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Rezension: Frei und unverbogen. (Susanne Mierau)

Buch frei und unverbogen in den Händen der Blog-Autorin

Im Februar ist Frei und unverbogen von Susanne Mierau im Beltz-Verlag erschienen. Schon in meiner Rezension zum letzten Buch von Susanne Mierau habe ich beschrieben, wie sie als Kleinkindpädagogin, Familienbegleiterin und Mutter dazu anregt, alte Denkmuster aufzubrechen und neue Wege als Familie zu finden.

In Frei und unverbogen thematisiert Susanne Mierau nun das, was uns als Eltern in der Art und Weise, wie wir selbst großgeworden sind, nachhaltig geprägt hat und wie wir Wege finden, negative Erfahrungen nicht an die nächste Generation weiterzugeben. Hierbei geht es nicht primär darum, zu beschreiben, wie wir Kindern einen bestmöglichen Start ins Leben und ein begleitetes Heranwachsen ermöglichen, sondern vielmehr darum, dass wir verstehen, warum wir eigentlich auf bestimmte Weise handeln und welche Denkmuster vergangener Generationen noch immer bewusst oder unbewusst vorherrschen. Wie schon der Untertitel Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen verrät, geht der Inhalt des Buches weit über den Titel hinaus und erfordert, dass wir uns selbst reflektieren. Tatsächlich finde ich den Titel fast zu wenig aussagend für den so umfassenden und wichtigen Inhalt des Buches und es ist mir daher ein besonderes Anliegen, die Rezension zu diesem Buch zu schreiben, damit viele Eltern auf den Inhalt aufmerksam werden.

Frei und unverbogen: Eine Übersicht

Frei und unverbogen gliedert sich in fünf Kapitel, die zunächst einmal den Bogen spannen von den heutigen Erziehungsvorstellungen generell und ihren rechtlichen Grundlagen in Kapitel eins und einem Rückblick auf Erziehungsmethoden und den Blick auf das Kind vergangener Jahrhunderte in Kapitel zwei. Das dritte Kapitel zeigt sehr deutlich, dass zwar viele Methoden der vergangenen Jahrhunderte dankenswerter Weise abgelöst wurden, aber dass auch heute noch in vielen Aspekten des kindlichen Lebens Gewalt – ob psychisch oder physisch – präsent ist und auch “moderne” Erziehungsmethoden nicht automatisch auch gewaltfrei sind. Insbesondere das zweite, aber auch das dritte Kapitel sind hierbei stellenweise harte Kost. Bereits zu Beginn des Buches rät Susanne Mierau, sich beim Lesen Zeit zu lassen und weist darauf hin, dass einzelne Stellen für Lesende mit eigenen traumatischen Erfahrungen schwierig sein können.

Bleibt nach den ersten drei Kapiteln vielleicht ein persönliches Fragezeichen, wie all die Erfahrungen der vergangenen Generationen nun ausgerechnet durch diese – ja ebenfalls vorgeprägte – Elterngeneration ausgeglichen werden können, so ist in den Kapiteln vier und fünf viel konkrete Hilfe geboten. Im vierten Kapitel beispielsweise, in dem Susanne Mierau die Aufgaben der Eltern erläutert, thematisiert sie die eigene Fehlertoleranz und wie Eltern diese reflektieren und erweitern können. Hierbei werden sowohl theoretische Informationen gegeben als auch ganz praktische Hilfen wie Beispielsätze oder Reaktionen.

Im fünften Kapitel schließlich wendet sich der Blick noch einmal explizit den Kindern zu. Anhand verschiedener Lebensbereiche – genetischer Veranlagung, Bildung und Lernen, Spiel, Hobbys oder Talenten, Religion und Geschlechtern macht Susanne Mierau deutlich, auf wie vielen Ebenen Eltern aufmerksam sein müssen, um ihre Kinder unvoreingenommen anzunehmen und ihnen auch jene Wege zu ermöglichen, die von den eigenen Vorstellungen abweichen.

