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Mutter und Tochter im Gespräch auf einer Parkbank

Kommunikation mit Kleinkindern: Was wir nicht sehen können

Der Abend ist eine spannende Zeit: Die Familie kommt nach Hause, verschiedene Erlebnisse des Tages prallen aufeinander und alle müssen sich erst wieder finden. Nicht immer ergibt sich die Möglichkeit, über die Erlebnisse des Tages ausführlich zu sprechen. Während wir Erwachsenen das vielleicht noch bei einem Kaffee oder Tee schaffen, ist es für Kinder wesentlich schwieriger, genau in dem Moment eine Antwort zu formulieren, in der man versucht herauszufinden, wie der Tag war. Auf die Frage “Wie war es in der Kita?” bekommt man ja höchstens mal ein “gut” zurück, weil diese Frage und ihr Bedeutungshorizont noch nicht mit dem übereinstimmen, was die Kinder darunter verstehen. Sie können noch nicht wissen, dass wir Erwachsenen in der Regel mit einer Abwägung positiver und negativer Erlebnisse antworten würden.

Statt eines reflektierenden Moments entlädt sich stattdessen an manchen (vielen) Tagen die Stimmung, es ist laut und wild und irgendwie ist jemand unzufrieden, ohne dass das Problem allen Beteiligten bewusst sein könnte. Vielleicht gab es in der Kita Streit mit einem anderen Kind, vielleicht ist die Lieblingshose zu klein geworden, vielleicht war der falsche Joghurt im Kühlschrank, vielleicht entwickelt das Kind neuerdings Angst vor Monstern und traut sich daher nicht alleine ins Badezimmer. Wenn die schwierige Stimmung auf unser gestresstes Ich trifft, kann es schnell eskalieren. Dann trifft unser Feierabend-Ich auf das frustrierte und müde Kind – das kann so nicht gut gehen.

Es gibt in solchen Situationen zwei Optionen, wie wir reagieren könnten: Es kann sein, dass wir es nicht schaffen, der schlechten Stimmung entspannt entgegenzugehen – das kommt immer wieder mal vor und ist auch ganz natürlich. Gute Konflikte brauchen schließlich Lösungsbereitschaft und offene Kommunikation, die in solchen Momenten eine noch größere Herausforderung für uns darstellt. Wir haben allerdings auch noch eine zweite Option und wenn wir die erwischen, hat der Tag noch eine Chance auf einen guten Abschluss. Just go with the flow – wir versuchen, das Kind in seiner Verzweiflung und emotionalen Überforderung zu verstehen. Dazu müssen wir uns auf seine Ebene begeben (nicht unbedingt mental, auch rein körperlich), müssen durch Spiegeln herausfinden wie sich das Kind gerade fühlt. Wir müssen signalisieren: Ich sehe, dass etwas los ist und verstehe, dass es dir gerade nicht gut geht. Lass’ uns gemeinsam herausfinden, wie wir es wieder besser machen.

Wie das konkret aussehen kann? Anfang der Woche beispielsweise hatte unsere Tochter nachmittags sehr schlechte Laune. Sie kündigte an, nicht mehr in den Kindergarten gehen zu wollen und schien ernsthaft frustriert. Das hatte mich sehr gewundert, da sie morgens fröhlich losging, sich auf das Spielen freute und sogar eine Karotte aus dem Kühlschrank mitnahm, um mit ihren Freund*innen einen Schneemann zu bauen. Ich hätte bei der schlechten Laune sagen können “jetzt ist aber mal Schluss” oder “das ist mir alles zu laut, so lese ich nicht mehr vor”, aber zum Glück war ich einigermaßen entspannt, um mich auf die Suche nach dem Problem dahinter zu machen.
Ich habe “mitgespielt”, habe auch gesagt, dass das ja anscheinend ein blöder Tag ist, ich sehen kann, dass sie wütend ist und auf ihre Bedürfnisse nach Nähe und auch auf das nach dem Ausdruck von Wut reagiert. Es ist total okay, dass das Kind schlechte Laune hat. Genauso wie es auch okay ist, wenn wir mal schlechte Laune haben. Nachdem sich die aufgestaute Stimmung entladen hatte, kam auch schon das wahre Problem zum Vorschein. Eine Freundin war in den Ferien, die andere krank, der Schnee war im Laufe des Vormittags geschmolzen und die Karotte ist auch noch kaputtgegangen. Alles, worauf sie sich gefreut hatte, hat nicht funktioniert. Dass das frustriert, ist verständlich.

