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Laptop mit Lektüre und Notizbuch

Studieren mit Kind: Der Alltag ist ein ständiges Verhandeln

Ich glaube, dass zum einen Resilienz ein großes Stichwort im Familienalltag ist. Resilienz ist eine Kompetenz, die Eltern zwangsläufig erwerben müssen, um nicht völlig durchzudrehen, wenn Planungen nicht aufgehen, die Wohnung unter Wasser steht, die Wand mit Filzstift angemalt wurde oder dem teuren Steiff-Kuscheltier die Haare abgeschnitten wurden.

Ein anderes Stichwort ist allerdings auch Verhandlungskompetenz. Der Familienalltag ist immer und immer wieder ein Verhandlungstisch. Zum einen mit den Kindern, zumindest wenn man sie von Anfang an als mündige Individuen betrachtet und nicht als ausführende Wesen, die einem großen Leitbild folgen sollten. Kinder haben ihre Ansprüche an die Tagesgestaltung, die gehört werden müssen. Wir verhandeln schon beim Frühstück: Wie viel Brote mit Schokocreme sind erlaubt? Gibt es Grenzen? Was ist der Kompromiss, wenn das Kind bei Regen mit Sandalen statt mit Halbschuhen losgehen will? Zwingen wir es mit emotionaler Gewalt in die Turnschuhe oder akzeptieren wir die Sandalen und packen einfach die Gummistiefel mit ein? Können wir unterwegs anhalten, um dieses besonders schöne Exemplar eines Stocks einzusammeln und mitzunehmen? Wir verhandeln im Grunde den ganzen Tag und suchen bei Unstimmigkeiten Kompromisse. Und zwar Kompromisse mit jemandem, der noch völlig andere Vorstellungen von Relevanz und Notwendigkeit hat, als wir selbst.

Wir Eltern verhandeln den ganzen Tag

Aber nicht nur mit den Kindern verhandeln wir. In unserem Alltag wird es stark deutlich, dass im Grunde jede Stunde verhandelt wird. Ich hoffe sehr, dass das anders wird, wenn wir beide mit dem Studium fertig sind, denn ich bin ganz ehrlich: Ich habe auf dieses ständige Verhandeln keine Lust mehr. Es ist ermüdend, immer in dem Dilemma zu stecken, dass eigentlich beide gerade arbeiten bzw. am Schreibtisch sitzen müssten. Wenn eine*r arbeitet, muss der oder die andere den Eltern-Job übernehmen. Baby bespaßen, zur Kita fahren, Nachmittags-Spieldates wahrnehmen, Essen kochen usw. Das machen wir beides total gerne und lieben es, Eltern zu sein. Aber es wäre wesentlich leichter, das entspannt zu machen, wenn einem nicht ständig das schlechte Gewissen im Nacken sitzen würde: einen Feierabend gibt es im Studium ja im Grunde nicht. Unzählige Abende saßen wir bis nach Mitternacht in der Küche und haben für Klausuren oder Prüfungen gelernt. Aktuell startet unser Tag zwischen 4 und 5 Uhr morgens und endet erst gegen 23 Uhr. Wenn man selbst verantwortlich für den Lernerfolg ist, gibt es immer noch etwas, was erledigt werden müsste. Ein Text, der gelesen oder ein Protokoll, das geschrieben werden müsste. Jede Stunde Schreibtischzeit ist Verhandlung.

Viele unserer abgegebenen Hausarbeiten bleiben dennoch weit hinter dem zurück, was wir gerne leisten und vor allem auch gerne wissen würden. Wir müssen verhandeln, auch mit uns selbst: Welche Texte werden noch gelesen? Was ist das Minimum, wo ist Zeit für Zusätze? Welches Wissen können wir verantworten nicht zu haben? Welche Intensität der Grippe lässt uns noch losgehen, ab wann kapitulieren wir, um noch ein Mindestmaß Alltag zu schaffen? Immer mit dem Gedanken: Da geht noch mehr.

Studieren mit Kind: Das schlechte Gewissen macht müde

Das macht müde. Das schlechte Gewissen macht müde, das Gefühl des Nicht-genug-Machens macht müde, das Verhandeln macht müde und raubt Zeit. Es schärft zwar das Empfinden für Bedürfnisse, es lässt uns hier auf Augenhöhe zusammenleben und uns gegenseitig zuhören und ist vielleicht irgendwann so intuitiv, dass konstruktive Zusammenarbeit und demokratische Entscheidungsfindung für unsere Kinder Selbstverständlichkeiten sind. Ich hoffe es zumindest, denn dann hat sich all der tägliche Wahnsinn der Herausforderungen beim Studieren mit Kindern auf jeden Fall gelohnt.

