Nützliches, Potsdam, Studium mit Kind
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Entscheidet im Zweifel das Geld über die Vereinbarkeit von Studium & Familie?

Manchmal hat man diese Momente, in denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.
Uns geht es gerade so, wenn wir an die Kitaplatz-Suche denken. Denn seit September versuchen wir, so bald wie möglich einen Betreuungsplatz für E. zu bekommen und irgendwie hatten wir uns das alles leichter vorgestellt in einer Stadt, die mehrfach zur familienfreundlichsten Stadt Deutschlands gewählt wurde.

Auf 72 Seiten leider kein Platz frei

In den nächsten Wochen werden wir unsere Bachelorarbeiten anmelden, zum Sommersemester müssen wir beide in den Master wechseln. Zusätzlich müssen wir beide noch bis März Hausarbeiten schreiben. Früher hätten wir das wohl alles angemeldet, die darauffolgenden zwei Wochen in der Bibliothek mal ganz langsam Bücher gesammelt und uns dann eingeschlossen, um möglichst viel am Schreibtisch zu sitzen, uns von Nudeln und Pizza ernährt und im Wechsel Kaffee und Wasser getrunken.

Da wir seit Monaten einfach keinen Betreuungsplatz finden (wenn überhaupt ganz eventuell ab September 2017), sieht es gerade eher anders aus und da ist es manchmal ganz okay, an seine Grenzen zu kommen, zu verzweifeln, sich wieder aufzuraffen und irgendwie durchzukommen.
Wir melden jetzt unsere Bachelorarbeiten an, damit die Note rechtzeitig eingetragen ist und haben doch genau vor Augen, wie viele Stunden pro Tag wir wohl an den Schreibtisch kommen werden: 2-3. Maximum. Ohne Koffein geht da schonmal gar nichts. Dieser Traum, für die Bachelorarbeit mal zwei Monate lang jeden Tag viel zu lesen, zu schreiben und zu lernen zerplatzt da wie eine Seifenblase.

Meistens sieht unser Tag so aus, dass eine*r von uns für den Nebenjob arbeitet, der oder die andere E. betreut und den Haushalt übernimmt. Dann treffen wir uns abends zuhause, essen und gehen für zwei Stunden an den Schreibtisch. Wenn niemand arbeiten muss, kann ich morgens 3 Stunden studieren und nachmittags ist David dann für 3 Stunden dran.
Nächstes Wochenende kommen uns zum Glück meine Eltern besuchen, dann können wir mindestens einen Tag lang komplett an den Schreibtisch.

Abends sitzen wir dann am PC und tragen unsere Kita-Ergebnisse in eine Exceltabelle ein, denn langsam verlieren wir wirklich den Überblick: Wo haben wir schon angefragt? Wo gibt es einen Besichtigungstermin? Gibt es weitere Pflichtveranstaltungen, um im Bewerbungsprozess zu bleiben? Wo müssen wir noch das Formular zurückschicken?
Da die Kitas hier alle überlaufen sind, können sie sich richtige Bewerbungsverfahren erlauben, mit mehrmaligen Pflichtveranstaltungen und der Ansage, dass man sich regelmäßig melden muss, um weiterhin auf der Warteliste zu bleiben. Kuchenbacken erwünscht. Natürlich hat jede Kita einen eigenen gewünschten Rhythmus. Wir stehen mittlerweile bei sechs Kitas auf der Warteliste, drei gucken wir uns in den nächsten Wochen noch an. Und die Aussicht? Gering.

Es gibt in Potsdam zwar einen Rechtsanspruch für jedes Kind ab einem Jahr, allerdings muss man den erst schriftlich bestätigen lassen, was uns bei unserer Anmeldung im Bürgeramt leider niemand gesagt hat, damit hängen wir also anderen Familien ziemlich hinterher. Da wir im Sommer hergezogen sind, konnten wir uns leider nicht zu vergangenem September, also E.s erstem Geburtstag für eine Kita anmelden, die Plätze waren alle schon vergeben.
Erst am Dienstag waren wir nach mehreren Absagen beim Kita-Tipp, der zentralen Beratungsstelle der Stadt. Die Mitarbeiterin erzählte uns zwar von unserem Anspruch (10h/Tag, da das Studium zu Recht als Vollzeitausbildung anerkannt wird), sagte uns leider auch, dass die Stadt trotz Rechtsanspruch leider nicht eine einzige Betreuungsstelle hat. Nicht eine einzige! Weder Tagesmutter/-vater, Kita noch sonst etwas. Auch nicht in Aussicht, denn unter dem Jahr werden nur wenige Plätze frei. Die Wartelisten für September sind auch alle schon sehr voll.
Es sei für uns zusätzlich schwer, weil E. im September schon zwei Jahre alt wird und somit aus den Startgruppen rausfiele. Wenn es ganz blöd läuft, müssen wir noch ein Jahr warten und sie dann im Kindergarten anmelden, in dem Fall würden wir aber vorher schon unser Recht auf einen Betreuungsplatz einklagen.

