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Cover vom Buch Wild World

Rezension: Wild World (Julia Dibbern & Nicola Schmidt)

Umso größer unsere Kinder werden, umso größer wird auch ihr Radius. Heute ist es der Gang alleine zum Bäcker, morgen ist es die erste Klassenfahrt. Julia Dibbern und Nicola Schmidt zeigen mit ihrem neuen Buch Wild World. Wie Kinder an der Welt wachsen und Eltern entspannt bleiben Wege, wie wir Eltern bei der wachsenden Selbstständigkeit der Kinder nicht in allzu große Sorge verfallen und geben Beispiele und Strategien mit an die Hand.

Zunächst widmen sie sich dem großen Thema der Familienresilienz und der Frage, was wir als Familie eigentlich brauchen und was uns stärkt, damit unsere Kinder gut gebunden und sicher aufwachsen können. Sie erklären die Bedürfnisse, die innerhalb einer Familie herrschen, genauso wie den Begriff der Resilienz. Hier fassen sie schließlich auch die “Schutzfaktoren” im Großwerden der Kinder zusammen: feste Bezugspersonen, Motivation zur Leistungserbringung, ein positives Selbstwertgefühl und realistische Zukunftsperspektiven. Doch damit nicht genug, anschließend erklären sie in knappen Absätzen mit guten Beispielsätzen auch, was resiliente Eltern richtig machen. Dabei sind sie ganz undogmatisch: “Stresst euch nicht damit, euch nicht zu stressen!” (Zitat S. 58). Es geht nicht darum, in allen Bereichen perfekt zu sein, sondern eher darum, jeden Tag ein wenig an sich selbst und der Familienbeziehung zu arbeiten. Im anschließenden Kapitel “Unser Nordstern: Gemeinsam, ehrlich, fair” betonen sie noch einmal die besondere Bedeutung von Fairness, Wertschätzung und Augenhöhe.

Im Kapitel “Sieben Sachen” packen sie gleich das Rüstzeug, das wir unseren Kindern auf ihre Abenteuer mitgeben sollten. Damit sind nicht etwa GPS-Tracker oder neue Socken gemeint, sondern die elementaren Eigenschaften, die wir ihnen über Jahre vermitteln können: Vertrauen, Durchhaltevermögen, Mut, Selbstwert, Innerer Frieden, Bindung und Humor.

Die zweite Hälfte des Buches dreht sich um die drei großen Themen “Wild Kids”, “Wild Parents” und “Wild World”. “Wild Kids” zeigt, was Kinder an uns und durch uns alles lernen können – mit Grenzen umzugehen, auf sich selbst aufzupassen oder Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. “Wild Parents” hingegen führt uns an unsere ganz persönlichen Grenzen, was schon an Untertiteln wie “Freiräume erlauben” oder “Angst aushalten” klar wird. Wir müssen auch an uns arbeiten, um unsere Kinder für die Welt da draußen stark zu machen. Und diese Welt wirkt oft sehr wild. Unter anderem durch die Nachrichten ist das Bild, das wir von ihr manchmal haben, angsteinflößend. Wie sollen wir Kinder großziehen – bei all den schrecklichen Dingen, die täglich passieren, den vermüllten Meeren und dem Sterben so vieler Tierarten? Wie können wir es ihnen erklären, ohne ein pessimistisches Bild zu vermitteln? Hierfür finden die Autorinnen in “Wild World” wertvolle Tipps.

An vielen, vielen Stellen im Buch spicken sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit persönlichen Erfahrungen, die mindestens ebenso hilfreich sind. Hieran kann man beim Lesen reflektieren: Hätte ich genauso gehandelt? Hätte ich auch die Angst gehabt? Und wenn ich damit nicht alleine bin, welche Strategien kann ich mir abschauen? Statt einen Ratgeber zu lesen, hat man vielmehr das Gefühl, einem vertrauten Gespräch zu lauschen und mit seinen Sorgen und Ängsten nicht mehr ganz so alleine zu sein wie vorher.

“Kinder brauchen Wurzeln und Flügel”, schreibt der Klappentext – und ich möchte hinzufügen: Und Eltern dieses Buch. Nicht erst, wenn die Kinder in die Schule kommen und man vor dem konkreten Problem steht, sondern schon viel früher kann es – in Vorbereitung auf all das, was noch kommen wird – Eltern sehr gute Dienste leisten. Denn wie auch die beiden Autorinnen auf der Leipziger Buchmesse im Gespräch verdeutlichten: Oft ist das Kompetenzalter entscheidend, nicht das Alter auf dem Ausweis. Und unsere Kinder überraschen uns gerne damit, wie wahnsinnig kompetent sie doch schon sind.

Julia Dibbern, Nicola Schmidt: Wild World. Wie Kinder an der Welt wachsen und Eltern entspannt bleiben
BELTZ-Verlag, Weinheim 2019. 240 Seiten.
ISBN: 978-3-407-86569-4
Hardcover: 18,95€, eBook: 17,99€

Die Hände zweier Geschwister übereinander

Geschwisterbeziehung mit dem fünf Monate alten Baby

Der Babysohn ist tatsächlich schon fünf Monate alt. Im Vorfeld seiner Geburt hatten wir uns viele Gedanken gemacht, wie sich wohl die Geschwisterbeziehung im Laufe der Zeit entwickeln würde. Wir lasen viel und versuchten, uns so gut wie möglich vorzubereiten. Unsere Tochter ist mittlerweile 3,5 Jahre alt und geht tagsüber in den Kindergarten, aber nachmittags und am Wochenende gibt es genügend Zeit, sich gegenseitig immer weiter kennenzulernen. Heute gibt es ein Update dazu, wie sich hier alles zurechtruckelt.

