Kleinkind & Familienleben
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Corona-Krise als Familie: Was wir alles nicht gemacht haben werden.

Blick in den leeren Weg eines Waldes

Lange war es hier still, aber die Fragen danach, wie es uns gerade in der Corona-Krise geht und wie das Studium läuft, mehren sich. Also gibt es heute Neuigkeiten aus dem Hause eenemeenemama!

Instagram, Facebook und Twitter sind gerade voll mit Ideen, wie man aktuell mit Kindern durch die Zeit kommt. An den ersten Tagen fand ich das super und inspirierend, habe auch den einen oder anderen Basteltipp gespeichert. Habe an Familien mit Schulkindern Plattformen weitergeleitet, die ihre Nachhilfeprogramm jetzt online kostenlos zur Verfügung stellen. Ich war ein bisschen wie Bob der Baumeister: jo, wir schaffen das. Und dann überschlugen sich die Nachrichten täglich und mittlerweile bin ich froh, dass wir überhaupt gerade hier sind, wo wir sind. In Schleswig-Holstein, unserer Heimat, in der wir ewig gelebt haben und wo wir uns diese Woche zum ersten Mal fragen mussten, ob wir langsam eine Aufenthaltsgenehmigung brauchen, um hier zu sein. Wir unterstützen uns mit Familie gegenseitig, haben seit einer Woche einen wuseligen Haufen an Kindern und Erwachsene, die im Home-Office arbeiten können, wir isolieren uns gemeinsam.

Ich bin sehr vorsichtig, was Corona angeht, ich halte mich gerne an die Regeln, ich finde alles, was zu #flattenthecurve und #stayathome beiträgt super sinnvoll. Aber ich stelle auch fest, dass sich unser Alltag gar nicht so wahnsinnig doll von vorher unterscheidet, eher fühlt es sich an, als hätten wir uns die letzten Monate Stück für Stück dem Frühling entgegengearbeitet und jetzt käme eine riesige Welle, die uns wieder zurückspült. Während sich auf Instagram alle Aktivitäten überschlagen, wird mir deutlich, wie intensiv unsere vergangenen 1,5 Jahre waren. All das, was man jetzt gerade nicht machen kann, ging mit Ausnahme von Tierparks in den letzten 1,5 Jahren für uns nicht oder nur kaum. Wir waren seit der Schwangerschaft mit unserem Sohn nicht feiern, wir waren nicht im Kino, auf keinem Konzert, wir waren nicht im Restaurant und auch nicht entspannt im Café. Wenn, dann eine*r einzeln auf dem Weg irgendwohin. Wir waren zwar zwei Mal in Dänemark, aber wir hatten sowieso keine Elternzeit auf Bali oder in Costa Rica. Wir haben überwiegend im Home Office gearbeitet und studiert, nur wenn Kurse waren, waren wir in den Uni-Gebäuden. Bücher für Hausarbeiten hole ich schon lange nur noch aus der Bibliothek, um sie dann zu Hause durchzuarbeiten. Bis Februar hatten wir jeden Tag mindestens ein Kind zu Hause. Ein Kind mit starken Bedürfnissen, das weder im Kinderwagen liegen noch ohne Körperkontakt schlafen wollte, das immer in Bewegung war und in den ersten Monaten abends oft stundenlang weinte. Wir haben es zwar damals schon gewusst, aber jetzt fällt es uns erstrecht auf: Das alles war super anstrengend, hat uns sozial im Grunde bis auf gute Freund*innen in Potsdam im real life isoliert, der Rest fand hauptsächlich – wenn überhaupt noch – virtuell statt. Viele Veranstaltungen haben wir nicht wahrgenommen.

Vor ungefähr einem Monat haben wir aufgeatmet. Beide Kinder waren in der Kita, mehrere Stunden am Tag. Wir haben zu normalen Uhrzeiten so viel für die Uni geschafft, nicht nur abwechselnd oder abends. Wir haben in Ruhe eingekauft, die Wohnung geputzt, alleine Termine an der Uni wahrgenommen und wirklich nach langer Zeit wieder Raum gespürt. Wahrscheinlich haben wir gleich viel geschafft wie vorher, nur zu humanen Uhrzeiten. Und nun kam die Welle, drückt den Reset-Knopf, lässt uns wieder an den Start zurückgehen und wir sind noch eingeschränkter, weil eben auch Einkaufen und der Nahverkehr anders funktionieren. Wie gesagt, alles richtig angesichts der Lage gerade. Aber es arbeitet in uns.