Titelbild "Tragen im Sommer": Mutter mit dem Kind im Tragetuch (als Hüftschlinge gebunden)

Baby tragen im Sommer: Worauf ich achte

Bei Temperaturen um die dreißig Grad taucht schnell die Frage auf, was wir unseren Babys eigentlich noch anziehen sollten, um sie vor Überhitzung und der direkten Sonneneinstrahlung zu schützen. Hier findest du einen Überblick über die wichtigsten Rahmenbedingungen, wonach ich mein Baby trage, doch es sei ausdrücklich erwähnt: Das ist keine Garantie und keine Haftungsübernahme. Es sind meine Erfahrungen als Trageberaterin, aber du und dein Kind seid individuell. Wenn du dir unsicher bist, lasse dich lieber noch einmal von einer Trageberaterin vor Ort beraten.

Tragen im Sommer: Die wichtigsten Rahmenbedingungen

  • Die Mittagshitze sollte bestenfalls gemieden werden. Babys sind noch empfindlicher in Bezug auf Sonneneinstrahlung und in Bezug auf den Temperaturausgleich
  • Haut-zu-Haut-Kontakt kann unangenehm werden und Ausschlag verursachen. Versuche, zwischen dir und dem Baby eine Stoffschicht zu tragen, beispielsweise dein T-Shirt oder ein Spucktuch
  • Alles kann, nichts muss: Wenn es beiden zu warm ist, sollte das Tragen nicht erzwungen werden
  • Ausreichend Flüssigkeit ist das A und O. Dem Alter entsprechend sollte man dafür sorgen, dass das Baby Flüssigkeit zu sich nimmt (Muttermilch, Pre, später auch Wasser oder ungesüßter Tee)
  • Es gibt für richtig heiße Tage und die Mittagssonne spezielles Zubehör wie Sonnenschirme und Sonnencover (z.B. von Didymos). Normale Regenschirme ohne UV-Schutz erfüllen diese Funktion nicht. Ich persönliche habe dieses Zubehör noch nie gebraucht, bin aber auch selten mit Baby mittags draußen

Bindeweisen und Tragen

Für den Sommer wird meistens kein spezielles Tragetuch benötigt, aber einige Tipps helfen, damit es nicht zu warm wird:

  • dünne Stoffe sind angenehmer. Bei Tragetüchern sind das beispielsweise Baumwolltücher mit einem Flächengewicht von unter 200g/m2
  • Tragetücher unterscheiden sich im Material. Hanf, Leinen oder auch Seide sind im Sommer wesentlich besser geeignet als beispielsweise Wolle
  • das Tragetuch wirkt wie eine Extra-Schicht Kleidung. Sogenannte einlagige Bindeweisen (= nur eine Schicht Stoff) sind im Sommer besser geeignet. Hierzu zählen beispielsweise das Känguru als Bindeweise vor dem Bauch oder der einfache Rucksack auf dem Rücken
  • auch Ring-Slings sind luftiger als beispielsweise die klassische Wickelkreuztrage. Auf dem Bild oben trage ich ein Tragetuch in Größe 4 als Hüftschlinge
  • Wenn du eine Trage benutzt, schaue, dass sie aus Baumwolle ist und kein Polyester enthält, in Polyester wird stärker geschwitzt. Einige Tragen haben in ihren Kopfstützen sogar einen integrierten UV-Schutz

Was sollte das Baby anziehen?

Bei der Kleidung lautet das Motto: Babyhaut sollte vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt sein.

  • Eine UV-Schutz-Mütze mit Schirm und Nackenschutz ist unerlässlich
  • Bei Hitze reichen am Körper beispielsweise ein Langarmbody/Langarmshirt, eine lange Hose oder Beinstulpen und dünne Socken
  • Wenn es noch etwas kühler ist, ziehe ich meinem Baby ein kühleres Jäckchen über einen Kurzarmbody
  • Auch das Material der Kleidung kann helfen, in Polyester wird schnell geschwitzt, während beispielsweise ein Wolle/Seide-Mix temperaturausgleichend wirkt

Ob dem Baby mit der Kleidung zu warm oder zu kalt ist, kann man immer mal im Nacken erfühlen. Dort merkt man sehr gut, ob dem Baby zu kalt oder zu heiß ist.