Die Kommunikation mit meiner Tochter erinnert mich oft an das Eisbergmodell, das beispielsweise in der Kommunikationswissenschaft eingesetzt wird: Das, was wir mitbekommen ist erst einmal das, was gesagt wird. Erst kommen Worte und Taten bei uns an und alles, was hinter den Worten verborgen ist, müssen wir erst erkennen. Das, was bei uns ankommt, ist nicht die ganze Wahrheit, sondern ca. 20 % davon. Erkennen wir auch nur einen Bruchteil der anderen 80%, haben wir die Chance, die Eskalation zu umgehen. Das kann man tatsächlich ein bisschen mit der Titanic vergleichen: Hätten sie den Eisberg und sein Ausmaß rechtzeitig erkannt, hätten sie die Katastrophe verhindern können. Erkennen wir in einer Situation rechtzeitig die “unsichtbaren” Faktoren, haben wir eine Chance, die Eskalation zu verhindern.

Wenn wir also das nächste Mal einen Moment haben, in dem unser Kind beispielsweise wütend ist, sich aber nur knapp ausdrückt, lohnt es sich, sich den Eisberg ins Gedächtnis zu rufen: Ist das, was wir hier mitbekommen, vielleicht nur ein kleiner Teil der Wahrheit? Liegt unter den Worten und dem Verhalten vielleicht noch mehr verborgen, als das Kind ausdrücken kann? Dann können wir überlegen, so viel wie möglich von dem Rest der Wahrheit zu erkennen und das Kind so besser verstehen zu lernen.

Ich habe euch das Eisbergmodell, das – stark vereinfacht ausgedrückt- in der Theorie auf Siegmund Freud zurückgeführt wird, unten einmal vereinfacht aufgemalt. Oben, an der Oberfläche sind die “sichtbaren” Faktoren: Die Worte, die Fakten, die Taten, die bei uns ankommen. Unter der Oberfläche verborgen liegen vorbewusste und unterbewusste Elemente, die das Gegenüber bestimmen. Bei Kindern können das beispielsweise Ängste oder alte Konflikte sein, die wieder hochkommen – aber auch die individuelle Persönlichkeitsentwicklung spielt mit rein, ob jemand beispielsweise erfahren im Umgang mit Frustration ist, ob jemand sicher in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung ist usw. Darunter noch liegt das Unterbewusstsein, wo unter anderem ganz menschlich-naturgegebene Instinkte veranlagt sind.


bunte Stoffwindeln der Marke Windelinge im Vordergrund, Saugeinlagen im Hintergrund

4 Tipps für weniger Müll beim Windelnwechseln

In den vergangenen drei Jahren haben wir sehr viele Windeln gewechselt – erst bei der großen Tochter, seit Oktober beim Babysohn. Bei unserer Tochter hatten wir in den ersten Monaten keine eigene Waschmaschine in unserer Wohnung und Stoffwindeln waren denkbar ungünstig, weshalb wir in diesen Monaten hauptsächlich Wegwerf-Windeln verwendeten. Es war so viel Müll, dass wir es nur schwer mit unserem Gewissen vereinbaren konnten und es uns irgendwann auch einfach nur noch genervt hat. Eine Wegwerfwindel geht nicht nur in der Produktion auf Kosten der Umwelt, viele sind auch nicht besonders klasse für das Kind und über die Abfallbeseitigung brauchen wir vermutlich gar nicht erst sprechen.

Sobald es möglich war, hieß es daher: Keinen überflüssigen Müll mehr produzieren, vor allem nicht mit Produkten für die Kinder selbst. Das klappt nicht immer, auch bei uns findet man Wegwerf-Windeln für bestimmte Situationen. Es klappt allerdings immer besser, daher kommen hier vier unserer einfachen Tipps, wie man beim Windelnwechseln Müll – und langfristig vor allem auch Geld! – sparen kann.

Tipp 1: Stoffwindeln verwenden

Tipp 1 ist relativ simpel und mittlerweile auch kein Geheimtipp mehr: Keinen Müll kaufen – keine Unmengen an Wegwerf-Windeln kaufen. Wir haben uns durch verschiedene Systeme probiert und schließlich das für uns passende gefunden. Wir wickeln damit jetzt nahezu Vollzeit und verbrauchen so erstaunlich wenig Müll im Vergleich zu vorher. Die Anschaffungskosten sind zwar hoch, es gibt aber auch einen guten Gebrauchtmarkt. Natürlich fällt mehr Wäsche an, aber die Waschmaschine läuft sowieso und wir sparen im Schnitt 1-2 Pakete Windeln pro Woche. Unser aktueller Favorit sind die Windelinge-Windeln (Werbung, unbezahlt), da sie ohne Polyester-Schichten auskommen. In diese werden Einlagen gelegt und als oberste Schicht dient ein dünnes Windelvlies, um Größeres aufzufangen. Das macht zwar Müll, aber das Vlies lässt sich in der Regel auch noch einmal waschen und wiederverwenden, bevor es in den Müll gegeben wird.

