Kleinkind
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„… ich zähle jetzt bis drei!“

Es gibt ja so Sätze, von denen man sich vornimmt, sie nie zu sagen. Also so auf gar keinen Fall. Sätze, die uns entweder aus unserer eigenen Kindheit, aus dem Fernsehen, aus Büchern oder aus den Erzählungen anderer begegnen. Diese Sätze sind dennoch in unserem Gehirn gespeichert und können abgerufen werden. Manchmal purzeln sie auch einfach raus, aus Reflex, bevor wir richtig darüber nachdenken können.

Am Wochenende haben wir gemerkt, dass wir bei dem aktuellen Uni-Stress, dem akuten Schlafmangel, der innerlichen Zerrissenheit zwischen all den anstehenden Aufgaben und der auch vor uns nicht Halt machenden Grippewelle manchmal nicht unser ruhigstes Selbst sind.
Mein Mann verglich unsere Situation letztens mit einem Reisebus, der mit überhöhtem Tempo durch eine verwinkelte historische Innenstadt fährt in dem schweißtreibenden Versuch, nirgendwo gegenzufahren und dessen Bremsen leider kaputt sind, weshalb er nicht anhalten und den Ausweg suchen kann. Das traf es sehr gut. Meine Visualisierung meiner selbst trifft aktuell eher einen Oktopus mit etwas zu kleinen Armen, der nirgendwo richtig rankommt. Ein Arm für die Dreijährige, einer für das Baby, einer für das Studium, einer für die Arbeit, einer für die Partnerschaft, einer für das ehrenamtliche Engagement, einer für die Familie und irgendwo ist auch noch ein momentan leicht verkümmerter Arm für mich selbst.

Während wir also quasi mal wieder versuchten, achtarmig diesen Reisebus zu steuern, kam uns das Wochenende in die Quere. Unter der Woche ist unsere Dreijährige gut in der Kita beschäftigt, hat viel Austausch und erzählt sehr lebhaft von all den Dingen, die am Tag passiert sind. Am Wochenende sind wir in der Pflicht, diese Action bei Bedarf auszugleichen. Das ist gar nicht mal so leicht, wenn bei mir ein Blockseminar ansteht und mein Mann das Exposé seiner Masterarbeit einreichen muss, das Baby frisch geimpft ist und erstrecht niemand ausgeschlafen ist. Und als wir dann rauswollten, um bei gutem Wetter auf den Spielplatz zu gehen, ist er mir rausgerutscht, einer dieser Sätze, die ich nie sagen wollte: “Ich zähle jetzt bis drei!”. Ich wollte, dass meine Tochter sich jetzt anzieht, damit wir rauskönnen und kein Problem mit Stillzeiten des Babys bekommen. Sie war aber viel zu hibbelig, freute sich über unseren Besuch und das Rausgehen und konnte sich in dem Moment nicht wirklich konzentrieren. Ich bereute meinen Satz schon, als ich ihn aussprach. Ich halte nichts davon, sie unter Druck zu setzen – Rausgehen soll Spaß machen. Ich sah all meine pädagogischen Bemühungen dahinschwimmen.

Doch meine Tochter brachte uns stattdessen alle zum Schmunzeln und zeigte uns einmal mehr, dass wir von der kindlichen Leichtigkeit oft auch etwas gebrauchen könnten. Nachdem sie mein “Ich zähle jetzt bis drei! Eins, zwei, drei!” hörte, schaute sie mich freudestrahlend an und sagte “Mama, aber ich kann schon bis zehn zählen! Eins, zwei drei…”. Und während manche nun sicher die Hände über dem Kopf schlagen und sich darüber wundern, “wie schlecht mein Kind hört”, konnte ich zehn Sekunden lang tief durchatmen freute ich mich einfach nur. Denn anscheinend ist bisher ziemlich viel richtig gelaufen, wenn mein Kind sich durch eine haltlose, unerwartete Drohung meinerseits so absolut nicht beeindrucken lässt.

Wir sind dann übrigens einfach fünf Minuten später rausgegangen. Tat gar nicht weh und hat immer noch Spaß gemacht.

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