Das erste Jahr mit Baby - Mutter mit Kind im Tragetuch, das als Hüftschlinge gebunden ist

Das erste Jahr geht so schnell vorbei…

Das erste Jahr mit dem Baby geht schnell vorbei. Wir haben gerade das zweite Baby, die Zeit rast und irgendwie wissen wir das, irgendwie aber auch nicht. Gerade eben war noch Herbst, die Pullover gingen nicht mehr über den dicken Bauch und die Übergangsjacke ging gerade noch so zu. Dann kam das Baby, die Wochen im Wochenbett in der Wohnung, der Winter, in dem das Baby unter der Jacke mit uns spazieren ging.

Und nun? Nun ist plötzlich Sommer. Keine Ahnung, wo der Frühling geblieben ist. Der ist uns irgendwo unterwegs verloren gegangen. Der Babysohn sitzt plötzlich auf der Hüfte und isst im Tragetuch Hirsekringel. Wir kochen wieder Kartoffeln ohne Salz und schauen bei den ersten Krabbelversuchen zu.

Oft fragen wir uns dabei, ob wir das eigentlich alles genug wahrnehmen, ob wir intensiv genug hinsehen und ob wir uns das wohl je alles merken können. Die ersten Laute, die großen Augen, die sich über das Kuckuck-Spiel freuen. Dabei kennen wir die Antwort eigentlich bereits: Nein. Nein, wir werden uns das nicht alles merken können. Sicherlich bleiben einige Erinnerungen hängen, die ersten Worte oder besondere Tage. Aber von den Jahren mit unserer Großen wissen wir, dass wir viele Tage vergessen werden. Nicht, weil sie unwichtig wären, gar nicht. Aber weil jeden Tag neue Erinnerungen dazukommen.

Unsere Kinder lernen jeden Tag etwas Neues dazu, wir leben im Moment und versuchen, sie bestmöglich zu unterstützen. Wenn wir so sehr auf den Moment konzentriert sind, geht das davor manchmal verloren. Es fällt uns schwer, uns vorzustellen, wie unsere Tochter vor drei Jahren genau ausgesehen hat, weil schon so viele Entwicklungen danach kamen und das für uns jetzt “normal” ist. Das wird bei unserem Sohn genauso sein.

Einige wenige Momente halten wir auf Videos fest, die sind wesentlich besser zu archivieren als tausende Fotos. Sie geben unser Kind wieder und auch uns im Hintergrund. Dass wir so oft daran gedacht haben, macht mich heute so glücklich, denn es transportiert so viel mehr Familienalltag als ein Foto. Aber ganz ehrlich? Beim ersten Kind haben wir viel mehr gefilmt. Wir haben Ordner angelegt und Fotos nach Monaten sortiert. Dafür fehlt jetzt leider oft die Zeit.

Das macht immer mal nachdenklich, doch das Folgende hilft mir dabei:

Annehmen. Das ist okay. Das ist normal. Ich möchte nicht andauernd das Gefühl haben, das alles nicht intensiv genug zu erinnern, sondern mich über die Momente freuen, die tatsächlich bleiben. Wir reden gemeinsam über Momente und erinnern uns immer wieder dran, wir sichten gelegentlich alte Fotos auf dem Computer und hängen Bilder aus den Urlauben auf. Und irgendwann werden wir gemeinsam lange darüber rätseln, “wo das denn noch gleich war” und das wird ein neuer schöner Abend werden.

Einmal im Monat ziehe ich jetzt Fotos raus, die in ein Jahresalbum kommen werden. So bleibt immerhin etwas am Ende des Jahres als Datei übrig, mit viel Glück kommt man auch tatsächlich zum Ausdrucken und Einkleben. Für beide Kinder lege ich auch ein Erinnerungsbuch ohne Bilder an. Beide bekommen das gleiche, bei der Großen schreibe ich tatsächlich schon seit ihrer Geburt Erinnerungen, erste Schritte und gemeinsame Urlaube auf. Und beim Baby fange ich bestimmt auch demnächst an 😉

Buch Einfach Familie Leben von Susanne Mierau und Milena Glimbovski

Rezension: Einfach Familie leben (Susanne Mierau und Milena Glimbovski)

Einfach Familie leben heißt das neue Buch von Susanne Mierau, der Autorin hinter dem Blog Geborgen Wachsen und Milena Glimbovski, der Gründerin von Original Unverpackt. Herausgekommen ist ein schöner Minimalismus-Guide für Familien mit kleinen Kindern, die auf der Suche nach weniger Konsum und mehr Zeit sind.