Geschwisterbeziehung: Wie sie angefangen hat

Über unserem Küchentisch hängt ein Foto von dem Moment, in dem unsere Tochter ihren Babybruder das erste Mal auf dem Schoß liegen hatte. Wir kamen nach der Geburt mit ihm nach Hause, wo sie die Nacht mit Oma und Opa verbracht hatte und schon in der Tür kam sie uns aufgeregt und zurückhaltend zugleich entgegen. Voller Bewunderung und Stolz hat sie ihren Bruder das erste Mal berührt und ihn sich auf den Schoß legen lassen. Bis dahin dachte ich immer, das größte Glück für mich als Mutter wäre es, wenn mein Kind glücklich ist und mich anstrahlt. Aber ich hatte mich geirrt: Das größte Glück ist, wenn das Kind sein Geschwisterkind anstrahlt. Wir sprachen viel darüber, dass man mit dem Brüderchen noch etwas vorsichtig sein muss, dass er öfter weint und in den ersten Wochen quasi an mir festklebte. Sie wachte nie auf, wenn er nachts wach wurde und schrie, weshalb sie davon zumindest schonmal nicht genervt war.

Schwierigkeiten im Alltag

Auch wenn sie ihren Bruder liebt und man es ihm deutlich ansieht, dass er ihre Stimme erkennt, wenn sie zur Tür reinkommt und dann aufgeregter wird, ist natürlich nicht alles rosarot hier. Es gibt Tage, an denen sich der Babysohn hochschaukelt, nicht zur Ruhe kommt und einfach nicht gut schläft. Vielleicht ist es zu laut, vielleicht ist es die Stimmung in der Wohnung, die er spürt, wenn alle anderen wach sind. Diese Tage sind dann immer anstrengender und es ist schwer, beiden gerecht zu werden. Die große Tochter müsste doch eigentlich leiser sein, wenn er schlafen soll und er müsste doch eigentlich müde sein. Irgendwo dazwischen: wir. Auf der einen Seite das Kind, an das wir zu hohe Erwartungen stellen, obwohl es erst 3,5 Jahre alt ist, auf der anderen Seite das Kind, an das wir noch keine Erwartungen stellen können, das aber intensive Erwartungen an uns hat.

Trotz aller Kommunikation treten natürlich immer mal wieder Themen wie die berechtigte Eifersucht auf. Wie schwierig es sein muss, wenn man plötzlich alles teilen muss. Den Platz im Bett, die Zeit der Eltern und Großeltern, die Aufmerksamkeit am Essenstisch und das alte Babyspielzeug. Wenn das Baby die Klamotten anhat, in die man selber nicht mehr reinpasst. Wenn nicht mehr jedes unbekannte Spielzeug für eine*n selbst ist. Wenn man keine Geschichte vorgelesen bekommen kann, weil die Mama gerade das Baby schaukelt und keine Hand frei hat. Oder wenn das Essen gerade etwas länger dauert, weil das Baby gestillt wird und man selbst doch auch Hunger hat.

Was der Geschwisterbeziehung gut tut

Nach und nach schleichen sich hier gute Wege ein, um einer Geschwisterrivalität entgegen zu wirken und jedes der Kinder für sich wahrzunehmen und ihm Raum zu geben. Wenn wir zu zweit zu Hause sind, klappt es tatsächlich meist besser, ansonsten haben wir auch gute Erfahrungen damit gemacht, Freund*innen oder Verwandte zu Besuch zu haben und mal die Hände frei zu haben für das große Kind.

Auch das Baby bekommt bereits seine Exklusiv-Zeit, nämlich dann, wenn die Große im Kindergarten ist. Oft brauchen wir uns an den Tagen noch gar nichts vorzunehmen, keinen Babykurs besuchen oder sonst etwas, denn wenn die Tochter nach einem Wochenende wieder in den Kindergarten geht, braucht das Baby 1-2 Tage, um wieder in seinen Rhythmus zu kommen. Dienstag bis Donnerstag wird hier mittags häufig lange geschlafen – natürlich nur auf uns und dann dürfen wir uns bloß nicht bewegen. Das ist zwar manchmal unpraktisch, aber gleichzeitig wahnsinnig schön, diese Exklusivzeit auch mit dem zweiten Baby zu genießen. Der Haushalt kann und muss an solchen Tagen dann eben warten.

Für die Tochter muss natürlich ein etwas anspruchsvolleres Programm her. So versuchen wir aktuell, pro Woche mindestens einen Zeitraum für Aktivitäten zu finden, beispielsweise einen Besuch im Buchladen mit Kakao & Kuchen auf dem Rückweg vom Kindergarten oder der Supermarkt-Einkauf, bei dem sie in dem Einkaufswagen-Auto sitzen kann, weil man selber gerade keinen Kinderwagen schieben muss. Das bedeutet in der Regel nur eine Stunde mehr Abwesenheit von Zuhause, für die Tochter ist es aber ganz besonders.

Wir sind die Übersetzer*innen der Kinder

Der Geschwisterbeziehung tut auch gut, wenn wir als Übersetzer*in agieren. Das Baby spricht mit seinen fast fünf Monaten natürlich noch nicht und auch wenn wir uns im Verstehen des Babys beispielsweise nach der Dunstan-Babylanguage ausprobieren, sieht die Dreijährige nur, was unmittelbar vor ihr ist. Da kann es zu Frust kommen, wenn das Baby weint, obwohl man ihm doch gerade über die Wange streichelt. Wenn man sich alle Mühe gibt und das Baby mit einem “Hooo” beruhigen will, so wie Bibi und Tina es mit den Pferden machen, aber der Bruder daraufhin einfach noch mehr weint. Und wenn der Bruder sich beispielsweise in den Haaren festkrallt oder auf den Finger beißt, tut das einfach erstmal nur weh.

