Kleinkind & Familienleben
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“Es tut mir leid.” Kleine Kinder und Entschuldigungen

Kinder und Entschuldigungengen: Vater und Tochter mit Sandspielzeug am Meer

Müssen sich Kinder entschuldigen? Und in welcher Form überhaupt? Und ab wann?

“Johannes lass’ das. Johannes hör’ auf damit. Johannes, nicht die anderen Kinder hauen. Johannes du entschuldigst dich jetzt SOFORT bei dem Kind. Johannes umarme das Kind und zeig ihm, dass es dir leid tut”. Das letzte Mal, als ich mit unserer Tochter beim Kinderturnen war, ist mittlerweile über zwei Jahre her und endete mit dieser Szene. Kinderturnen für Ein- und Zweijährige, die sich in der dunklen Jahreszeit indoor austoben konnten. Das war eigentlich ganz nett, wenn nicht alle Eltern immer versucht hätten, den anderen Eltern zu zeigen, dass sie auch ja alles “richtig” machen mit ihrem Kind. Johannes, dessen Name in echt anders war, hatte nicht so wirklich viel Lust, mitzumachen und offensichtlich an diesem Tag ganz andere Baustellen. Er war wütend, er wollte nicht mitmachen, aber seine Mutter hatte ihn doch extra angemeldet, dann kann er ja wohl mal mitmachen. Johannes war ungefähr zwei Jahre alt und hatte natürlich noch keinerlei Verständnis dafür, warum er dieses Kind jetzt umarmen und ein “Entschuldigung” murmeln sollte. Und mein Kind hatte keine Ahnung, warum Johannes sie umarmen sollte, wenn er doch gerade blöd zu ihr war.

Müssen sich kleine Kinder entschuldigen?

Genauso, wie wir unsere Kinder nicht dazu zwingen, mechanisch “Bitte” und “Danke” zu sagen oder ihnen fremden Personen zur Begrüßung die Hand zu geben, genauso haben wir auch noch nie gefordert, dass sie sich für irgendetwas entschuldigen. Denn der Punkt ist ja der: Erwachsene erwarten Entschuldigungen, weil es als höflich gilt – in der Erwachsenenwelt. Wir sind in der Lage, Fehlverhalten meist zu erkennen und daraus resultierend eine Entschuldigung auszusprechen. Wir können uns im besten Fall in unser Gegenüber hineinversetzen und haben ein Verständnis davon, was richtig ist und was nicht. Kleinkinder können das noch nicht.

Kann mein Kind sich denn schon entschuldigen?

Sie können zwar “Entschuldigung” sagen, wenn ihnen gesagt wird, dass sie es müssen, aber es dauert Jahre, bis sie sich tatsächlich in ihr Gegenüber hineinversetzen können. Die Forschung nimmt an, dass Kinder ungefähr mit zwei Jahren überhaupt erst ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass andere Kinder andere Vorstellungen haben. Dann wird es in der Kita spannend, wenn zwei Kinder beispielsweise das gleiche Spielzeug nehmen möchten und es nur schwer verstehen, dass das jeweils andere es ihm nicht einfach überlassen möchte. Nach dieser Erkenntnis dauert es wiederum einige Zeit, bis aus dem Erkennen ein Verstehen werden kann. Erst ungefähr in dem Alter, das E. jetzt mit fast vier Jahren hat, können sich die Kinder auch tatsächlich ausreichend in andere hineinfühlen.

Wie weit das eigene Kind in diesen Dingen ist, kann kein Schema vorhersagen, da sich Kinder ja bekanntermaßen sehr unterschiedlich entwickeln. Woran wir uns dann orientieren können? An unseren Kindern. Die zeigen uns das nämlich in der Regel sehr eindeutig. Sie kennen Worte wie “Entschuldigung” aus dem Kindergarten und hören es oft, bevor sie es selbst benutzen. Sie entwickeln ein eigenes Verständnis dafür, wann es benutzt werden kann und wann nicht.

Und dann kommt es irgendwann von ganz alleine. Ohne, dass wir es predigen müssen. Dann entwickelt das Kind diesen Gerechtigkeitssinn und steht für sich und andere ein. Vergangene Woche bat unsere Tochter einen Freund, sich für ein Wort zu entschuldigen, das er scherzhaft zu mir sagte – weil sie wusste, dass ich das Wort nicht mag. Und heute, nach einem wirklich chaotischen Morgen, an dem so viel gedankliches Durcheinander war, dass sie nicht in den Kindergarten gehen konnte, schaute sie mich Stunden später plötzlich an und sagte “Mama, es tut mir leid, dass es heute morgen so laut war.” Entschuldigungen, die ernst gemeint sind, kommen nicht immer sofort auf Abruf. Entschuldigungen brauchen Reflektionszeit und viele Gedanken. Ganz ehrlich, wir brauchen doch auch manchmal selbst ein bisschen länger dafür.

Kinder und Entschuldigungen: Wir Eltern sind Vorbilder

Wir Eltern können natürlich schon unseren Beitrag dazu leisten, dass unsere Kinder aufrichtige Entschuldigungen kennenlernen. Aber nicht, indem wir sie von klein auf an dazu anhalten, immer gleich “Entschuldigung” zu sagen, wenn etwas von allgemeinen Vorstellungen abweicht. Wir können aber beispielsweise im richtigen Alter mit gut gewählten Worten Verhalten kommentieren. Wenn mein Kind einem anderen Kindern etwas wegnimmt und das daraufhin beginnt zu weinen, kann ich sagen: “Schau mal, der xy weint. Ich denke, dass er weint, weil er auch gerne die Schaufel haben wollte” und dann eine gute Lösung mit beiden Kindern finden.

Wir können auch mal reflektieren, wie oft und wie ernst gemeint wir eigentlich “Entschuldigung” sagen – da ist es genauso wie mit dem “Bitte” und dem “Danke”. Wir können uns unter uns Erwachsenen entschuldigen, aber ebenso auch beim Kind, wenn wir ihm unrecht getan haben. Das tut gar nicht weh und bricht keinen Zacken aus der Krone. Bei uns treten passende Situationen eigentlich täglich auf und ich wette, dass es in den meisten Familien nicht anders aussieht. In den ersten Monaten mit O. war zum Beispiel “Es tut mir leid, dass du jetzt gerade warten musstest, ich wollte gerne erst O. ins Bett bringen, weil er vor Müdigkeit geweint hat” ein Satz, der mehrfach fiel.

Es heißt ja immer so schön, dass wir Kinder gar nicht wirklich aktiv “erziehen” müssen, weil sie ohnehin viele Dinge von uns übernehmen. Das Entschuldigen scheint bisher genauso zu funktionieren.

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