Wie gelingt es, ein freies und unverbogenes Wachsen zu begleiten?

Besonders positiv an diesem Buch sind – neben den inhaltlich so tief gehenden Erläuterungen – die vielen durchdachten Übungen, die dazu einladen, reflektiert auf die eigenen Werte, Glaubenssätze und Erfahrungen zu blicken. So vereint es sowohl die Theorie (mit vielen Anekdoten aus persönlicher oder beruflicher Erfahrung) als auch die Einladung, selbst begleitet aktiv zu werden. Oft verbergen sich beim Ausfüllen der Reflexionen viele Überraschungen und Susanne Mierau lädt am Ende verschiedener Kapitel dazu ein, diese direkt einmal zu verschriftlichen. Die Übungen sind dabei einer von vielen Gründen, warum es sich lohnt, viel Zeit mit dem Buch zu verbringen. Es ist kein Buch, welches man an zwei Tagen durchliest, sondern eins, welches Lesende länger begleitet: während der Lesezeit und nachhaltig darüber hinaus. Es ist kein Buch, welches den Lesenden einen mahnenden Zeigefinger präsentiert und jedes nicht so gute Verhalten kritisiert, sondern es ist vielmehr eins, das die Hand reicht, um gemeinsam Zukunft zu gestalten.

Aber warum ist es so wichtig, dass wir Kinder so begleiten?

Nun kann man fragen: Tun wir nicht schon genug? Genügt es nicht, dass wir Eltern wissen, dass körperliche Gewalt verboten ist? Und Susanne Mierau liefert eine sehr deutliche Antwort dahingehend, warum es besonders jetzt so wichtig ist, sich auf verschiedensten Ebenen mit Einflüssen auf die nächste Generation auseinanderzusetzen. Die Relevanz der Beschäftigung wird den Lesenden unter anderem direkt zu Beginn deutlich, wenn die Autorin verschiedene Fragen zur eigenen Kindheit und zum aktuellen Familienalltag stellt, anhand derer eingeschätzt werden kann, wie viele Glaubenssätze tief verankert sind und an welchen Stellen ein Unwohlsein dazu auftritt. Dieses Erkennen hilft nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern selbst.

Und Susanne Mierau äußert es an verschiedenen Stellen auch ganz konkret und sehr anschaulich an der Aufgabe, die Eltern heute darin haben, Kinder in einer Gesellschaft im Wandel für ihre eigene Zukunft zu stärken. Denn Herausforderungen haben sich geändert, die Welt ist eine andere geworden und die Selbstwirksamkeit der nächsten Generation vermutlich noch wichtiger denn je.

“Sie können nicht gleichzeitig lernen, angepasst und untergeordnet und flexibel, global denkend, tolerant und kreativ zu sein […].”

Susanne Mierau: Frei und unverbogen (2021), S. 45.

Es ist ein Buch, das Eltern gerade brauchen und das ihnen sehr wertvolle Einblicke ermöglicht. Meinerseits also eine klare Leseempfehlung für alle, die sich damit auseinandersetzen möchten, wie wir unsere Kinder stärken – nicht im Sinne von abhärten, sondern im Sinne der eigenen, innerlichen Motivation und Stärke. Es ist eine Empfehlung für alle, die merken, dass sie manche Dinge anders machen müssen, als es der gesellschaftliche Konsens etwa der 1980er/1990er/2000er Jahre nahelegte. Und auch eine Empfehlung für alle, die merken, dass sie schon auf einem sehr guten Weg sind und sich noch tiefer in das Thema einlesen wollen. Dadurch, dass Susanne Mierau immer wieder Bezug auf andere Bücher oder Publikationen zu diesem Thema nimmt, erweitert sich die Leseliste danach automatisch.

Susanne Mierau: Frei und unverbogen. Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen.
BELTZ-Verlag, Weinheim 2021. 273 Seiten.
ISBN: 978-3-407-86656-1
Paperback: 18,95€

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