Wandregal mit Stoffwindel-Zubehör. Von links nach rechts: Wiederverwendbare Wickelunterlagen, Stoffwindel-Überhosen und Stoffwindel-Einlagen

Tipp 2: Feuchttücher selber machen

Von Wegwerfwindeln auf Stoffwindeln umzusteigen, ist am Anfang eine große Investition, die sich aber auf lange Sicht absolut rechnet. Günstig wird es hingegen schon am Anfang, wenn man von herkömmlichen Feuchttüchern auf wiederverwendbare umsteigt. Ich habe beispielsweise ein ganz normales Moltontuch in 16 kleine Stücke zerschnitten und die Kanten vernäht, das ergibt eine tolle Größe. Die Tücher kommen dann in eine Plastik-Dose aus der Küchenschublade und werden mit einem Gemisch aus heißem Wasser, einem Teelöffel Kokosöl und einem Spritzer Babyshampoo übergossen – et voilà, das war die ganze Magie. Es gibt auch nachhaltigere Versionen als Kokosöl, da das bei uns aber im Schrank steht, wollte ich kein anderes zusätzlich kaufen. Für unterwegs gibt es mittlerweile auch praktische Taschen zu kaufen, wie die blaue von der Windelmanufaktur (unbezahlte Werbung, selbstgekauft) auf dem Bild. So kann man die Tücher gut mitnehmen – die benutzten kommen einfach mit in die Nasstasche und freuen sich dann auf eine Runde Kochwäsche.

Eine große Nasstasche der Firma Cheeky Wipes mit zwei Fächern. Darauf eine kleine Nasstasche von der Windelmanufaktur, in der Feuchttücher stecken.

Tipp 3: Nasstaschen statt Plastikbeutel

Früher hielt mich die Frage nach der Aufbewahrung unterwegs lange von Stoffwindeln ab. Irgenwo müssen die benutzten Einlagen ja unterwegs gelagert werden, man wirft sie nicht einfach in den nächstgelegenen Mülleimer. Statt Plastiktüten oder kleine Mülltüten dafür zu verwenden und diese anschließend in den Müll zu geben, kann mann wunderbar Nasstaschen, sogenannte Wetbags verwenden, wie die mit den Pinguinen auf dem Bild. Sie sind waschbar, haben mindestens ein wasserdichtes Fach und sind in verschiedenen Größen erhältlich. Spätestens, wenn Kinder langsam selbstständig auf Toilette gehen lohnt es sich zudem, immer eine wasserdichte Tasche für Wechselwäsche in der Tasche zu haben.

Tipp 4: Auf Einweg-Unterlagen verzichten

Für unterwegs scheinen sie auf den ersten Blick sehr charmant: Einweg-Wickelunterlagen. Bei Bedarf benutzen und wegschmeißen, wenn sie dreckig ist – nur um dann nach der Benutzung ein überdimensionales Knäuel Müll zu haben, obwohl doch in nahezu jeder gekauften Wickeltasche wiederverwendbare Wickelunterlagen zu finden sind und es auch sehr hübsche einzeln zu kaufen gibt. Wir haben mittlerweile zwei wiederverwendbare Unterlagen im Einsatz, auf die ich aus Gemütlichkeitsgründen unterwegs gerne noch ein Moltontuch lege. Die Unterlagen lassen sich ganz einfach abwischen und lassen sich auch durch eine Waschmaschine nicht einschüchtern.

Selbst wenn wir ab und zu Wegwerfwindeln verwenden, können wir mit diesen Ideen einen erstaunlichen Haufen Müll einsparen. Das ist gut für die Umwelt, das Baby, unseren Geldbeutel und die Nerven aller Nachbar*innen, weil die Mülltonne durch uns nicht übermäßig beansprucht wird.

„… ich zähle jetzt bis drei!“

Es gibt ja so Sätze, von denen man sich vornimmt, sie nie zu sagen. Also so auf gar keinen Fall. Sätze, die uns entweder aus unserer eigenen Kindheit, aus dem Fernsehen, aus Büchern oder aus den Erzählungen anderer begegnen. Diese Sätze sind dennoch in unserem Gehirn gespeichert und können abgerufen werden. Manchmal purzeln sie auch einfach raus, aus Reflex, bevor wir richtig darüber nachdenken können.