In solchen Situationen hilft es hier sehr, wenn wir die Sprache des jeweils anderen übersetzen und die Bedürfnisse veralisieren. Wenn das Baby suchend nach uns blickt, können wir es beruhigen. Wenn es die Schwester anlacht, obwohl sie gerade unzufrieden ist, können wir erklären, dass er so etwas wie “auslachen” noch gar nicht kennt. Der Schlüssel zu einem harmonischen Miteinander liegt hier – wie so oft – für uns in der Kommunikation und in der Achtung der Bedürfnisse jedes einzelnen Mitglieds dieser Familie. Unabhängig davon, ob es sie schon kommunizieren kann oder wir sie erahnen müssen.

Was hilft bei euch?


Cover des Buches "Die kleine Hummel Bommel entdeckt die Wiese"

Rezension: Die kleine Hummel Bommel entdeckt die Wiese

Den arsEdition-Klassiker Die kleine Hummel Bommel kennen mittlerweile wohl die meisten Eltern kleinerer Kinder. Hummel Bommel hat in den letzten Jahren schon einige Abenteuer erlebt, ob Fliegenlernen, Warten auf Oma oder das Weihnachts- und Osterfest. Mit Die kleine Hummel Bommel entdeckt die Wiese bringen Maite Kelly, Britta Sabbag und Joëlle Tourlonias nun das erste zugehörige Sachbuch auf den Markt. Ich habe es mir für euch mit unserer Tochter angesehen und stelle es hier heute vor.

Ein neues Abenteuer der Hummel Bommel

Wiesen und ihre Bevölkerung mit Insekten sind wichtig für die Umwelt – dazu gehören natürlich auch Hummel Bommel und ihre Freund*innen! Dass die Thematik der Insektenpopulation nun spielerisch auch Jüngeren nahegelegt werden soll, ist eine tolle Fortführung der Buchreihe.

Ausführlich wird erklärt, wie Hummeln leben, wie ihre Bevölkerung strukturiert ist, welche verschiedenen Hummeln es gibt und wie sie ihren Bau in Sommer und Winter gestalten. In dem Buch kann dazu unter anderem entdeckt werden, aus welchen Stockwerken eine Wiese besteht und Begriffe wie “Wurzelschicht”, “Streuschicht”, “Blatt- und Stängelschicht” und “Blütenschicht” werden mit Hilfe von kindgerechten Zeichnungen erklärt. Nicht nur einzelne Pflanzen wie Löwenzahn werden mit Hilfe von Fotos oder Zeichnungen abgebildet, auch die Verwandten der Hummel, die Bienen und die Wespen werden ausführlich porträtiert. Käfer, Ameisen, Libellen, Spinnen, Schnecken und Schmetterlinge folgen ihnen genauso wie die großen Tiere der Wiese – mit Fotos von beispielsweise Maulwurf und Feldmaus. Neben dem bereits informativen Text enthalten viele Seiten ein “Hättest du das gewusst?”-Feld mit zusätzlichen Anregungen. Hättest du zum Beispiel gewusst, das Hummeln die Pollen an ihren Hinterbeinen sammeln und dann aussehen, als hätten sie “Pollenhöschen” an?

Schön sind auch die Kapitel zur Wiese im Regen, im Herbst und im Schnee, wenn beispielsweise erklärt wird, wie die Blüten sich schließen oder warum Regenwürmer gut für den Boden sind. Die Vergänglichkeit der Blütenpracht wird so besonders deutlich und auch für die kleinsten anhand der Bilder sichtbar.

Das Buch folgt dabei – und das finde ich besonders gut – nicht bloß einer romantischen Vorstellung vom Leben der Insekten auf der Wiese. Stattdessen informiert es beispielsweise darüber, dass viel Wiesenfläche verbaut wird oder zu wenig Wiesen für den Wildwuchs übrig gelassen werden. Mit praktischen Tipps wie insektenfreundlichen Pflanzen, die im Garten oder auf dem Balkon gepflanzt werden können, gibt Die kleine Hummel Bommel entdeckt die Wiese den jungen Leser*innen gleich Ideen mit an die Hand.

Kleinere Kritikpunkte

Zwei kleinere Kritikpunkte habe ich allerdings: Gerade, wenn davon geschrieben wird, dass bei Hummeln oder Bienen Königinnen an der Spitze des Insektenvolks stehen, wäre es doch konsequent, in der Seitenüberschrift nicht nur “Werde Hummelexperte!” zu schreiben, sondern auch Mädchen expliziter anzusprechen. Das fehlt mir leider im ganzen Buch, gerade, weil es in die Richtung frühe Naturwissenschaften geht.

Zum anderen könnte die Kapiteldarstellung noch an kleinen Stellen überarbeitet werden. Es springt etwas und liest sich dadurch etwas holprig, ich würde es eher als Informationsbuch für Vor- und Grundschulkinder einordnen. Zum Beispiel sind die Kapitel zu den Tieren der Wiese eher verstreut, zwischendurch gibt es Seiten über Pflanzen, die auf der Wiese wachsen oder es gibt Seiten zur Wiese im Herbst oder im Winter, während die Unterteilung in Frühling und Sommer fehlt. Hier fehlt mir gerade für kleinere Kinder der logische Fluss – bei größeren Kindern, die sich die Informationen selber aus dem Buch holen möchten, ist es sicherlich anders. Hilfreich wäre es sicher auch gewesen, die giftigen Pflanzen abzubilden, von denen geschrieben wird.