Eltern werden mit Konsumangeboten häufig überschüttet. Viele Dinge werden für das Baby und später für das Kind angeblich dringend benötigt, kaum eine Marktlücke ist noch unbesetzt. So investieren Eltern nicht nur viel Geld in die Ausstattung ihres Zuhauses, sondern auch in die Zeit, die sie mit der Suche nach diesen Angeboten verbringen. Minimalismus in der Familie ist daher schon etwas länger ein Trend, der dem entgegenzuwirken versucht. Schon auf dem Titelcover wird die Intention der beiden Autorinnen deutlich: “Zuwendung & Zeit statt zu viel Zeug”.

Gegliedert in die Kapitel “Erste Schritte”, “Pädagogik”, “Wohnen”, “Kleidung”, “Ernährung”, “Pflege”, “Lifestyle” und “Mobilität” gibt dieser Ratgeber mit vielen schönen Fotos von Katja Vogt kurze Einblicke in Themen, über die sich Eltern auf ihrem Weg in Richtung Vereinfachung Gedanken machen können. Entlang dieses Weges gewähren die Autorinnen Einsicht in ihre eigenen Gewohnheiten, stellen aber auch Unternehmen vor, die in der nachhaltigen Branche tätig sind und stellen sinnvolle Übersichten, zum Beispiel zum Thema Tragemöglichkeiten für Babys zusammen.

Viele der Produkte, die in Einfach Familie leben portraitiert werden, sind nicht gerade günstig, was zunächst einmal abschreckend wirken mag. Sie sind zwar sicherlich ihren Preis wert, aber doch für viele Familien nicht erschwinglich. Es hilft, diese als Inspirationen zu sehen und nicht als Must-Haves für den minimalistischen Familienweg. Das machen die Autorinnen bereits zu Beginn ihres Buches in den ersten Schritten deutlich: Etwas neu zu kaufen, ist die allerletzte Option. Sie präsentieren die Konsumpyramide, an deren Spitze das Kaufen steht, während viel stärker die (für alle Interessierten machbaren!) Alternativen fokussiert werden sollten: Hierzu zählen beispielsweise “Benutze, was du hast”, “Leihe es aus” oder “Kaufe es second hand”. Diese Botschaften sind gerade in der heutigen Zeit sehr wichtig, in der jedes Produkt theoretisch verfügbar wäre.

Durch die große Bandbreite an Themen werden Inspirationen in nahezu jedem Bereich, der junge Eltern interessiert, vorgestellt. Besonders hervorheben möchte ich hier beispielsweise die Interviews mit Anna Christina Jost, die den Online-Blog Eltern vom Mars schreibt, zum Thema Montessori-Pädagogik im Alltag oder mit Kübra Gümüşay über die politische Komponente des freiwilligen Verzichts.

Positiv fällt auf, dass die Autorinnen stets versuchen, so viele differenzierte Wege wie möglich aufzuzeigen. Wie beispielsweise sowohl Stillen als auch das Füttern von Milchersatznahrung minimalistisch gestaltet werden können oder wie der ökologische Fußabdruck möglichst gering gehalten werden kann, auch wenn gerade kein Unverpackt-Laden in der Nähe ist.

Ich bin gespannt, ob es in Zukunft einen Folgeguide für Familien mit Schulkindern oder Teenagern geben wird und würde mir wünschen, dass Väter in dem dann noch präsenter als in diesem schon sind.

Leseempfehlung?

Susanne Mierau und Milena Glimbovski geben in Einfach Familie leben einen guten Einstieg für Familien mit Kindern zwischen 0 und 6 Jahren, die ihr Leben nachhaltiger und minimalistischer gestalten möchten und noch am Anfang dieser Reise sind. Sie portraitieren spannende Personen und Initiativen, geben Links zu Plattformen und nützlichen Apps und die Fotos von Katja Vogt inspirieren wirklich dazu, sich noch intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denjenigen, die schon sehr nachhaltig und minimalistisch leben, wird das meiste bereits bekannt vorkommen, doch auch dann lesen sich vor allem die Interviews sehr gut.

Susanne Mierau, Milena Glimbovski: Einfach Familie leben. Der Minimalismus-Guide: Wohnen, Kleidung, Lifestyle, Achtsamkeit.
Knesebeck-Verlag, München 2019. 215 Seiten.
ISB-N: 978-3-95728-270-5
Klappenbroschur: 25,00€

Kinder und Entschuldigungengen: Vater und Tochter mit Sandspielzeug am Meer

“Es tut mir leid.” Kleine Kinder und Entschuldigungen

Müssen sich Kinder entschuldigen? Und in welcher Form überhaupt? Und ab wann?