Am Wochenende haben wir gemerkt, dass wir bei dem aktuellen Uni-Stress, dem akuten Schlafmangel, der innerlichen Zerrissenheit zwischen all den anstehenden Aufgaben und der auch vor uns nicht Halt machenden Grippewelle manchmal nicht unser ruhigstes Selbst sind.
Mein Mann verglich unsere Situation letztens mit einem Reisebus, der mit überhöhtem Tempo durch eine verwinkelte historische Innenstadt fährt in dem schweißtreibenden Versuch, nirgendwo gegenzufahren und dessen Bremsen leider kaputt sind, weshalb er nicht anhalten und den Ausweg suchen kann. Das traf es sehr gut. Meine Visualisierung meiner selbst trifft aktuell eher einen Oktopus mit etwas zu kleinen Armen, der nirgendwo richtig rankommt. Ein Arm für die Dreijährige, einer für das Baby, einer für das Studium, einer für die Arbeit, einer für die Partnerschaft, einer für das ehrenamtliche Engagement, einer für die Familie und irgendwo ist auch noch ein momentan leicht verkümmerter Arm für mich selbst.

Während wir also quasi mal wieder versuchten, achtarmig diesen Reisebus zu steuern, kam uns das Wochenende in die Quere. Unter der Woche ist unsere Dreijährige gut in der Kita beschäftigt, hat viel Austausch und erzählt sehr lebhaft von all den Dingen, die am Tag passiert sind. Am Wochenende sind wir in der Pflicht, diese Action bei Bedarf auszugleichen. Das ist gar nicht mal so leicht, wenn bei mir ein Blockseminar ansteht und mein Mann das Exposé seiner Masterarbeit einreichen muss, das Baby frisch geimpft ist und erstrecht niemand ausgeschlafen ist. Und als wir dann rauswollten, um bei gutem Wetter auf den Spielplatz zu gehen, ist er mir rausgerutscht, einer dieser Sätze, die ich nie sagen wollte: “Ich zähle jetzt bis drei!”. Ich wollte, dass meine Tochter sich jetzt anzieht, damit wir rauskönnen und kein Problem mit Stillzeiten des Babys bekommen. Sie war aber viel zu hibbelig, freute sich über unseren Besuch und das Rausgehen und konnte sich in dem Moment nicht wirklich konzentrieren. Ich bereute meinen Satz schon, als ich ihn aussprach. Ich halte nichts davon, sie unter Druck zu setzen – Rausgehen soll Spaß machen. Ich sah all meine pädagogischen Bemühungen dahinschwimmen.

Doch meine Tochter brachte uns stattdessen alle zum Schmunzeln und zeigte uns einmal mehr, dass wir von der kindlichen Leichtigkeit oft auch etwas gebrauchen könnten. Nachdem sie mein “Ich zähle jetzt bis drei! Eins, zwei, drei!” hörte, schaute sie mich freudestrahlend an und sagte “Mama, aber ich kann schon bis zehn zählen! Eins, zwei drei…”. Und während manche nun sicher die Hände über dem Kopf schlagen und sich darüber wundern, “wie schlecht mein Kind hört”, konnte ich zehn Sekunden lang tief durchatmen freute ich mich einfach nur. Denn anscheinend ist bisher ziemlich viel richtig gelaufen, wenn mein Kind sich durch eine haltlose, unerwartete Drohung meinerseits so absolut nicht beeindrucken lässt.

Wir sind dann übrigens einfach fünf Minuten später rausgegangen. Tat gar nicht weh und hat immer noch Spaß gemacht.

Weihnachtsvorbereitung: Ruhe finden zwischen Wochenbett und Schub

Diese Woche ist tatsächlich die letzte Woche meines Wochenbettes, die achte Woche nach der Geburt. Am Tag vor Heiligabend endet auch mein Mutterschutz auf der Arbeit und theoretisch auch im Studium, auch wenn ich schon seit zwei Wochen wieder Kurse besuche. Nicht nur das Wochenbett, auch die Vorweihnachtszeit ging viel zu schnell vorbei – ich habe gerade erst die halbe Weihnachtsdeko ausgepackt und diese Woche war die erste nach der Geburt, in der ich genügend Essen für die Tage im Tiefkühler vorbereitet hatte. Zwei, drei Wochen mehr würden mir gerade nicht schaden.

