Kleinkind & Familienleben
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Kommunikation mit Kleinkindern: Was wir nicht sehen können

Mutter und Tochter im Gespräch auf einer Parkbank

Der Abend ist eine spannende Zeit: Die Familie kommt nach Hause, verschiedene Erlebnisse des Tages prallen aufeinander und alle müssen sich erst wieder finden. Nicht immer ergibt sich die Möglichkeit, über die Erlebnisse des Tages ausführlich zu sprechen. Während wir Erwachsenen das vielleicht noch bei einem Kaffee oder Tee schaffen, ist es für Kinder wesentlich schwieriger, genau in dem Moment eine Antwort zu formulieren, in der man versucht herauszufinden, wie der Tag war. Auf die Frage “Wie war es in der Kita?” bekommt man ja höchstens mal ein “gut” zurück, weil diese Frage und ihr Bedeutungshorizont noch nicht mit dem übereinstimmen, was die Kinder darunter verstehen. Sie können noch nicht wissen, dass wir Erwachsenen in der Regel mit einer Abwägung positiver und negativer Erlebnisse antworten würden.

Statt eines reflektierenden Moments entlädt sich stattdessen an manchen (vielen) Tagen die Stimmung, es ist laut und wild und irgendwie ist jemand unzufrieden, ohne dass das Problem allen Beteiligten bewusst sein könnte. Vielleicht gab es in der Kita Streit mit einem anderen Kind, vielleicht ist die Lieblingshose zu klein geworden, vielleicht war der falsche Joghurt im Kühlschrank, vielleicht entwickelt das Kind neuerdings Angst vor Monstern und traut sich daher nicht alleine ins Badezimmer. Wenn die schwierige Stimmung auf unser gestresstes Ich trifft, kann es schnell eskalieren. Dann trifft unser Feierabend-Ich auf das frustrierte und müde Kind – das kann so nicht gut gehen.

Es gibt in solchen Situationen zwei Optionen, wie wir reagieren könnten: Es kann sein, dass wir es nicht schaffen, der schlechten Stimmung entspannt entgegenzugehen – das kommt immer wieder mal vor und ist auch ganz natürlich. Gute Konflikte brauchen schließlich Lösungsbereitschaft und offene Kommunikation, die in solchen Momenten eine noch größere Herausforderung für uns darstellt. Wir haben allerdings auch noch eine zweite Option und wenn wir die erwischen, hat der Tag noch eine Chance auf einen guten Abschluss. Just go with the flow – wir versuchen, das Kind in seiner Verzweiflung und emotionalen Überforderung zu verstehen. Dazu müssen wir uns auf seine Ebene begeben (nicht unbedingt mental, auch rein körperlich), müssen durch Spiegeln herausfinden wie sich das Kind gerade fühlt. Wir müssen signalisieren: Ich sehe, dass etwas los ist und verstehe, dass es dir gerade nicht gut geht. Lass’ uns gemeinsam herausfinden, wie wir es wieder besser machen.

Wie das konkret aussehen kann? Anfang der Woche beispielsweise hatte unsere Tochter nachmittags sehr schlechte Laune. Sie kündigte an, nicht mehr in den Kindergarten gehen zu wollen und schien ernsthaft frustriert. Das hatte mich sehr gewundert, da sie morgens fröhlich losging, sich auf das Spielen freute und sogar eine Karotte aus dem Kühlschrank mitnahm, um mit ihren Freund*innen einen Schneemann zu bauen. Ich hätte bei der schlechten Laune sagen können “jetzt ist aber mal Schluss” oder “das ist mir alles zu laut, so lese ich nicht mehr vor”, aber zum Glück war ich einigermaßen entspannt, um mich auf die Suche nach dem Problem dahinter zu machen.
Ich habe “mitgespielt”, habe auch gesagt, dass das ja anscheinend ein blöder Tag ist, ich sehen kann, dass sie wütend ist und auf ihre Bedürfnisse nach Nähe und auch auf das nach dem Ausdruck von Wut reagiert. Es ist total okay, dass das Kind schlechte Laune hat. Genauso wie es auch okay ist, wenn wir mal schlechte Laune haben. Nachdem sich die aufgestaute Stimmung entladen hatte, kam auch schon das wahre Problem zum Vorschein. Eine Freundin war in den Ferien, die andere krank, der Schnee war im Laufe des Vormittags geschmolzen und die Karotte ist auch noch kaputtgegangen. Alles, worauf sie sich gefreut hatte, hat nicht funktioniert. Dass das frustriert, ist verständlich.

Die Kommunikation mit meiner Tochter erinnert mich oft an das Eisbergmodell, das beispielsweise in der Kommunikationswissenschaft eingesetzt wird: Das, was wir mitbekommen ist erst einmal das, was gesagt wird. Erst kommen Worte und Taten bei uns an und alles, was hinter den Worten verborgen ist, müssen wir erst erkennen. Das, was bei uns ankommt, ist nicht die ganze Wahrheit, sondern ca. 20 % davon. Erkennen wir auch nur einen Bruchteil der anderen 80%, haben wir die Chance, die Eskalation zu umgehen. Das kann man tatsächlich ein bisschen mit der Titanic vergleichen: Hätten sie den Eisberg und sein Ausmaß rechtzeitig erkannt, hätten sie die Katastrophe verhindern können. Erkennen wir in einer Situation rechtzeitig die “unsichtbaren” Faktoren, haben wir eine Chance, die Eskalation zu verhindern.

Wenn wir also das nächste Mal einen Moment haben, in dem unser Kind beispielsweise wütend ist, sich aber nur knapp ausdrückt, lohnt es sich, sich den Eisberg ins Gedächtnis zu rufen: Ist das, was wir hier mitbekommen, vielleicht nur ein kleiner Teil der Wahrheit? Liegt unter den Worten und dem Verhalten vielleicht noch mehr verborgen, als das Kind ausdrücken kann? Dann können wir überlegen, so viel wie möglich von dem Rest der Wahrheit zu erkennen und das Kind so besser verstehen zu lernen.

Ich habe euch das Eisbergmodell, das – stark vereinfacht ausgedrückt- in der Theorie auf Siegmund Freud zurückgeführt wird, unten einmal vereinfacht aufgemalt. Oben, an der Oberfläche sind die “sichtbaren” Faktoren: Die Worte, die Fakten, die Taten, die bei uns ankommen. Unter der Oberfläche verborgen liegen vorbewusste und unterbewusste Elemente, die das Gegenüber bestimmen. Bei Kindern können das beispielsweise Ängste oder alte Konflikte sein, die wieder hochkommen – aber auch die individuelle Persönlichkeitsentwicklung spielt mit rein, ob jemand beispielsweise erfahren im Umgang mit Frustration ist, ob jemand sicher in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung ist usw. Darunter noch liegt das Unterbewusstsein, wo unter anderem ganz menschlich-naturgegebene Instinkte veranlagt sind.


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