Leseempfehlung

Wer die anderen Bücher der kleinen Hummel Bommel kennt, wird auch dieses hier lieben. Auf jeder Seite finden sich die liebevollen Abbildungen der kleinen Lieblingshummel oder anderen Figuren aus den Büchern. Den Lebensraum der Hummel kennenzulernen, ist eine spielerische Vermittlung von naturwissenschaftlichen Informationen, die sicher dafür sorgen wird, dass kleine Forscher*innen in die Natur wandern und sich den Lebensraum unter der Lupe genauer ansehen – oder sogar selber Ideen für den Artenschutz entwickeln. Ich freue mich, dass die Hummel Bommel damit auch über die bisherige Altersgruppierung hinaus interessant wird.

Empfehlen würde ich das Buch für Kinder ab vier Jahren.

Britta Sabbag, Maite Kelly, Joëlle Tourlonias: Die kleine Hummel Bommel entdeckt die Wiese.
arsEdition, München 2019. 48 Seiten.
ISBN: 978-3-8458-3013-1
Hardcover: 15,00€

Bild von mir im Landtag Schleswig-Holsteins

Fridays for Future – Engagement macht Jugendliche stark

Das bin ich. Damals mit 16. Nicht in der Schule.

Jugendliche demonstrieren nicht nur heute weltweit für eine bessere Zukunft und befinden sich im Klimastreik. Statt in der Schule zu sitzen, gehen sie auf die Straße und fordern die Politik zum Handeln auf. Viele Erwachsene – und erstaunlicherweise auch viele Politiker*innen – kritisieren dieses Engagement. Sei es, dass Schulen mit Tadeln drohen oder Christian Lindner die Sache lieber “Profis” überlassen möchte. Dabei ist sich die Wissenschaft ziemlich einig, dass die Schüler*innen recht haben. Dabei ist auch politisches Engagement ein wunderbares und notwendiges Lernen am anderen Ort und auch Lernen für eine lebenswertere Zukunft.

Wir erwarten von Jugendlichen, dass sie sich für globale Themen interessieren, dass sie die Nachrichten schauen, dass sie individuelle Lebensentwürfe gestalten und sich für ein Miteinander einsetzen. Wir erwarten, dass sie nicht hinter ihren Computern versauern und an die frische Luft gehen, dass sie lernen, sich in Projekten zu organisieren und mit sozialen Netzwerken umgehen können. Und wenn sie all das tun, dann wird versucht, sie zu bestrafen, weil sie Doppelstunde Sport verpassen könnten.

Die Politik tut zu wenig für den Klimawandel. Wir bräuchten ein radikales Umdenken aller Teile der Gesellschaft, um die Klimakatastrophe noch einigermaßen in den Griff zu bekommen. Für uns bedeutet das aktuell nur, dass es letzten Sommer ganz schön heiß war. In anderen Teilen der Welt sterben Millionen von Menschen und es treiben Plastikteppiche im Meer, die wesentlich größer sind als Deutschland.

Vor ungefähr zehn Jahren – ich kam gerade in die Oberstufe – hat man mir in der Schule auch gesagt, ich solle mehr Zeit in der Schule verbringen und weniger beim Engagement. Dennoch wurde es in den meisten Fällen genehmigt, was ich sehr zu schätzen weiß. Ich war Schülersprecherin, stellvertretende Landesschülersprecherin, in einer großen Jugendhilfsorganisation und einem Jugendverband einer politischen Partei aktiv. In meinen Ferien habe ich beispielsweise eine Grundschule renoviert, Hilfsprojekte in Südosteuropa besucht oder Stände auf dem lokalen Streuobstwiesenfest betreut. Mit meinen Freund*innen und Bekannten habe ich Demonstrationen organisiert, mit Politiker*innen beispielsweise über Schulsysteme diskutiert, habe über nachhaltige Projekte informiert und eigene Diskussionsveranstaltungen oder Filmvorführungen geplant. Ich traf Angela Merkel, Christian Wulff, verschiedenste Bundes- und Landtagsabgeordnete und gab Interviews. All das lehrte mich mehr, als es der jährliche Heuaufguss in Biologie jemals konnte.

Was wir in der Schule über Globalisierung lernten (denn Erdkunde war wirklich gut), konnte ich ganz praktisch anwenden. Wie Gesetze und Parlamente funktionieren, lernte ich erst, als ich selber beteiligt war. Was Sprachregister bedeuten und wie ich zwischen ihnen wechsle, lernte ich erst, als ich sie brauchte. Was Teamarbeit bedeutet, lernte ich nicht dadurch, dass man uns in der Schule abzählte und in Gruppenarbeit formierte. Ich lernte Teamarbeit durch die Sache, wir wussten über Politik Bescheid, wir gingen auf Schulkongresse und bildeten uns – obacht – sowohl zu Schul- als auch in Freizeit weiter. Gelegentlich brauchte man dafür einige Schulstunden, die waren es wert.

Dass flächendeckendes G8 eine Schnapsidee war, wussten wir Jahre vor der Regierung. Dass der Klimawandel kommt, wissen die Streikenden jetzt anscheinend besser als so manche Politiker*innen. Es ist nicht so, dass die Jugendlichen Unaufholbares verpassen, wenn sie gelegentlich streiken und ich hoffe, dass die Politik das bald erkennt. Selbst wenn, Dreiklänge kann man nachholen, Klimarettung nicht. Wir brauchen diese jugendlichen Menschen, die auf die Straße gehen und sollten uns ihnen anschließen.