Der Babysohn kommt momentan in seinen zweiten Schub und fordert mehr unserer Zeit und Kraft ein, als ich auf Anhieb finden kann und ich habe nicht das Gefühl, die Wohnung häufig verlassen zu können. Es mischen sich Emotionalität und Schlafmangel, regelmäßig ist die Nacht um 4:30 Uhr vorbei. Tipps für koffeinfreien Kaffee, der als Placebo wirkt, nehme ich gerne entgegen, denn die zwei Tassen am Tag, die ich schon überschreite, reichen nicht mehr. Das letzte, wonach ich mich gerade sehne, ist Stress – und das, wo die Feiertage vor der Tür stehen, Gespräche mit dem Weihnachtsmann geführt und die ersten Referate angefertigt werden müssen, andauernd jemand krank wird und die erste Bahnfahrt mit zwei Kindern durch die halbe Republik anstehen. Also, vorausgesetzt der Zug fährt dann auch tatsächlich.

Daher ist es wahnsinnig wichtig, sich selber nicht komplett verrückt zu machen und mit immer mehr Aufgaben und Ansprüchen zu überhäufen. Ich glaube Resilienz ist manchmal das Wort, das das Studium und Arbeiten mit Kind am besten beschreibt bzw. hier als Kernkompetenz stark gebraucht wird. In schwierigen Situationen die Schwierigkeiten nicht an das Innerste des Selbst herankommen zu lassen. Bei der Liste an bevorstehenden Dingen da oben nicht zu verzweifeln und nicht in Panik zu verfallen – sondern zu schauen: Welche Situation ist gerade da? Was davon stresst mich? Und wie kann ich das umgehen?

Stressfaktoren zu vermeiden bedeutet auch, unsere Vorstellungen vorher auf Umsetzbarkeit zu überprüfen und Leitsätze zu formulieren. Ein kleiner Einblick:

  • An Heiligabend gibt es bei uns das traditionelle Festessen, am 1. Weihnachtsfeiertag Restepizza und erst am 2. Weihnachtsfeiertag brechen wir zur Familie auf
  • Ganz getreu dem Motto Zeit statt Zeug: Im Vordergrund steht die Zeit, die wir uns und der Familie schenken. Außer uns gegenseitig und unseren Kindern schenken wir in diesem Jahr nichts
  • Bei den Geschenken für die Kinder gilt: Lieber wenig, dafür hochwertiges und sorgfältig ausgewähltes Spielzeug, bei dem wir uns darauf freuen, es mit den Kindern zu entdecken
  • Die letzten Jahre haben wir einen “Baum” aus Zweigen selbst gebastelt, in diesem Jahr haben wir in einen Holz-Steck-Tannenbaum investiert, der nicht jedes Jahr aufs Neue im Wald geschlagen und im Auto transportiert werden muss, sondern dessen Wege sich ab jetzt zwischen Wohnzimmer und Keller bewegen
  • Wir können es nicht allen Recht machen, daher haben wir schon im November geplant und kommuniziert, wie wir die Zeit zwischen den Tagen bei der Familie aufteilen. Angereist wird in diesem Jahr mit dem Zug, was zwar teurer ist, aber für uns weniger Stress als eine Autofahrt bedeutet

Es nützt nichts, sich ein schlechtes Gewissen zu machen, weil die Wohnung wenig dekoriert ist, wir noch keine Lichterkette für den Holz-Tannenbaum haben und das Kind nur zwei bis drei Weihnachtsbücher mit uns gelesen hat. Ich ärgere mich jetzt nicht, dass ich im Wochenbett weniger für die Uni geschafft habe, als ich wollte. Ich nehme es hin, dass ich die Weihnachtsgeschenke bestellt habe, obwohl ich vorhatte, gemütliche Spaziergänge mit dem Baby in Richtung Spielzeuggeschäft zu machen. Das Jahr, in dem aus uns drei Menschen vier wurden, geht zu Ende und wenn es schon wie im Flug verging, möchte ich die letzten zwei Wochen in jeder Sekunde wahrnehmen und genießen.

Ich habe keinerlei Motivation, die mir bleibende freie Zeit mit dem Hetzen durch viel zu warme Kaufhäuser zu verbringen und Listen abzuhaken mit Geschenken, die die Beschenkten vielleicht gar nicht brauchen oder wollen. Weihnachten ist das Fest der Besinnlichkeit und ich möchte mich beim ersten Weihnachten mit beiden Kindern an Weihnachtsfilme bei Kinderpunsch und Wollsocken auf dem Sofa erinnern – nicht an Geschenke- und Kochstress. Damit helfe ich weder mir, dem Baby im Schub, den Beschenkten oder dem Planeten. Nicht nur aus Gründen der Nachhaltigkeit halten wir uns mit Geschenken schon länger zurück und schenken lieber gemeinsame Zeit als Gedöns.

