Kleinkind
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Starke Emotionen als Stürme verstehen

Manchmal ist im Leben mit anderen Menschen – und besonders auch mit Kind(ern) – alles so laut. Manchmal landet im Supermarkt vor Wut alles auf dem Boden und wir schaffen es kaum, die Wogen zu glätten und wieder Ruhe zu organisieren. Manchmal genügt es schon, dass in einem Buch ein falsches Tier statt des Lieblingstieres abgebildet ist und wir erleben einen vulkanartigen Tränenausbruch. Wenn so vieles so laut ist, dann sind wir irgendwann an den Grenzen dessen, was wir tragen und bearbeiten können, sowohl die Kinder als auch wir Eltern. Für die Kinder ist es schwierig, aus ihrer Emotionsspirale auszusteigen und wir können uns auch nicht sicher sein, ob wir es mit unseren Reaktionen gerade eigentlich besser oder schlechter machen – wir können nur versuchen und aus den Erlebnissen lernen. Die dabei teilweise erlebte Hilflosigkeit kann ordentlich an die Substanz gehen und Selbstzweifel schüren.Irgendwie müssen wir uns dann Strategien überlegen, damit umzugehen.  Es kostet auch uns Anstrengung und die lauten, wilden, emotionalen und anstrengenden Tage konfrontieren uns mit unseren innersten Bedürfnissen und Erfahrungen. Wenn ich manchmal so frustrierende Momente habe, die wir ja zugegebenermaßen alle mal haben, dann hilft es, sich eins in Erinnerung zu rufen: Wir haben vielleicht nicht in der Hand, wie laut und wild es um uns ist, aber wir haben es in der Hand, wie sehr die emotionalen Orkane unseren gemeinsamen Tag bestimmen und was wir aus ihnen mitnehmen. Wir sind die Älteren, diejenigen, die im besten Fall schon mehr Reifeprozesse durchlaufen und mehr Erfahrung gesammelt haben.

Leicht ist man dazu geneigt, nur das Anstrengende zu sehen. Den Tag als einen “das ist heute aber auch alles anstrengend”-Tag oder einen “wann ist denn endlich Zeit, ins Bett zu gehen?”-Tag abzustempeln, das kommt auch bei mir natürlich vor, wenn es zu viel wird. Es ist ein bisschen wie mit den Nachrichten, von denen hauptsächlich die schlechten hängenbleiben und unseren Tag bestimmen und wir uns dran erinnern müssen, die positiven zu suchen. Alltag mit Kleinkindern ist nicht immer leicht, so wie das Zusammenleben mit Menschen generell nicht immer leicht ist und uns immer wieder neu herausfordert.

Neben den sehr präsenten lauten Wellen im Alltag mit dem (Klein-)Kind müssen wir uns also ebenfalls darin trainieren, die leisen Momente zu sehen und Kraft aus ihnen zu schöpfen. Faszinierend sind für mich dabei nicht nur die leisen Momente an sich, sondern auch die Windwechsel, die paar Sekunden, in denen die Stimmung wieder ins Positive kippt und irgendwo ein Schalter umgelegt wird, von dem wir manchmal nicht wissen, wo er ist und wer oder was ihn gerade eigentlich betätigt hat.

Jeder Sturm geht vorbei. Und danach geht es weiter – von den wenigsten emotionalen Ausbrüchen geht die Welt unter. Er kann zwar unerwartet oder auch erwartet kommen, er mag zwischendurch laut und heftig sein, er mag uns herausfordern – aber wenn er zuende ist, kommt die Kraft zurück, dann können wir wieder aufstehen und die Segel neu setzen. Diese Sichtweise hilft mir persönlich enorm dabei, die Ruhe zu bewahren. Manchmal hilft es auch nicht, gegen den Sturm anzukommen oder ihn davon zu überzeugen, weniger impulsiv zu sein. Da müssen wir Erwachsenen manchmal einfach abwarten. Dann kann es sein, dass das wütende Kind plötzlich wieder ganz leise wird, sich beschäftigt oder das Thema wie aus dem Nichts abgehakt hat. Vielleicht braucht es Ruhe, vielleicht sind andere Grundbedürfnisse gerade akut und können erst nach einigen Minuten artikuliert werden. Diese “Wetterumschwünge” sind kurze Augenblicke, die wir wahrnehmen können und auch sollten, denn viel zu oft geht in allen Bereichen des Alltages die Erholung von der Anstrengung unter.

Wenn wir die Zeiten mal wirklich messen würden, würden wir mit großer Wahrscheinlichkeit feststellen, dass zum Beispiel Wutanfälle nur einen ganz normalen Anteil der Tage ausmachen, so wie auch wir uns manchmal am Tag aufregen. Aus meiner Erfahrung können wir mit diesen viel besser umgehen, wenn wir realisieren, dass es einfach die momentane Ausdrucksweise dieser Emotionen und Wünsche ist, die aufgrund der Entwicklungsprozesse noch nicht anders funktioniert. Dass es dadurch keine “anstrengenden Wochen” oder “anstrengende Phasen” sind, die uns bestimmen – auch wenn diese Phasen des Tages durchaus anstrengend und kräfteraubend sind.

 

 

 

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