Was aus den Schulschwänzer*innen von damals geworden ist? Nun ja, fast alle von uns haben mittlerweile mindestens einen Berufs- oder Uni-Abschluss. Einige arbeiten in Hilfsorganisationen, gründen oder leiten sie. Einige gründen Startups, die sinnvolle Produkte herstellen. Einige initiieren internationale Kooperationen zwischen Engagement, Wirtschaft und Politik, wieder andere arbeiten für große Firmen oder europäische Staaten. Sie sitzen in Bezirksversammlungen, Rathäusern, geben Deutschunterricht für Geflüchtete oder organisieren Musikwettbewerbe. Wir schauen uns Probleme bis heute an, fahren beispielsweise an die syrische Grenze oder in überschwemmte Gebiete, wir gründen alternative Lernräume. Die meisten sprechen mehrere Sprachen, einige spielen in Orchestern oder gleichen in Elterninitiativen das aus, was der Staat aufgrund von Erzieher*innenmangel nicht schafft. Einige sind Ärzt*innen, Lehrer*innen, Polizeibeamte, Erzieher*innen, Abgeordnete, Kulturschaffende, Jurist*innen, Wirtschaftsingenieure oder Sporttrainer*innen. Einige haben bereits Kinder und ziehen sie so groß, dass sie eines Tages als “mündige Bürger*innen” ihr Unwesen treiben. Aus allen ist bisher etwas geworden – keine Sorge.

Lieber Politiker*innen: Sucht das Gespräch. Nutzt die enorme Kraft und die Aktivität und den Willen der Generation, es besser zu machen. Schaut euch die Jugendlichen an und erkennt, dass sie von Politikverdrossenheit weiter weg sind, als ihr es von Jugendverdrossenheit seid. Nutzt doch einfach den Willen zum Klimaschutz, das kann doch bei aller Liebe nicht so schwer sein.

Und für die Fraktion Heuaufguss: Wer soll den denn sonst in 100 Jahren noch machen?


Schokoladenkuchen mit Venussymbol

Was ich meinen Kindern zum Internationalen Frauentag wünsche

Am 08. März ist internationaler Frauentag. Ein Tag, der für Gleichberechtigung und Emanzipation steht. Für meine Tochter und meinen Sohn habe ich daher heute viele Wünsche, die ich gerne teilen möchte.

Internationaler Frauentag: Was bedeutet das?

Den internationalen Frauentag gibt es im Grunde schon seit über 100 Jahren, mittlerweile hat sich der 8. März als Datum festgesetzt. Dass es ihn bereits seit über 100 Jahren gibt, ist einerseits toll und andererseits frustrierend. Denn wie oben schon erwähnt, geht es um Gleichberechtigung und Emanzipation – und davon sind wir leider immer noch weit entfernt, solange Themen wie Gender Pay Gap oder das Verneinen der körperlichen Selbstbestimmung der Frau nicht Geschichte sind. Noch immer gibt es starke Unterschiede in den Karrieremöglichkeiten oder in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wie oft mein Mann nach der Geburt unserer Kinder gefragt wurde, “wo denn das Kind nun sei”, während er auf der Arbeit oder in der Uni ist, könnt ihr euch sicherlich denken. Wie oft ihm ein “Krass, dass du jetzt wieder/noch arbeitest oder weiter studierst” entgegengebracht wurde? Könnt ihr euch wahrscheinlich auch denken. Weil es für mich manchmal sehr ermüdend ist, diese und weitere Fragen zu beantworten und weil es so viel Kraft kostet, Gleichberechtigung trotz aller Barrieren zu leben, habe ich meine Wünsche für unsere Kinder zum heutigen Tag (der übrigens in Berlin in diesem Jahr sogar ein Feiertag ist) aufgeschrieben.

Was ich meiner Tochter und meinem Sohn zum Frauentag wünsche:

Ich wünsche euch, dass ihr euch losmachen könnt von Aussagen, dass dieses oder jenes “nur für Jungs” oder “nur für Mädchen sei”. Letzte Woche habe ich schon zu Faschingskostümen für Jungs und Mädchen geschrieben, aber auch im Alltag begegnet uns das so oft. Ich wünsche meiner Tochter, dass ihr in Zukunft nicht das Blitz-Tattoo aus der Überraschungskiste bei der Zahnärztin aus der Hand genommen wird, weil sie sicher “eins für Mädchen” wolle. Ich wünsche mir, dass Mädchen nicht mehr als “bossy” oder “zickig” abgestempelt werden, wenn sie sich für ihre Meinung stark machen und ich wünsche mir, dass es nicht mehr negativ konnotiert ist, wenn Jungen als “weich” oder “sanft” bezeichnet werden.

Ich wünsche euch, dass ihr in einem System großwerdet, in dem Jungen und Mädchen in der Schule je nach ihren individuellen Bedarfen gefördert und gefordert werden, in dem ihr nicht miteinander verglichen werdet und in dem man euch ermuntert, den eigenen Weg zu finden. Vielleicht gleichen sich ja im Laufe der Jahre beispielsweise die Zahlen an, wie viel Prozent der eingeschrieben Studierenden Frauen sind und wie viele von ihnen tatsächlich bis zum höchstmöglichen Abschluss gefördert werden oder Jobs mit Perspektive bekommen.