Statt durch die Kaufhäuser zu laufen backe ich also lieber Kekse mit der Tochter, schaue schokoladeessend mit ihr Kurzfilme über Weihnachten und bastle Kleinigkeiten für die Wohnung. Statt am Heiligmorgen durch die Supermärkte zu hetzen, haben wir das Bio-Fleisch vorbestellt und gehen schon Tage vorher zu einer Uhrzeit einkaufen, zu der die Gänge hoffentlich leer und die Regale noch voll sind. Alle Mahlzeiten für die kommenden sechs Tage sind vorgeplant, sodass wir uns im Supermarkt nur an die Liste halten müssen, um zügig wieder draußen zu sein.

Unsere gemeinsame Zeit ist so viel wertvoller als jede Deko, jedes perfekte Essen oder jedes Geschenk. Stressfrei schaffen wir auch nicht, wir werden nicht all unseren Ansprüchen gerecht. Das hier ist nicht Instagram. Aber wenn wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, wird es schon ziemlich schön.





Der erste Uni-Besuch nach der Geburt

Am Montag war ich das erste Mal wieder in der Uni, ungefähr fünf Wochen nach der Geburt. Ursprünglich wollte ich die vollen acht Wochen Wochenbett und Mutterschutz zu Hause bleiben, doch nun bekam ich langsam Panik, dass ich die Prüfungen, die im Februar anstehen, dann nicht schaffe. Seit diesem Jahr gibt es Mutterschutz für Studierende und die Uni hat eigentlich keine Anwesenheitspflicht – dennoch ist es nicht so, dass es überall angekommen ist, dass einem das Weiterstudieren nach der Schutzfrist dadurch möglich sein muss.

Für dieses Semester hatte ich vier Dozent*innen angefragt und ihnen die Situation geschildert, dass ich zwar die ersten Wochen des Semesters physisch nicht anwesend sein würde, aber gerne von zu Hause aus die Seminarunterlagen bearbeite und dann nach Ablauf der Mutterschutzfrist wieder teilnehmen würde. Mit zwei Dozenten war dies alles kein Problem, die beiden angefragten Dozentinnen reagierten jedoch anders. Eine schrieb, ich könne es ja versuchen. Den Kurs habe ich schonmal nicht besucht. Eine andere schrieb, dass wir am Ende sehen müssten, “ob es reicht”. Wenn ich mir manchmal angucke, womit Kommiliton*innen so bestehen, bin ich mir ziemlich sicher “dass es reicht”. Die Rückmeldungen klangen nach “Wenn Sie meinen, dass Sie das so machen wollen”. Dabei ist das keine Meinung, Mutterschutz ist gesetzlich verankert. Fertig aus. Das macht mich vor allem wütend, weil ich gleich geschrieben hatte, dass ich den Stoff zu Hause nachholen würde, was ich im Mutterschutz nicht einmal müsste.

Nun plagte mich die Panik, zu viel zu verpassen doch zu sehr, vor allem, weil in dem einen Kurs, in dem ich eine Prüfung machen muss, keine Materialien online gestellt werden und ich im Januar ein Referat halten muss. Ich habe entschieden, zumindest in diesen Kurs trotz Mutterschutz schon wieder zu gehen – ein anderer ist als Blockseminar organisiert und findet erst wieder im Januar statt und bei dem, an dessen Ende geguckt wird, “ob es reicht”, genieße ich noch eine Weile meine Freistellung von der Uni.

Wieder in die Uni zu gehen glich einem logistischen Meisterakt. Die große Tochter musste von der Kita abgeholt werden und wir mussten rechtzeitig an der Uni sein, damit ich den Babysohn nochmal stillen kann. Die Stillzeiten zuvor waren alle etwas getaktet, damit er einigermaßen im richtigen Moment wieder hungrig sein würde. Mein Mann würde dann mit beiden Kindern im Familienzimmer der Uni warten und sich melden, falls irgendwas nicht klappt und ich aus dem Seminar rauskommen muss. Die Tasche, die ich für alle gepackt hatte, enthielt Bücher, Wechselkleidung für beide Kinder, Essen und Trinken, eine Milchpumpe für den Notfall und Wickelzeug. Ich wollte ruhig ins Seminar gehen können und wissen, dass ich so viel vorbereitet hatte wie möglich. Zum Schluss hatte ich noch drauf geachtet, einen Pullover ohne Spuckflecken anzuziehen, auch für mich ein Getränk einzupacken, das grobe Thema der Sitzung zu recherchieren und pünktlich im Seminar zu sein. Und dann?