Oh und achja, zwei Alternativen gibt es natürlich: 
1) Private Kindergärten, die nicht über den Rechtsanspruch abgedeckt werden können und bei 500€/Monat starten
2) Kurzzeitbetreuung für 10€/Stunde. In einer Einrichtung, in der auch Kinder einen Platz über den Rechtsanspruch erhalten haben, für den die Eltern nur den gestaffelten Preis zahlen müssen. Damit kämen wir bei 10h/Woche schon auf 400€ und das wären gerade mal zwei Vormittage.

So muss ich leider im Moment sagen, dass die familienfreundlichste Stadt gerade leicht abstinkt. Denn jetzt entscheidet tatsächlich das Geld über die Vereinbarkeit und wir können uns den Rechtsanspruch in die Haare schmieren, wenn es keine Plätze gibt.
Die Mitarbeiterin fragte noch “Zurückziehen nach Kiel ist keine Option?”, als wäre man im Leben so flexibel, dass man sich monatlich einen neuen Wohnsitz zulegt, wenn einem die Infrastruktur gerade nicht passt.
Zurückziehen nach Kiel ist keine Option. Im Gegenteil: Wir sind extra nach Potsdam gezogen, weil die Stadt mit der Familienfreundlichkeit wirbt.

Wir haben als Student*innen nicht die Möglichkeit, 400€ und mehr im Monat für einen Betreuungsplatz auszugeben und müssen uns daher momentan damit arrangieren, sehr wenig Zeit für unser Studium zu haben. Es ist auch nicht möglich, unter der Woche mal eben mit Sack und Pack nach Schleswig-Holstein zu fahren, damit E. bei den Großeltern sein kann – denn auch das kostet jedes Mal Geld und die Großeltern sind zudem alle noch weit vom Rentenalter entfernt und in der Regel auf der Arbeit.

Wie enttäuscht und wütend diese Situation macht, muss ich wohl nicht noch einmal erwähnen, es ist aber immer schön zu wissen, dass es noch andere gibt, denen es genauso geht. Danke daher für eure Rückmeldungen und eure Erfahrungen, danke an die Potsdamer Petition zur Verbesserung der Kita-Qualität (Brandenburg ist nicht gerade ein funkelnder Stern in puncto Betreuungsschlüssel) und danke an die Großeltern, die den Weg jedes Mal auf sich nehmen!

Einen motivierenden Aspekt hat das ganze dennoch: Wir werden es am Ende irgendwie geschafft haben, trotz Steinen im Weg und Augenringen. Denn die Bachelorarbeit nicht abzugeben ist keine Option. Hoffentlich mit einer Abschlussnote, “die einem Begabtenförderungswerk entspricht”.

2 Kommentare

  1. Anonym sagt

    Hallo Anneke,
    Ich drücke euch die Daumen bei allen kitas und natürlich auch bei euren Bachelorarbeiten!
    Ich studiere auch in Potsdam und bin ziemlich empört, dass eine angeblich so familienfreundliche Umgebung euch solche Probleme macht. Das kann wirklich nicht sein und ich wünsche euch, dass ihr bald einen Platz für E. bekommt und die ganze Situation verbessert wird. Ich will gar nicht wissen, wie es in den Städten aussieht, die nicht "besonders familienfreundlich" sind…
    Vielleicht sieht man sich ja mal auf dem Campus 😉
    LG
    Alina

  2. Hallo Alina,
    dankeschön! Ich verstehe es auch nicht, vor allem nicht, dass dann keine alternative Kinderbetreuung bezahlt wird! Da hilft wohl nur Elterninitiative 😉 Aber erstmal den Bachelor. Ja das wäre doch schön, wenn wir uns mal treffen! Liebe Grüße

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