Ich wünsche euch, dass ihr euch wohlfühlt mit dem, wer ihr seid. Dass ihr nicht das Gefühl habt, euch oder eure Körper in bestimmte Normen pressen zu müssen, nur um als “weiblich” oder “männlich” zu gelten. Ich wünsche euch, dass ihr und die Menschen, die ihr später liebt, über eure Körper entscheiden könnt. Dass es später keine Gesetze mehr gibt, die Schwangere bevormunden, dass es eine bessere Hebammenversorgung und keine Benachteiligung in anderen Bereichen der Medizin mehr gibt.

Ich wünsche euch, dass ihr die gleichen Möglichkeiten habt, einen Beruf eurer Wahl zu ergreifen und damit glücklich zu werden – ohne, dass eventuelle Vorbehalte anderer oder sogar von uns euch beeinflussen. Bei gleicher Arbeit sollt ihr gleich verdienen und auch im Alter gut abgesichert sein, selbst wenn ihr zu Gunsten des Familienlebens auf das Leben als workaholic verzichtet. Ihr sollt nicht auf eigenen Verdienst verzichten müssen, nur weil es steuertechnisch mehr Sinn macht, wenn euer Partner oder eure Partnerin eine andere Steuerklasse wählt. Ich wünsche meiner Tochter, dass es langfristig keine sogenannte tampontax mehr gibt.

Ich wünsche meiner Tochter, dass ihr in zwanzig Jahren niemand mehr erzählt, es läge ja an ihr, für Gleichberechtigung zu kämpfen.

Was wir tun können:

Ich hoffe, dass wir euch zeigen können, wie ihr gegenseitig als Bruder und Schwester für euch einsteht, euch gegenseitig stark macht und dass ihr wisst, dass wir euch genauso schätzen, wie ihr seid.

Auf einige unserer Wünsche haben wir Einfluss, auf andere nicht. Es ist eine schwierige Vorstellung, diese beiden wunderbaren Kinder zu sehen und zu wissen, in welche noch immer bestehenden Unterschiede sie geboren wurden. Ich hoffe, dass wir mit gutem Beispiel vorangehen können, indem wir offen über Missstände sprechen und versuchen, zumindest hier alles so gleichberechtigt wie möglich zu gestalten – je nach Alter und unserer Situation. Aktuell bedeutet das beispielsweise, dass wir eine Auswahl an Spielzeug jeglicher Art unterbreiten, dass wir Klamotten kaufen, die passen und praktisch sind statt niedlich und tailliert, dass wir Politik kindgerecht herunterbrechen und beispielsweise Situationen im Fernsehen oder im Alltag kommentieren. Es bedeutet, dass wir uns Arbeit teilen und verschiedene Lebensentwürfe zeigen. Und vor allem bedeutet es: Immer und immer wieder reflektieren und uns von all den Stimmen im Kopf lösen, die wir im Laufe unseres Lebens zu diesen Themen gehört haben. Es bedeutet, die Schleife am Pullover zu lassen, den der Babysohn von der großen Schwester geerbt hat.

Ich wünsche uns, dass das genügt und ich wünsche euch, dass ihr genug davon verinnerlicht habt, um genau so zu werden, wie ihr sein möchtet. Wir sprechen uns dazu in einem Jahr wieder.

Kind in einem Faschingskostüm. Astronaut*innenanzug mit eesa-Patch und Helm aus Pappmaché

Faschingskostüme für Kinder: Mädchen und Jungen können (fast) alles sein

Heute ist Fasching in unserem Kindergarten. Unsere Tochter sagte vor einiger Zeit, dass sie gerne als “Astronautin” gehen würde, was ich ehrlich gesagt ziemlich cool fand. Wie genau sie darauf gekommen ist, weiß ich nicht, aber ich wollte auch nicht zu viel fragen, um sie nicht zu verunsichern. Faschinsgkostüme sind ja doch etwas, was Mut erfordert, immerhin zeigt man sich allen so in anderem Gewand. In den Wochen danach stand immer auch mal “Piratin” im Raum, aber die Astronautin hat letztendlich doch gewonnen, sicherlich unterstützt durch die Sendung mit der Maus und die Videos mit Alexander Gerst.

Astronautin ist vielleicht nicht das “klassische Mädchenkostüm”, wenn ich mich in Spielzeugläden im Februar so umschaue. Das wurde mir auch im Stoffladen bewusst, als ich die Verkäufern nach hellem Sweatstoff für ein Astronautinnenkostüm fragte und sie reflexartig antwortete, dass wir ja einen finden müssen, “in dem er dann nicht so schwitzt”. Manchmal frage ich mich, ob das in meiner Kindheit schon so extrem war, oder ob es trotz besseren Wissens und gesellschaftlicher Entwicklung eher noch zunimmt. Vielleicht liegt es daran, dass ich auf dem Dorf groß geworden bin, aber außer an Cowboy und Prinzessin kann ich mich nicht an viele Faschingskostüme erinnern, die nur einem Geschlecht zugeschrieben waren. Stattdessen vielmehr an Gespenster, Fußballfans, “Punks”, Tiere und Früchte.

Als was verkleiden Kinder sich heute?