“Johannes lass’ das. Johannes hör’ auf damit. Johannes, nicht die anderen Kinder hauen. Johannes du entschuldigst dich jetzt SOFORT bei dem Kind. Johannes umarme das Kind und zeig ihm, dass es dir leid tut”. Das letzte Mal, als ich mit unserer Tochter beim Kinderturnen war, ist mittlerweile über zwei Jahre her und endete mit dieser Szene. Kinderturnen für Ein- und Zweijährige, die sich in der dunklen Jahreszeit indoor austoben konnten. Das war eigentlich ganz nett, wenn nicht alle Eltern immer versucht hätten, den anderen Eltern zu zeigen, dass sie auch ja alles “richtig” machen mit ihrem Kind. Johannes, dessen Name in echt anders war, hatte nicht so wirklich viel Lust, mitzumachen und offensichtlich an diesem Tag ganz andere Baustellen. Er war wütend, er wollte nicht mitmachen, aber seine Mutter hatte ihn doch extra angemeldet, dann kann er ja wohl mal mitmachen. Johannes war ungefähr zwei Jahre alt und hatte natürlich noch keinerlei Verständnis dafür, warum er dieses Kind jetzt umarmen und ein “Entschuldigung” murmeln sollte. Und mein Kind hatte keine Ahnung, warum Johannes sie umarmen sollte, wenn er doch gerade blöd zu ihr war.

Müssen sich kleine Kinder entschuldigen?

Genauso, wie wir unsere Kinder nicht dazu zwingen, mechanisch “Bitte” und “Danke” zu sagen oder ihnen fremden Personen zur Begrüßung die Hand zu geben, genauso haben wir auch noch nie gefordert, dass sie sich für irgendetwas entschuldigen. Denn der Punkt ist ja der: Erwachsene erwarten Entschuldigungen, weil es als höflich gilt – in der Erwachsenenwelt. Wir sind in der Lage, Fehlverhalten meist zu erkennen und daraus resultierend eine Entschuldigung auszusprechen. Wir können uns im besten Fall in unser Gegenüber hineinversetzen und haben ein Verständnis davon, was richtig ist und was nicht. Kleinkinder können das noch nicht.

Kann mein Kind sich denn schon entschuldigen?

Sie können zwar “Entschuldigung” sagen, wenn ihnen gesagt wird, dass sie es müssen, aber es dauert Jahre, bis sie sich tatsächlich in ihr Gegenüber hineinversetzen können. Die Forschung nimmt an, dass Kinder ungefähr mit zwei Jahren überhaupt erst ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass andere Kinder andere Vorstellungen haben. Dann wird es in der Kita spannend, wenn zwei Kinder beispielsweise das gleiche Spielzeug nehmen möchten und es nur schwer verstehen, dass das jeweils andere es ihm nicht einfach überlassen möchte. Nach dieser Erkenntnis dauert es wiederum einige Zeit, bis aus dem Erkennen ein Verstehen werden kann. Erst ungefähr in dem Alter, das E. jetzt mit fast vier Jahren hat, können sich die Kinder auch tatsächlich ausreichend in andere hineinfühlen.

Wie weit das eigene Kind in diesen Dingen ist, kann kein Schema vorhersagen, da sich Kinder ja bekanntermaßen sehr unterschiedlich entwickeln. Woran wir uns dann orientieren können? An unseren Kindern. Die zeigen uns das nämlich in der Regel sehr eindeutig. Sie kennen Worte wie “Entschuldigung” aus dem Kindergarten und hören es oft, bevor sie es selbst benutzen. Sie entwickeln ein eigenes Verständnis dafür, wann es benutzt werden kann und wann nicht.

Und dann kommt es irgendwann von ganz alleine. Ohne, dass wir es predigen müssen. Dann entwickelt das Kind diesen Gerechtigkeitssinn und steht für sich und andere ein. Vergangene Woche bat unsere Tochter einen Freund, sich für ein Wort zu entschuldigen, das er scherzhaft zu mir sagte – weil sie wusste, dass ich das Wort nicht mag. Und heute, nach einem wirklich chaotischen Morgen, an dem so viel gedankliches Durcheinander war, dass sie nicht in den Kindergarten gehen konnte, schaute sie mich Stunden später plötzlich an und sagte “Mama, es tut mir leid, dass es heute morgen so laut war.” Entschuldigungen, die ernst gemeint sind, kommen nicht immer sofort auf Abruf. Entschuldigungen brauchen Reflektionszeit und viele Gedanken. Ganz ehrlich, wir brauchen doch auch manchmal selbst ein bisschen länger dafür.