Ja dann bekam ich beim Anblick der ranzigen Uni-Toiletten, die entweder verstopft waren oder deren Klobrillen irgendwo auf dem Fußboden lagen leichte Anflüge einer Wochenbettdepression der anderen Art, dann kam der Dozent zu spät, es waren inklsuvie mir nur vier Studierende da und das heutige Referat wurde in Jogginghose gehalten. Das Thema kannte ich bereits, wie ich während des Vortrages feststellte und hatte mir darunter auch irgendwie etwas anderes vorgestellt. Stundenlange emotionale und praktische Vorbereitung des Wiedereinstiegs für 90 Minuten Wiederholung. Ich weiß noch nicht, ob das wirklich Not tat. Nach einer Stunde fühlte ich mich fiebrig, weil ich so viel darüber nachdachte, warum ich hier war und wollte nach Hause. Die letzte Nacht machte sich zunehmend bemerkbar und gegen 17:30 Uhr hatte ich Schwierigkeiten, meine Augen aufzuhalten. Die Tochter ist auf dem Rückweg im Auto eingeschlafen und möchte nächste Woche unbedingt wieder in die Uni – immerhin.

Es war dennoch “entspannter” als der erste Uni-Besuch nach E.s Geburt damals, als ich vier Wochen nach der Geburt dank der Anwesenheitspflicht in Kiel keine andere Wahl hatte, alleine mit Kinderwagen vor dem kaputten Aufzug stand und weder wusste, wie ich im Hörsaal ankommen noch dort 90 Minuten sitzen sollte. Aber nun bin ich froh, dass ich erst in einer Woche wieder hinmuss und danach erst einmal Weihnachten ist.


Es ist anstrengend – im Moment

Wie anstrengend der Alltag mit dem neugeborenen Kind wahrgenommen wird, hängt von vielen Faktoren ab. Sowohl unsere Erwartungen als auch die Unterstützung durch das Umfeld, die individuellen Geburtserlebnisse und die aktuelle körperliche Verfassung sind dafür wichtig.

Während wir einige dieser Bereiche gut steuern oder beeinflussen können, ist unser kleines Gegenüber wie eine Wundertüte. Temperament und Vorlieben kennen wir (noch) nicht. Manche Babys schreien sehr viel, alle sind unterschiedlich in Bezug auf ihre Gefühlsstärke. Auch sie wurden von der Geburt geprägt und haben noch keine Möglichkeit, darüber mit uns zu sprechen. Wir können nur raten, was sie gerade brauchen und uns langsam an Lösungen herantasten.

Bis wir die richtigen Tipps und Kniffe haben vergeht viel Zeit, manches bleibt für immer ein Rätsel. Die Zeit, die dazwischen liegt, kann anstrengend sein. Sehr anstrengend, ehrlich. Beim zweiten Kind ist es, wie wir gerade feststellen, nicht weniger anstrengend, sondern nur anders. Vieles wissen wir mittlerweile, wir machen uns weniger Stress und ignorieren beispielsweise Kommentare auf dem Spielplatz und an der Supermarktkasse leichter. Das ist unser Stresslevel, das wir senken können. Worauf wir aber beispielsweise weniger Einfluss haben, sind Schlafmangel und ein dünner werdendes Nervengerüst. Letzte Woche waren wir alle erkältet, der Babysohn ist alle 1-2 Stunden zum Trinken wach geworden, auch nachts. Da schaltet der Körper in einen Funktionsmodus, warme Worte sind um 3:00 Uhr nachts durchaus auch Mangelware – aber wahnsinnig wichtig, wenn man sich fragt, wie man bis zum Ende des Stillens halbwegs wach bleiben soll.

An den Tagen, an denen ich mit der großen Tochter damals nicht in die Uni musste, konnte ihr Baby-Rhythmus auch meinen Alltag leiten. Nun müssen Kita-Zeiten, Uni-Zeiten, Job-Zeiten, Aufmerksamkeitsbedürfnisse der Großen und Stillbedürfnisse des Babys koordiniert werden. Das klappt nicht immer. Das ist anstrengend.   

Es ist anstrengend, wenn das Baby sich im Moment nicht ablegen lässt – aber das geht irgendwann vorbei.
Es ist anstrengend, wenn das Baby im Moment alle zwei Stunden gestillt wird und ich schauen muss, wie ich die Kita-Abholzeit dazwischen bekomme – auch das geht vorbei.
Es ist anstrengend, dass wir im Moment in den seltensten Fällen gemeinsam am Tisch sitzen, weil eine*r das Baby schaukelt – auch das geht vorbei.
Es ist anstrengend, dass wir im Moment nicht einfach mal ins Kino gehen können und ich abends um 20 Uhr regelmäßig einschlafe – auch das geht vorbei.