Die gute Nachricht: Fast alles ist erlaubt. Zumindest hier bei uns. Völlig egal, ob Kostüme eher für Jungen oder für Mädchen gedacht sind, wenn die Kinder gerne in eine bestimmte Rolle schlüpfen möchten, dann ist das eine schöne Gelegenheit, etwas über ihre Interessen oder ihren Charakter herauszufinden. Ob das sterotype Verkleidungen sind, die allgemein eher einem bestimmten sozialen Geschlecht zugeordnet werden, kann man dabei auch mal getrost ignorieren. Das klingt jetzt ein bisschen wie ein Mathelehrer, den man fragt, ob man auf Toilette gehen kann und der darauf antwortet: “Ich weiß nicht ob du kannst, aber du darfst”. Aber tatsächlich können sowohl Mädchen als auch Jungs sich als Löw*innen verkleiden, können Ärzt*innen sein, Pilot*innen oder Gespenster. Mädchen können sogar sehr gut als Ritter gehen und auch Jungen können problemlos als Meerjungfrau verkleidet sein. Geht alles. Hätte meine Tochter gesagt, dass sie als “Astronaut” gehen möchte, hätte ich hier zuhause auch von einem “Astronautenkostüm” gesprochen. Da sie aber gerne eine “Astronautin” sein möchte, wird es eben ein “Astronautinnenkostüm”.

Das einzige, wo wir uns überlegen, wie wir damit umgehen, sind Faschingskostüme, die Stereotype verfestigen und sich beispielsweise darin äußern, dass man zwei-drei Accessoires besorgt und plötzlich als Mensch mit anderen kulturellem Hintergrund auftritt. Viele Erwachsene “verkleiden” sich beispielsweise als (sowohl unterdrückende als auch unterdrückte) Personen der früheren Kolonialgeschichte, was ich nicht nachvollziehen kann. Ich kann allerdings auch verstehen, warum es für ein Kind faszinierend ist, in die Welt der Indianer*innen einzutauchen.

Klarer finde ich es hingegen bei Kostümen, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern machen – die sind hier nicht willkommen. Damit meine ich beispielsweise gar nicht das Prinzessinnenkleid, denn Prinzessinnen trugen früher eben klassischerweise Kleider, sondern die Tatsache, dass Online-Shops beispielsweise zwei Kostüme für “Polizist*in” oder “Pirat*in” anbieten: Eins für Jungen mit Hose, ein engeres für Mädchen mit Rock oder Kleid. Natürlich wäre es meine Entscheidung, welches ich kaufe, doch dann bastle ich lieber gleich selber.

Die Vorteile, Faschingskostüme selber zu basteln

Schwer tue ich mich auch mit Kostümen, die nur ein einziges Mal getragen werden können. Ganz nach dem Motto no excuse for single use müssen es also Kostüme sein, die a) danach weitergegeben werden können oder b) so beschaffen sind, dass zumindest Teile davon auch danach noch im Alltag getragen werden können. Wir haben leider wohntechnisch noch nicht so viel Platz, als dass wir eine riesige Verkleidungskiste im Keller vorhalten können, aus der die Kinder sich das ganze Jahr über Kostüme ziehen können. Daher möchte ich auf einen Vorrat aus Polyestergemischen in kleinen Größen eher verzichten und nähe Faschingskostüme, die sich auch weiterhin gut tragen lassen und einem anderen Kind mit anderer Statur ebenso passen würden.

Im letzten Jahr war unsere Tochter ein Krokodil, das Kostüm bestand aus einem grünen Pullover mit Zacken über den ganzen Rücken und einer Krokodils-Kapuze, dazu eine Pumphose mit Krokodilen drauf – das war super für eine Zweijährige. Die Hose wird bis heute als Pyjama-Hose verwendet und auch der Pulli wurde oft getragen, bis er zu klein wurde und wird sicherlich in zwei Jahren an den kleinen Bruder weitergereicht – entweder als Kostüm oder als ganz normales Kleidungsstück.

Für dieses Jahr habe ich das Astronautinnenkostüm aus Sweat-Stoff genäht und ihn mit Aufnähern der Raumfahrtmissionen bestückt. Nach dem Fasching kann er zuhause, auf Reisen, von mir aus auch jeden Tag im Kindergarten weiter angezogen werden, weil er gemütlich ist, nicht piekst und kratzt und noch eine Weile mitwächst. Den Helm haben wir aus einem Luftballon, der von meinem Geburtstag übrig blieb, Papier und Kleister gebastelt. Lediglich die Spiegelfolie für das Visier mussten wir besorgen. So einen Helm kann man auch sehr gut mit dem Kind zusammen basteln und involviert es so in seine Darstellung. Was wir nach dem Fasching mit dem Helm anstellen, weiß ich allerdings noch nicht so genau.

Mutter und Tochter im Gespräch auf einer Parkbank

Kommunikation mit Kleinkindern: Was wir nicht sehen können

Der Abend ist eine spannende Zeit: Die Familie kommt nach Hause, verschiedene Erlebnisse des Tages prallen aufeinander und alle müssen sich erst wieder finden. Nicht immer ergibt sich die Möglichkeit, über die Erlebnisse des Tages ausführlich zu sprechen. Während wir Erwachsenen das vielleicht noch bei einem Kaffee oder Tee schaffen, ist es für Kinder wesentlich schwieriger, genau in dem Moment eine Antwort zu formulieren, in der man versucht herauszufinden, wie der Tag war. Auf die Frage “Wie war es in der Kita?” bekommt man ja höchstens mal ein “gut” zurück, weil diese Frage und ihr Bedeutungshorizont noch nicht mit dem übereinstimmen, was die Kinder darunter verstehen. Sie können noch nicht wissen, dass wir Erwachsenen in der Regel mit einer Abwägung positiver und negativer Erlebnisse antworten würden.