Kinder und Entschuldigungen: Wir Eltern sind Vorbilder

Wir Eltern können natürlich schon unseren Beitrag dazu leisten, dass unsere Kinder aufrichtige Entschuldigungen kennenlernen. Aber nicht, indem wir sie von klein auf an dazu anhalten, immer gleich “Entschuldigung” zu sagen, wenn etwas von allgemeinen Vorstellungen abweicht. Wir können aber beispielsweise im richtigen Alter mit gut gewählten Worten Verhalten kommentieren. Wenn mein Kind einem anderen Kindern etwas wegnimmt und das daraufhin beginnt zu weinen, kann ich sagen: “Schau mal, der xy weint. Ich denke, dass er weint, weil er auch gerne die Schaufel haben wollte” und dann eine gute Lösung mit beiden Kindern finden.

Wir können auch mal reflektieren, wie oft und wie ernst gemeint wir eigentlich “Entschuldigung” sagen – da ist es genauso wie mit dem “Bitte” und dem “Danke”. Wir können uns unter uns Erwachsenen entschuldigen, aber ebenso auch beim Kind, wenn wir ihm unrecht getan haben. Das tut gar nicht weh und bricht keinen Zacken aus der Krone. Bei uns treten passende Situationen eigentlich täglich auf und ich wette, dass es in den meisten Familien nicht anders aussieht. In den ersten Monaten mit O. war zum Beispiel “Es tut mir leid, dass du jetzt gerade warten musstest, ich wollte gerne erst O. ins Bett bringen, weil er vor Müdigkeit geweint hat” ein Satz, der mehrfach fiel.

Es heißt ja immer so schön, dass wir Kinder gar nicht wirklich aktiv “erziehen” müssen, weil sie ohnehin viele Dinge von uns übernehmen. Das Entschuldigen scheint bisher genauso zu funktionieren.

Plastikfasten als Familie - Schraubglas mit Plastikmüll mehrerer Wochen

Plastikfasten als Familie

Wir hatten uns dieses Jahr in den Wochen vor Ostern dazu entschieden, konsequentes Plastikfasten als Familie zu veranstalten. Dass wir eher Ökos sind, ist jetzt kein Geheimnis, trotzdem gingen auch bei uns die ein oder anderen Plastiksünden in den letzten Jahren durch. Schaut man sich allerdings mal die Ozeane, Strände und Grünflächen der Welt an – oder sogar unsere eigene Wohnung – dann stellt man fest, dass viel zu viel Plastik in der Umwelt herumirrt, um dessen Entsorgung sich niemand wirklich kümmert.

Dass all unser Plastik irgendwo hier recycelt werden würde, ist ein Irrglaube. Wenn wir also nicht genau kontrollieren können, wo unser Müll hingeht, können wir stattdessen darauf achten, nicht zu viel zu produzieren. Das ist hier in der Stadt relativ leicht. Ich weiß, dass es auf dem Land durchaus schwieriger sein kann, aber kleine Verbesserungen kann jede*r schaffen. Wir haben hier mittlerweile zwei Unverpackt-Läden, in denen wir unsere eigenen Behältnisse wieder und wieder verwenden können, um Kaffee, Müsli, Waschmittel, Schokolade und co. nach Hause zu transportieren. Wer keinen Laden in der Nähe hat, kann aber beispielsweise auch darauf achten, eher größere Packungen zu kaufen oder im Drogeriemarkt auf wenige, nachhaltige Produkte umzusteigen.

Wir haben sechs Wochen Plastik gefastet und sind tatsächlich mit etwas mehr als einem Schraubglas für den entstehenden Müll ausgekommen. In diesem Glas haben wir alles gesammelt, was wir in der Zeit an neuem Plastik gekauft haben. Das bedeutet allerdings natürlich nicht, dass das alles an Plastik ist, was für diese Zeit unserem Fußabdruck zuzuschreiben ist, denn auch in Produktion und Bereitstellung von unverpackten Lebensmitteln fällt Plastik und anderer Müll an, aber irgendwo muss man ja anfangen.

Wie funktioniert Plastikfasten als Familie mit kleinen Kindern?

