Studium mit Kind
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Studienbedingungen: manchmal steht mein Kopf kurz vor der Explosion.

Spiegel Online hat heute geschrieben, dass die Bafög-Anpassung verschoben wird. Wenn ich so etwas lese, fühle ich mich wie Sheldon Cooper, der sich sein Gesicht runterreißen möchte, wenn etwas nicht beendet wird. Mir geht es immer dann so, wenn ich mich einigermaßen hilflos fühle bei einem öffentlichen, offensichtlichen und lösbaren Problem – dem sich nur einfach gerade niemand ernsthaft annehmen möchte.


Das Bafög soll Studierenden helfen, sich das Studium leisten zu können. In der Realität tut es das selten, vielmehr sorgt es für Frust und Ängste. Ich habe auch mal Bafög bekommen, 225 Euro monatlich, davon muss ich die Hälfte später zurückzahlen. Meine Miete war mit 237 Euro weit günstiger als der Durchschnitt, doch nichtmal dafür hat das Geld gereicht. Mit Kindergeld und einer Aufwandsentschädigung für mein Vorstandsamt kam ich auf insgesamt etwa 650 Euro, von denen ich meinen gesamten Lebensunterhalt bestritten habe, inklusive Semestergebühren, Fahrkarten, Materialien usw. Das bedeutete Nudeln mit Ketchup, Nudeln mit Pesto, Reis mit Ketchup – Mensa-Essen war zu teuer. Nach einem Jahr wurde mir das Bafög gestrichen, ich musste aus meiner Wohnung ausziehen usw. Ich kann nicht behaupten, dass die Zeit stressfrei war, dass meine Noten damals gut waren oder dass ich mich sonderlich viel auf die Uni konzentrieren konnte. Das Semesterticket in Kiel reicht gerade bis zum ersten Kaff hinter der Stadtgrenze, sodass es für mich nichtmal günstiger war, wieder bei meinen Eltern zu wohnen und zu pendeln – die Monatskarte hat 240 Euro gekostet. Zum Glück fing ich mich nach ein paar Monaten, bekam Unterstützung und fand einen neuen Job. Nicht jede*r kann so schnell andere Unterstützung bekommen oder schnell einen Job finden, der sich mit der Lebenssituation vereinbaren lässt. Mittlerweile habe ich glücklicherweise ein Stipendium, diese Chance haben aber nicht alle Studierenden.

Deshalb macht es mich unfassbar wütend, wenn ich verfolge, wie sich die Politik in Bezug auf die Hochschulen und Universitäten verhält. Letztens habe ich in meinem offenen Brief an die Landesregierung NRW dargelegt, warum Anwesenheitspflicht nicht mit der aktuellen Studiensituation in Deutschland vereinbar ist – ein Punkt davon war die schlechte Bafög-Situation. Man kann nicht erwarten, dass sich junge Menschen, die anspruchsvolle Berufe anstreben, hoch verschulden oder ihr Studium abbrechen, weil sie es sich einfach nicht leisten können. Ich kann ja verstehen, dass man Angst davor hat, dass viele Studierende “viel” Geld erhalten und dann doch nicht zuende studieren – aber Studienabbruchquoten könnte man mit ein bisschen Umplanung auch verbessern.

In der sh:z wurde jetzt veröffentlicht, dass es Stimmen gibt, die die Anwesenheitspflicht in Schleswig-Holstein (für deren Abschaffung lange gekämpft wurde und die noch immer nicht vollständig durchgesetzt ist, bei der jetzt sogar teilweise geltendes Gesetz umgangen wird) wieder einführen möchten – die Studienabbruchsquoten wären zu hoch. Studienabbruchsquoten sind aber nicht so hoch, weil die Leute zu faul sind, um in die Uni zu gehen und dann irgendwann die Lust verlieren.
Wenn ich mir mein Studium nicht mehr leisten kann, weil ich kein Bafög bekomme, weil ich nebenher arbeite oder mal krank werde und bei mehr als zwei Mal fehlen den Kurs nicht bestehe, dann ist Anwesenheitspflicht garantiert keine Lösung dafür, dass ich mein Studium beende. Wenn ich Bafög bekomme, ein krankes Familienmitglied pflege oder ebenfalls, weil ich nur 225 Euro monatlich bekomme, arbeiten gehe und wenn ich dann mehr als zwei Mal fehle und den Kurs nicht bestehe, dadurch nicht rechtzeitig den Leistungsnachweis für das Bafög erbringe und deshalb aus der Förderung falle, mir aber vielleicht nur 1-2 Kurse fehlen, dann sorgt Anwesenheitspflicht sicherlich nicht dafür, dass ich mein Studium trotzdem beende. Man kennt ja die Schere zwischen arm und reich. Anwesenheitspflicht vergrößert die. Ich glaube nicht, dass das ein gutes Ziel ist.

“Sie kommen und gehen, wann sie wollen”, wie die sh:z schreibt, stimmt nämlich nicht. Sie kommen und gehen ja meistens, wie sie können. Na gut, manche Veranstaltungen sind wirklich sterbenslangweilig und tragen wenig Mehrwert, da mache ich eine Ausnahme. Es ist zudem nicht jedes Fach gleich. In einigen Fächern, Medizin beispielsweise, ist es sehr gut, wenn alle Absolvent*innen einen ähnlichen Wissensstand haben. In Germanistik beispielsweise führt die Anwesenheitspflicht letztendlich eher dazu, viele Absolvent*innen mit Grundlagenausbildung zu haben, aber keine Spezialist*innen in Teilgebieten, für die individuelle Spezialisierung bleibt im Bachelor-Master-Regelstudienzeit-System keine Zeit.

Und wenn ich jetzt wieder lese, dass das Bafög erstmal nicht erhöht wird, aber wieder Forderungen nach Anwesenheitspflicht laut werden, dann explodiert mir fast der Kopf. Weil es so offensichtlich ist. Weil es alles so offensichtlich ist. Weil wenige über das Schicksal vieler entscheiden, ohne ihre Stimme ernsthaft zu hören. Weil wir uns nicht wundern dürfen, dass hauptsächlich Kinder aus wohlhabenderen Haushalten es sich leisten können, das Studium überhaupt zu beginnen.
Ausbildungen – und dazu zählt auch das Studium – müssen so vergütet werden, dass die jungen Menschen sie auch tatsächlich eigenständig beenden können. Und solange das nicht umgesetzt ist, kann man nicht erwarten, dass Studierende über Jahre hinweg nicht krank werden und keine Aufgaben für die Gemeinschaft erbringen, nur weil sie jede einzelne Woche unbezahlt anwesend sein müssen. Die einzig logische Konsequenz zur Anwesenheitspflicht ähnlich wie in betrieblichen Ausbildungen wäre eine angemessene Vergütung. Unbezahltes Lernen in Vollzeit über fünf Jahre funktioniert einfach nicht.
Und, meine Lieblingsfrage: Wo soll man investieren, wenn nicht in die Bildung?

 

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  1. "Wo soll man investieren, wenn nicht in die Bildung?" – danke! Ich stimme dir voll und ganz zu – es kann nicht sein, dass die Verpflichtungen für die Uni immer mehr werden und im Gegenzug die Förderung schlechter wird bzw. nicht mitgeht. Wie soll das funktionieren, wenn man nicht zusätzlich durch Familie, Stipendien, … unterstützt wird? Häufig denke ich mir, dass in der Politik, vor allem bei der Bildung, nur von zwölf bis Mittag gedacht wird. Danke für den Post!

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