Statt eines reflektierenden Moments entlädt sich stattdessen an manchen (vielen) Tagen die Stimmung, es ist laut und wild und irgendwie ist jemand unzufrieden, ohne dass das Problem allen Beteiligten bewusst sein könnte. Vielleicht gab es in der Kita Streit mit einem anderen Kind, vielleicht ist die Lieblingshose zu klein geworden, vielleicht war der falsche Joghurt im Kühlschrank, vielleicht entwickelt das Kind neuerdings Angst vor Monstern und traut sich daher nicht alleine ins Badezimmer. Wenn die schwierige Stimmung auf unser gestresstes Ich trifft, kann es schnell eskalieren. Dann trifft unser Feierabend-Ich auf das frustrierte und müde Kind – das kann so nicht gut gehen.

Es gibt in solchen Situationen zwei Optionen, wie wir reagieren könnten: Es kann sein, dass wir es nicht schaffen, der schlechten Stimmung entspannt entgegenzugehen – das kommt immer wieder mal vor und ist auch ganz natürlich. Gute Konflikte brauchen schließlich Lösungsbereitschaft und offene Kommunikation, die in solchen Momenten eine noch größere Herausforderung für uns darstellt. Wir haben allerdings auch noch eine zweite Option und wenn wir die erwischen, hat der Tag noch eine Chance auf einen guten Abschluss. Just go with the flow – wir versuchen, das Kind in seiner Verzweiflung und emotionalen Überforderung zu verstehen. Dazu müssen wir uns auf seine Ebene begeben (nicht unbedingt mental, auch rein körperlich), müssen durch Spiegeln herausfinden wie sich das Kind gerade fühlt. Wir müssen signalisieren: Ich sehe, dass etwas los ist und verstehe, dass es dir gerade nicht gut geht. Lass’ uns gemeinsam herausfinden, wie wir es wieder besser machen.

Wie das konkret aussehen kann? Anfang der Woche beispielsweise hatte unsere Tochter nachmittags sehr schlechte Laune. Sie kündigte an, nicht mehr in den Kindergarten gehen zu wollen und schien ernsthaft frustriert. Das hatte mich sehr gewundert, da sie morgens fröhlich losging, sich auf das Spielen freute und sogar eine Karotte aus dem Kühlschrank mitnahm, um mit ihren Freund*innen einen Schneemann zu bauen. Ich hätte bei der schlechten Laune sagen können “jetzt ist aber mal Schluss” oder “das ist mir alles zu laut, so lese ich nicht mehr vor”, aber zum Glück war ich einigermaßen entspannt, um mich auf die Suche nach dem Problem dahinter zu machen.
Ich habe “mitgespielt”, habe auch gesagt, dass das ja anscheinend ein blöder Tag ist, ich sehen kann, dass sie wütend ist und auf ihre Bedürfnisse nach Nähe und auch auf das nach dem Ausdruck von Wut reagiert. Es ist total okay, dass das Kind schlechte Laune hat. Genauso wie es auch okay ist, wenn wir mal schlechte Laune haben. Nachdem sich die aufgestaute Stimmung entladen hatte, kam auch schon das wahre Problem zum Vorschein. Eine Freundin war in den Ferien, die andere krank, der Schnee war im Laufe des Vormittags geschmolzen und die Karotte ist auch noch kaputtgegangen. Alles, worauf sie sich gefreut hatte, hat nicht funktioniert. Dass das frustriert, ist verständlich.

Die Kommunikation mit meiner Tochter erinnert mich oft an das Eisbergmodell, das beispielsweise in der Kommunikationswissenschaft eingesetzt wird: Das, was wir mitbekommen ist erst einmal das, was gesagt wird. Erst kommen Worte und Taten bei uns an und alles, was hinter den Worten verborgen ist, müssen wir erst erkennen. Das, was bei uns ankommt, ist nicht die ganze Wahrheit, sondern ca. 20 % davon. Erkennen wir auch nur einen Bruchteil der anderen 80%, haben wir die Chance, die Eskalation zu umgehen. Das kann man tatsächlich ein bisschen mit der Titanic vergleichen: Hätten sie den Eisberg und sein Ausmaß rechtzeitig erkannt, hätten sie die Katastrophe verhindern können. Erkennen wir in einer Situation rechtzeitig die “unsichtbaren” Faktoren, haben wir eine Chance, die Eskalation zu verhindern.

Wenn wir also das nächste Mal einen Moment haben, in dem unser Kind beispielsweise wütend ist, sich aber nur knapp ausdrückt, lohnt es sich, sich den Eisberg ins Gedächtnis zu rufen: Ist das, was wir hier mitbekommen, vielleicht nur ein kleiner Teil der Wahrheit? Liegt unter den Worten und dem Verhalten vielleicht noch mehr verborgen, als das Kind ausdrücken kann? Dann können wir überlegen, so viel wie möglich von dem Rest der Wahrheit zu erkennen und das Kind so besser verstehen zu lernen.

Ich habe euch das Eisbergmodell, das – stark vereinfacht ausgedrückt- in der Theorie auf Siegmund Freud zurückgeführt wird, unten einmal vereinfacht aufgemalt. Oben, an der Oberfläche sind die “sichtbaren” Faktoren: Die Worte, die Fakten, die Taten, die bei uns ankommen. Unter der Oberfläche verborgen liegen vorbewusste und unterbewusste Elemente, die das Gegenüber bestimmen. Bei Kindern können das beispielsweise Ängste oder alte Konflikte sein, die wieder hochkommen – aber auch die individuelle Persönlichkeitsentwicklung spielt mit rein, ob jemand beispielsweise erfahren im Umgang mit Frustration ist, ob jemand sicher in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung ist usw. Darunter noch liegt das Unterbewusstsein, wo unter anderem ganz menschlich-naturgegebene Instinkte veranlagt sind.