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Fridays for Future – Engagement macht Jugendliche stark

Bild von mir im Landtag Schleswig-Holsteins

Das bin ich. Damals mit 16. Nicht in der Schule.

Jugendliche demonstrieren nicht nur heute weltweit für eine bessere Zukunft und befinden sich im Klimastreik. Statt in der Schule zu sitzen, gehen sie auf die Straße und fordern die Politik zum Handeln auf. Viele Erwachsene – und erstaunlicherweise auch viele Politiker*innen – kritisieren dieses Engagement. Sei es, dass Schulen mit Tadeln drohen oder Christian Lindner die Sache lieber “Profis” überlassen möchte. Dabei ist sich die Wissenschaft ziemlich einig, dass die Schüler*innen recht haben. Dabei ist auch politisches Engagement ein wunderbares und notwendiges Lernen am anderen Ort und auch Lernen für eine lebenswertere Zukunft.

Wir erwarten von Jugendlichen, dass sie sich für globale Themen interessieren, dass sie die Nachrichten schauen, dass sie individuelle Lebensentwürfe gestalten und sich für ein Miteinander einsetzen. Wir erwarten, dass sie nicht hinter ihren Computern versauern und an die frische Luft gehen, dass sie lernen, sich in Projekten zu organisieren und mit sozialen Netzwerken umgehen können. Und wenn sie all das tun, dann wird versucht, sie zu bestrafen, weil sie Doppelstunde Sport verpassen könnten.

Die Politik tut zu wenig für den Klimawandel. Wir bräuchten ein radikales Umdenken aller Teile der Gesellschaft, um die Klimakatastrophe noch einigermaßen in den Griff zu bekommen. Für uns bedeutet das aktuell nur, dass es letzten Sommer ganz schön heiß war. In anderen Teilen der Welt sterben Millionen von Menschen und es treiben Plastikteppiche im Meer, die wesentlich größer sind als Deutschland.

Vor ungefähr zehn Jahren – ich kam gerade in die Oberstufe – hat man mir in der Schule auch gesagt, ich solle mehr Zeit in der Schule verbringen und weniger beim Engagement. Dennoch wurde es in den meisten Fällen genehmigt, was ich sehr zu schätzen weiß. Ich war Schülersprecherin, stellvertretende Landesschülersprecherin, in einer großen Jugendhilfsorganisation und einem Jugendverband einer politischen Partei aktiv. In meinen Ferien habe ich beispielsweise eine Grundschule renoviert, Hilfsprojekte in Südosteuropa besucht oder Stände auf dem lokalen Streuobstwiesenfest betreut. Mit meinen Freund*innen und Bekannten habe ich Demonstrationen organisiert, mit Politiker*innen beispielsweise über Schulsysteme diskutiert, habe über nachhaltige Projekte informiert und eigene Diskussionsveranstaltungen oder Filmvorführungen geplant. Ich traf Angela Merkel, Christian Wulff, verschiedenste Bundes- und Landtagsabgeordnete und gab Interviews. All das lehrte mich mehr, als es der jährliche Heuaufguss in Biologie jemals konnte.

Was wir in der Schule über Globalisierung lernten (denn Erdkunde war wirklich gut), konnte ich ganz praktisch anwenden. Wie Gesetze und Parlamente funktionieren, lernte ich erst, als ich selber beteiligt war. Was Sprachregister bedeuten und wie ich zwischen ihnen wechsle, lernte ich erst, als ich sie brauchte. Was Teamarbeit bedeutet, lernte ich nicht dadurch, dass man uns in der Schule abzählte und in Gruppenarbeit formierte. Ich lernte Teamarbeit durch die Sache, wir wussten über Politik Bescheid, wir gingen auf Schulkongresse und bildeten uns – obacht – sowohl zu Schul- als auch in Freizeit weiter. Gelegentlich brauchte man dafür einige Schulstunden, die waren es wert.

Dass flächendeckendes G8 eine Schnapsidee war, wussten wir Jahre vor der Regierung. Dass der Klimawandel kommt, wissen die Streikenden jetzt anscheinend besser als so manche Politiker*innen. Es ist nicht so, dass die Jugendlichen Unaufholbares verpassen, wenn sie gelegentlich streiken und ich hoffe, dass die Politik das bald erkennt. Selbst wenn, Dreiklänge kann man nachholen, Klimarettung nicht. Wir brauchen diese jugendlichen Menschen, die auf die Straße gehen und sollten uns ihnen anschließen.

Was aus den Schulschwänzer*innen von damals geworden ist? Nun ja, fast alle von uns haben mittlerweile mindestens einen Berufs- oder Uni-Abschluss. Einige arbeiten in Hilfsorganisationen, gründen oder leiten sie. Einige gründen Startups, die sinnvolle Produkte herstellen. Einige initiieren internationale Kooperationen zwischen Engagement, Wirtschaft und Politik, wieder andere arbeiten für große Firmen oder europäische Staaten. Sie sitzen in Bezirksversammlungen, Rathäusern, geben Deutschunterricht für Geflüchtete oder organisieren Musikwettbewerbe. Wir schauen uns Probleme bis heute an, fahren beispielsweise an die syrische Grenze oder in überschwemmte Gebiete, wir gründen alternative Lernräume. Die meisten sprechen mehrere Sprachen, einige spielen in Orchestern oder gleichen in Elterninitiativen das aus, was der Staat aufgrund von Erzieher*innenmangel nicht schafft. Einige sind Ärzt*innen, Lehrer*innen, Polizeibeamte, Erzieher*innen, Abgeordnete, Kulturschaffende, Jurist*innen, Wirtschaftsingenieure oder Sporttrainer*innen. Einige haben bereits Kinder und ziehen sie so groß, dass sie eines Tages als “mündige Bürger*innen” ihr Unwesen treiben. Aus allen ist bisher etwas geworden – keine Sorge.

Lieber Politiker*innen: Sucht das Gespräch. Nutzt die enorme Kraft und die Aktivität und den Willen der Generation, es besser zu machen. Schaut euch die Jugendlichen an und erkennt, dass sie von Politikverdrossenheit weiter weg sind, als ihr es von Jugendverdrossenheit seid. Nutzt doch einfach den Willen zum Klimaschutz, das kann doch bei aller Liebe nicht so schwer sein.

Und für die Fraktion Heuaufguss: Wer soll den denn sonst in 100 Jahren noch machen?


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