Corona-Krise als Familie: Man muss nicht alles mitmachen

Und während ich jetzt auf Instagram lese, dass das alles eine große Chance für die Menschheit ist und wir jetzt endlich Zeit haben, mit unseren Kindern zu spielen usw., kommen hier meine ganz persönlichen Highlights für die kommenden Wochen. Nämlich all die Dinge, die ich nicht getan haben werde:

  • Ich werde kein Zimmer gestrichen haben.
  • Ich werde keinen Garten angelegt haben.
  • Ich werde keine Knete selbstgemacht haben.
  • Ich werde kein Buch über Achtsamkeit mit Kleinkindern geschrieben haben.
  • Ich werde niemals Anhängerin der Kitafrei-Bewegung sein.
  • Ich werde weder Spanisch noch Gebärdensprache gelernt haben.
  • Ich werde nicht aussehen, als hätte ich meine Quarantäne im Fitnessstudio verbracht.
  • Ich werde nicht ganze Serien auf Netflix durchgesehen haben.
  • Ich werde kein Abo für Disney+ haben.
  • Und ganz sicherlich werde ich nicht davon sprechen, dass das alles eine große Chance für die Menschheit war.

Und das alles ist auch völlig okay. Denn es ist keine große Chance, es ist eine Krise. Natürlich versuchen auch wir, die positiven Momente zu sehen, denn diese Krise hat ein Ausmaß, dass wir uns nicht vorstellen können. Niemand kann gerade wissen, wann die Kitas wieder aufmachen, niemand weiß, wie das alltägliche Leben in den nächsten 12 Monaten aussehen wird.

Und wenn man jetzt plötzlich viel Zeit mit den Kindern hat, dann freut mich das sehr. Es freut mich, wenn Familien die Zeit im Garten verbringen können oder sich überhaupt mal mehr sehen. Ich sehe nur aber auch, wie viele Familien gerade strugglen. Wie viele sich aufreiben zwischen Home Office und Kinderbetreuung, zwischen Geld verdienen und kochen müssen. Mit Kindern, die in der Wohnung nicht ausgelastet sind und nicht dem Geld auf dem Konto oder der passenden Quadratmeterzahl, um ein Indoor-Trampolin zu kaufen. Familien, die sich fragen, wie sie das warme Mittagessen stemmen sollen, während Teile des Einkommens Wegbrechen. Und Familien, die ihre Kinder mit schlechtem Gewissen in der Notbetreuung haben, weil sie in systemrelevanten Berufen arbeiten und dafür statt sofortiger und dauerhafter Gehaltserhöhung gelegentlich Applaus aus anonymen Fenstern bekommen.

Was ich dir sagen will, ist: Alles ist voll mit Tipps und Chancen und positiver Energie und ich freue mich für alle, die durch diese merkwürdigen Wochen gerade vor Kreativität und Aktionismus nur so sprudeln, aber ist auch okay, wenn man mal was anderes lesen muss. Wenn man froh ist, dass alle ein Mal am Tag an der frischen Luft waren und man währenddessen keine Kunstwerke aus Klopapierrollen und Krepppapier gefertigt hat. Man kriegt sehr schnell das Gefühl, etwas zu verpassen oder nicht so viel zu spielen wie andere Familien. Das fühlt sich ungefähr so an wie vor zwei Jahren, als mir das Land Brandenburg einen Flyer zur Elternzeit schickte mit dem Hinweis, man könne ja Fortbildungen machen, damit man danach noch mit den Kolleg*innen mithalten könnte. Wenn das System seine Chancen erkennt, haben wir dafür auch später noch Zeit. Man muss jetzt nur einigermaßen gesund durch die kommenden Monate kommen und dabei nicht verrückt werden.

Haltet die Ohren steif und die Hände sauber!

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