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Rezension: Mutter. Sein. (Susanne Mierau)

Cover Mutter.Sein.

Susanne Mierau hat in den vergangenen Jahren viele Bücher und noch mehr Artikel darüber geschrieben, wie wir Eltern heutzutage unseren Kindern begegnen und sie auf ihre Zukunft vorbereiten, wie wir alte Denkmuster durchbrechen und als Familie neue Wege finden können. Das alles schreibt sie aus verschiedenen Perspektiven, sie ist selbst Mutter dreier Kinder und Kleinkindpädagogin.

Nachdem im vergangenen Jahr mit Rundum Geborgen und Einfach Familie leben das Umfeld der Kinder stärker in den Fokus rückte, hat sie sich mit dem gerade erschienenen Buch Mutter. Sein. nun einer weiteren großen Baustelle gewidmet, die in unser aller Familienleben präsent ist: dem Mutterbild, das uns alltäglich in Werbung oder Gesellschaft begegnet, mit dem wir groß geworden sind und welches uns bis heute in unserem Tun und Denken beeinflusst.

Susanne Mierau hinterfragt, wie dieses Mutterbild entstanden ist und was es mit uns macht. Sie schlägt den Bogen von Funden aus der Steinzeit, von Jäger*innen und Sammler*innen über das Mittelalter hin ins 20. Jahrhundert. Sie legt dar, wie sich die Situation für Mütter zwischen den beiden Weltkriegen veränderte und welche feministischen Bewegungen in den Sechzigern zu einem Umdenken führten. Insbesondere nimmt sie auch in den Blick, wo sich Mütter wann ihre Informationen in Bezug auf Erziehung besorgt haben.

Doch nicht nur Politik und patriarchale Strukturen identifiziert sie als etwas, was uns Mütter beeinflusst, auch beispielsweise Social Media und Bewegungen werden untersucht. So schreibt sie unter anderem von dem wesentlichen Schritt, den das Attachment Parenting von William Sears für eine liebevolle Begleitung der Kinder bedeutet hat, aber eben auch, dass die evangelikale Ausrichtung Sears’ dazu führte, Mütter als Haupterfüllerin der kindlichen Bedürfnisse festzulegen und Vätern weniger umsorgende Tätigkeiten zugeschrieben wurden.

Dieser reflektierte Umgang zieht sich durch das gesamte Buch. So wird auch Social Media nicht verteufelt – Susanne Mierau ist hier selbst sehr aktiv – aber die Risiken und Gefahren werden so dargestellt, dass Mütter entscheiden können, was sie aus der virtuellen Welt mitnehmen und was eben nicht. Besonders gut ist, dass all das nicht mit dem erhobenen Zeigefinger passiert, sondern sich wissenschaftliche Erkenntnisse mit sehr persönlichen Erfahrungen mischen. Susanne Mierau legt nicht ein “perfektes” Mutterbild vor, sondern spricht alle Facetten der Mutterschaft an, in denen sich Leser*innen wiederfinden könnten.

Dabei gibt es kein Schwarz/Weiß: Sie schreibt von sehr diversen Familienstrukturen, von “maternal gatekeeping” und nicht nur von Vätern, die nicht wollen, sondern auch von Vätern, die nicht sollen. Und damit regt sie an zum eigenen Hinterfragen, zum Streiten, zum Bestätigen, zum Reflektieren und zum Andersmachen. Aber sie ist dabei auch immer ehrlich, was mir besonders gut gefällt: Sie bietet keinen 10-Punkte-Plan, an dem man sich abarbeiten könnte. Es wird stattdessen immer wieder klar, dass das ein langwieriger und sehr individueller Prozess ist – aber es wird genauso deutlich, dass er sich lohnt.

Mutter. Sein. ist ein umfangreiches Buch, das Müttern Mut machen und Kraft geben kann. Und um noch einen ganz persönlichen Kommentar zuzufügen: Ich habe fast alle Bücher von Susanne Mierau gerne gelesen – aber das hier hat mich wirklich noch einmal nachhaltig bewegt. Wenn man nicht weiß, mit welchem Buch von ihr man anfangen sollte, lautet meine Empfehlung nun: damit!

Susanne Mierau: Mutter.Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs.
BELTZ-Verlag, Weinheim 2019. 271 Seiten.
ISB-N: 978-3-407-86563-2
Paperback: 18,95€

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