Haushalt, Kleidung und Ernährung funktionieren erstaunlich gut. Wir kaufen sowieso eher wenige, dafür gute Klamotten für die Kinder, im Laden hängt es unverpackt und die gängigen Öko-Marken verschicken auch oft plastikfrei. Durch die Luxus-Situation mit dem Unverpacktladen in der Nähe fahren wir für Lebensmittel nur noch sehr selten in andere Märkte, das Gemüse und Obst kommt aktuell in der Abo-Kiste direkt nach Hause.

Manche Dinge funktionieren nicht so gut. Schnuller aus Naturkautschuk werden hier beispielsweise nicht akzeptiert, das Saugbedürfnis vom Babysohn ist aber noch stark, also machen wir hier eine Ausnahme. Und wenn die Tochter sich zu Ostern einen stinkgewöhnlichen Schokohasen wünscht, dann gibt es den eben und ich fange nicht an, eine extra Form für Schokohasen zu kaufen. Genauso ist es mit der Zahnbürste für den Kindergarten oder Zahnpasta.

Es funktioniert also mal besser und mal schlechter. Wir haben uns zu Beginn des Plastikfastens das Ziel gesetzt, das primär für uns Erwachsene zu tun. Ich kann von einer Dreijährigen nicht erwarten, dass sie auf alles verzichtet, so wie ich es tue. Ich kann nicht erwarten, dass sie das große Ganze überblickt, auch wenn wir natürlich ganz langsam mit Themen wie Umweltschutz anfangen und sie sich dafür interessiert. Von daher haben wir beschlossen, das Familienleben in Bahnen zu lenken, in denen die Versuchung gar nicht so groß ist. Natürlich darf sie sich Schokolade aussuchen – aber wir gehen eben zusammen in den Unverpackt-Laden und nicht in die Drogerie. Natürlich darf sie Quetschies haben so wie alle anderen Kinder auf dem Spielplatz auch – aber wir haben meist einen wiederbefüllbaren, den wir zu Hause mit ihrem Lieblingsobst auffüllen und schon in der Tasche haben, wenn wir im Bio-Markt an der Kasse stehen. Nach einem “fertigen” hat sie in den ganzen sechs Wochen tatsächlich nicht gefragt.

Ist das nicht wesentlich teurer?

Manches ist teurer, ja. Anderes wiederum wesentlich günstiger, sodass es sich im Schnitt ausgleicht. Es ist beispielsweise teurer, Nudeln im Unverpackt-Laden zu kaufen statt der günstigen Bio-Marken. Dafür sind aber beispielsweise Backpulver, Vanillezucker und Hefe wesentlich günstiger, Wasch- und Putzmittel kann man sehr leicht selbst machen. Wenn man hier ein bisschen Preise vergleicht und sich selbst beim Einkauf organisiert, hat man schnell einen guten Überblick.

Waschbare Windeln sind in der Anschaffung erstmal teurer, über die Jahre gesehen aber ca. 2/3 günstiger als Wegschmeiß-Windeln. Und sie lassen sich in der Regel danach gut weiterverkaufen, während Wegschmeiß-Windeln auf der Deponie landen. Über waschbare Windeln und weitere Tipps, um beim Wickeln Müll zu sparen, habe ich hier geschrieben. Feuchttücher habe ich beispielsweise in diesem Jahr noch nicht einmal gekauft, sondern verwende die gleichen Lappen wieder und wieder.

Man muss es gar nicht radikal betreiben. Jeder Schritt hilft.

Die Angst, bei neuen Vorsätzen etwas falsch zu machen, ist groß. Als ich früher Vegetarierin war, hat es ein paar Wochen gedauert, bis ich mir die Infos zusammengesucht hatte, was ich noch essen kann und was nicht. Aber so etwas ist normal und auch gar nicht schlimm. Zero Waste zu leben beispielsweise ist eine total schöne Vorstellung – von der ich aber weiß, dass wir sie vorerst auf keinen Fall erreichen können. Dennoch hilft bekanntlich jeder noch so kleine Schritt, jeder einzelne Verzicht auf den Einweg-Kaffeebecher und jedes Wegschmeiß-Feuchttuch.

Seit Ostern sind auch hier wieder Plastikverpackungen eingetrudelt – aber wesentlich weniger als vorher, weil wir festgestellt haben, dass der Verzicht gar nicht so schwer fällt wie gedacht.

