gepflegte Dinge weiterziehen und für neue Momente bereit sein zu lassen.

Babykleidung, die bleibt

Die Kiste mit der Babykleidung, die bleibt, war tatsächlich emotional schwieriger zu füllen, als die Stapel mit den Sachen, die nicht bleiben. Das Weggeben der Kleidung, an der wir nicht hängen, fällt mir nicht so schwer. Aber der Kloß im Hals war groß, als ich die verbleibenden Dinge in die Kiste legte und mir plötzlich die Frage in den Kopf schoss, ob das nächste Kind, das diese Klamotten tragen wird, tatsächlich nochmal ein Kind von meinem Mann und mir sein wird – oder eins unserer Enkelkinder. Dieser Gedanke traf mich sehr unerwartet, denn er bringt gleich noch einen zweiten mit: War es das vielleicht schon mit den Babyphasen? Habe ich “alle meine Kinder” schon bekommen? Mit 26? Werden wir vielleicht nie eine “klassische” Elternzeit, ohne Uni-Stress und Arbeiten erleben? Haben wir das alles genug genossen? Puh. Da ist er schon wieder, der Kloß.

In der Kiste für den Keller liegen nun noch wenige Kleidungsstücke, die mein Mann oder ich selbst als Babys getragen haben, Kleidungsstücke, die unsere beiden Kinder getragen haben und wenige Neuanschaffungen vom zweiten Kind.

Die Kleidung, die unsere Kinder trugen, als wir mit ihnen jeweils aus dem Krankenhaus nach Hause gefahren sind, habe ich schon länger gesondert aufgehoben. Noch lagert sie in einer kleinen Box, soll aber demnächst in Bilderrahmen ihren Platz in unserer Wohnung finden.

Und bei euch? Was macht ihr mit aussortierter Baby- oder Kinderkleidung?

Titelcover Erziehen ohne Schimpfen

Rezension: Erziehen ohne Schimpfen (Nicola Schmidt)

Warum schimpfen Erwachsene mit ihren Kindern? Was passiert im Gehirn, bevor geschimpft wird – und warum helfen so viele gutgemeinte Tipps wie das berühmte “Zählen Sie bis zehn!” nicht weiter? Nicola Schmidt, die Gründerin des artgerecht-Projekts und Autorin verschiedener Ratgeber für Eltern, widmet sich in ihrem neuen Buch Erziehen ohne Schimpfen. Alltagsstrategien für eine artgerechte Erziehung den Strategien, die tatsächlich eine Veränderung bringen können.

Erziehen ohne Schimpfen – aber warum wird überhaupt geschimpft?

Dieser Frage widmet sich Nicola Schmidt direkt zu Beginn des Ratgebers. Als Wissenschaftsjournalistin gelingt es ihr hier sehr gut, wissenschaftliche Erkenntnisse aufzubereiten und den Leser*innen verständlich zu machen: Welche Areale im Gehirn werden beispielsweise aktiviert, wenn ein Glas umkippt oder ein Kind auf die Straße rennt? Welche Hormone werden wann ausgeschüttet und verhindern rationales Denken – und was hat eigentlich die Steinzeit damit zu tun?

Stress als Schimpf-Motor

Dass unser heutiges Leben schneller ist, als die Evolution erlaubt, hat Nicola Schmidt bereits in ihren anderen Ratgebern dargestellt, doch in Erziehen ohne Schimpfen geht sie sehr speziell darauf ein, wie unser Alltag und Stress mit dem Schimpfen in Zusammenhang stehen, wie wir lernen, unser “Dorf” an Unterstützung aufzubauen und zu Aufgaben “nein” zu sagen.

In vielen Beispielen aus alltäglichen Situationen werden deren Ursachen aufgezeigt, aber auch kreative Lösungen dargeboten. Beispielsweise dazu, wie wir unsere Kinder ohne Meckern und Drohen vom Klettergerüst bekommen, wenn wir spät dran sind, oder wie wir versuchen können, unseren Morgen stressfreier zu gestalten. Natürlich sind dies Beispiele und keine Garantien, dass es in der eigenen Familie genauso klappt oder die Kinder genauso reagieren werden, dieser Anspruch wird allerdings auch nicht erhoben. Vielmehr soll es dazu anregen, die eigene Familie zu reflektieren und eigene passende Wege zu finden.

Wird dann nur noch gespielt? Und was ist mit Regeln?

Erziehen ohne Schimpfen muss dabei nicht bedeuten, dass die Erwachsenen nicht dennoch als Leitsterne fungieren: Eins der Kapitel trägt denn interessanten Titel “Kein Laisser-faire!” Wie wir Regeln trotzdem durchsetzen. Das ist wohl eine der Fragen, die die Eltern am meisten interessiert: Wie schaffe ich es dennoch, das umzusetzen, was ich für mein Familienleben als essenziell erachte? Welche Alternativen gibt es zum Schimpfen, Meckern, Drohen usw., um meinen Kindern mit einem besseren Gefühl das mitzugeben, was wichtig ist? Hier geht Nicola Schmidt unter anderem darauf ein, was ein Kindergehirn überhaupt kann und was es nicht kann, wie Kinder zuhören und wie wir lernen, Situationen richtig abzupassen.

Nur Theorie?

Während der Anfang des Ratgebers natürlich (auf sehr spannende Weise!) tiefer in die Theorie geht, gesellen sich immer wieder Praxisbeispiele zu theoretischen Ausführungen. Am Ende des Buches gibt Nicola Schmidt die Anregung, sich selbst in einer “21-Tage-Challenge” herauszufordern. Sie motiviert mit ausführlichen Gedanken zu einem Experiment, sein eigenes Schimpf-Verhalten zu beobachten, sich erreichbare Ziele zu stecken und schließlich in einen Prozess zu starten, um Situationen ohne Schimpfen zu meistern. Dadurch kann langfristig nicht nur das Familienleben harmonischer werden, auch die im Ratgeber dargestellten Folgen, die Schimpfen für das kindliche Gehirn (und unsere eigene Scham) hat, können dadurch aktiv bearbeitet werden!

Leseempfehlung?

Nicola Schmidt gibt mit Erziehen ohne Schimpfen Eltern einen wertvollen Ratgeber an die Hand, wie sie ihr Familienleben mit Kindern verschiedener Altersstufen harmonischer und wertschätzender gestalten können. Was dabei besonders positiv auffällt: Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger, sondern vielmehr ein “Wir sitzen doch alle im selben Boot”. Um Konflikte auszutragen, müssen die Kinder auch noch gar nicht im Teenager-Alter sein, auch Eltern von Kleinkindern können hier wertvolle Informationen über die Arbeit kindlicher Gehirne und gleichwertiger Kommunikation mitnehmen.

Nicola Schmidt: Erziehen ohne Schimpfen. Alltagsstrategien für eine artgerechte Erziehung.
GRÄFE UND UNZER VERLAG, München 2019. 176 Seiten.
ISB-N: 9783833868566.
Taschenbuch: 16,99€