Was mir letzte Woche passenderweise in die Timeline gespült wurde, war ein Video der großartigen Kristina Kuzmic, deren Youtube-Kanal ich euch hier einmal verlinke. Sie postet regelmäßig amüsante Truth Bombs über Elternschaft. Sie postete ein Video mit dem Titel “It’s not permanent”, in dem sie über finanziell harte Zeiten spricht und dafür wirbt,  sich immer vor Augen zu halten, dass es momentane Zustände sind, die nicht für immer so bleiben.

Daher an mich selbst und auch an dich: Es ist anstrengend – im Moment. Das weiß ich, weil das alles hier vor wenigen Jahren schon einmal vorbeigegangen ist und ich mich an vieles nicht mehr erinnert habe. Was hier hilft, sind Gleichgesinnte wie Familienmitglieder, die Kinder in ähnlichem Alter haben, Freund*innen oder Gruppen, in denen Eltern sich austauschen können. Manchmal erwartet man gar keinen großartigen Tipps, sondern einfach nur ein offenes Ohr oder ein müde gehauchtes “Ich weiß genau, was du meinst – mir geht es genauso.”

Zum Schluss noch drei Buchempfehlungen für Eltern, die verstehen wollen, warum ihr Gegenüber sich so verhält:

  • Allgemein: Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. Kösel-Verlag 2015.
  • Schreibabys: Anja Constance Gaca, Susanne Mierau: Mein Schreibaby verstehen und begleiten: Der geborgene Weg für High Need Babys. GU 2018.
  • Gefühlsstärke: Nora Imlau: So viel Freude, so viel Wut: Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten. Kösel-Verlag 2018.


Wochenende in Bildern – 01./02. Dezember 2018

Unser Dezember beginnt mit einem ruhigen Wochenende. Der Familien-Adventskalender löst am Samstagmorgen große Freude aus – nicht nur beim Kind, denn auch wir wissen nicht, was sich darin verbirgt.
Mit dem Babysohn in der Trage mache ich mich nach dem Frühstück auf den Weg zum Blumenladen, während der Mann und die Tochter eine Gemüsesuppe mit Solawi-Gemüse vorbereiten. Ich hatte mir zwar vorgenommen, den Adventskranz schon früher zu machen, bin aber dann durch die U3 und andere Termine nicht dazu gekommen. Zum Glück fällt mir im Blumenladen ein, dass wir auch noch Kerzen brauchen und ich spaziere noch an der Drogerie vorbei.

Am Nachmittag treffen wir Freund*innen auf dem Weihnachtsmarkt in der Kolonie Alexandrowka hier in Potsdam. Die kleinen Märkte dort mag ich immer sehr, sie sind sowohl für Kinder als auch für Eltern überschaubar und es gibt leckeres Essen – heute beispielsweise Quarkbällchen und heißen Apfelsaft für uns. Während es den ganzen Tag über sehr mild war, kriecht dann aber doch plötzlich die Kälte in Jacken und Schuhe.

Wieder im Warmen schauen wir mit der Tochter Pippi feiert Weihnachten. Ein Klassiker, der in keinem Jahr fehlen darf.

Am Sonntagmorgen darf dann die erste Kerze angezündet werden. Der Unterschied zwischen 1. Dezember und 1. Advent ist schwierig zu erklären und ich glaube, die Tochter wartet jetzt einfach ab, bis irgendwann alle Päckchen des Adventskalenders ausgepackt sind und alle Kerzen leuchten.

Während auf dem Herd die Zutaten für Labskaus vor sich hinköcheln, nähe ich der Tochter einen Walkrock und repariere ein paar kaputt gegangene Teile.

Später backe ich noch Mandelplätzchen und verkrümel mich mit der Tochter ins Kinderzimmer, wo wir Weihnachtsgeschichten lauschen und mit den Holztieren und Holzklötzen einen Bauernhof bauen.

Und dann ist das erste Adventswochenende genauso schnell vorbei wie der Rest des Jahres bisher. Eigentlich wollte ich morgen trotz Mutterschutz wieder in die Uni, um bei meiner Prüfung eine Chance zu haben. Da beide Kinder mehrere Stunden zum Einschlafen brauchen, eins krank und eins unzufrieden ist, lasse ich mich morgen aber erstmal von der Realität überraschen, bevor ich weiterplane.

Und wie war euer Wochenende?
Mehr Wochenenden in Bildern gibt es wie immer bei Geborgen Wachsen.