Baby auf dem Arm von mir, der Mutter

Auch das zweite Kind stellt das Familienleben auf den Kopf

Wenn ein Kind geboren wird, stellt sich das Leben der Eltern auf den Kopf. Vor dem ersten Kind denkt man, man wisse genau wie es läuft. Man wundert sich, warum Eltern so viel von Problemen sprechen, warum es für sie so anstrengend ist und glaubt, die Weisheit der Kindererziehung mit Löffeln gegessen zu haben. Dann kommt das erste Kind und wirbelt alles durcheinander und zeigt den Eltern, wie wenig sie beeinflussen können. Es zeigt, dass es schon ein eigener Mensch mit eigenem Charakter ist und überhaupt keine Lust hat, nach der dritten Runde “Lalelu” einzuschlafen, OBWOHL man das Nachtlicht mit den ansprechenden Motiven gekauft hat.

Wenn dann das zweite Kind unterwegs ist, dann ist man vorbereitet, dann hat man es aber nun wirklich raus – man kennt die Tricks, kennt das Bauchmassageöl und den Fliegergriff und weiß, dass Babys nachts gelegentlich aufwachen. Weil das Baby sich über Monate nicht ablegen lässt, hat man sogar die Federwiege gekauft, von der man früher gehört hatte. Eigentlich alles ganz easy, wenn man nicht bis hierhin vergessen hätte, dass auch dieses Kind mit einem ganz eigenen Charakter auf die Welt kommt und man in vielen Bereichen wieder bei Null anfängt: Was haben wir nochmal bei Schnupfen gemacht? Wie könnte sich das Kind bei Überreizung am besten beruhigen? Warum weint es jetzt, es ist doch gestillt, getragen, geliebt?

Wir versuchen, unsere Erfahrungen mit dem ersten Kind natürlicherweise auf das zweite Kind zu übertragen. Das ist ein ganz rationaler Prozess, denn schließlich sind alle Ratschläge, die wir hören oder lesen, Resultate dessen, was andere erfolgreich oder erfolglos probiert haben. Wir vertrauen uns mehr als den Google-Ergebnissen, was ja erst einmal sehr gesund ist. Aber wir haben vergessen, dass wir mal lange gebraucht haben, um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen. Wir müssen unser Bauchgefühl noch einmal herausfordern und für dieses Kind und uns individuelle, neue Entscheidungen treffen.

Das zweite Kind sorgt dafür, dass wir uns noch einmal völlig neu sortieren

Nicht nur das Kind, auch uns als Gruppe müssen wir dann neu sortieren. Ein ganz neuer Charakter wird hier integriert und bleibt für die nächsten 18 Jahre in diesen vier Wänden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Vor allem nicht, wenn dieser Mensch sich noch nicht eindeutig ausdrücken kann und zwei bis drei teilweise ratlose und übermüdete Gesichter versuchen, die Babyzeichen zu entziffern. Diese erste Zeit ist ein bisschen wie früher das Segelnlernen. Eins der Crewmitglieder kann es noch nicht – wir anderen können zeigen und erklären und den Überblick behalten. Wir können eine Weile im seichten Gewässer üben, bis wir uns alle sicher genug fühlen, um rauszufahren. Wir fahren nicht direkt auf das offene Meer.

Das ist von außen sicher nicht immer nachvollziehbar, weder bei uns noch bei anderen Familien. Mit unserer Tochter waren wir damals beispielsweise wesentlich mehr unterwegs in den ersten Monaten. Zu zweit mit einem Baby war es einfacher als jetzt zu zweit mit einem Baby und einem Kindergartenkind. Es war einfacher, weil sie eingeschlafen ist, wenn es ihr zu viel war. Unser Sohn kann zu viel Trubel noch nicht gut ertragen, mag den Kinderwagen nur selten und ist generell ganz anders davor. Das lässt sich schwer nachvollziehen. Wir machen keine großen Touren, weil er nicht gerne Auto fährt und kein Erwachsener mehr zwischen die Kindersitze auf der Rückbank passt. Wir fangen bei vielem wirklich von Null an – und das ist okay. Auch wenn das bedeutet, dass viele unserer Freund*innen unser Baby noch nicht kennen, weil wir nicht einfach hinfahren können und uns auch nicht immer erklären möchten, weil wir nicht immer nachfragen möchten und weil es auch mehr Arbeit bedeutet, wenn es etwas anders wird als gedacht.

Der Tag wird kommen, an dem wir uns aus dem kleinen Hafen öfter rauswagen aufs Meer, an dem wir stärkere Stürme aushalten und sicherer im Boot sitzen – nicht nur wir Eltern, sondern auch beide Kinder. Bis dahin warten wir hier ab und erweitern langsam den Radius.