Studium mit Kind
Schreibe einen Kommentar

Studieren mit Kind: Der Alltag ist ein ständiges Verhandeln

Laptop mit Lektüre und Notizbuch

Ich glaube, dass zum einen Resilienz ein großes Stichwort im Familienalltag ist. Resilienz ist eine Kompetenz, die Eltern zwangsläufig erwerben müssen, um nicht völlig durchzudrehen, wenn Planungen nicht aufgehen, die Wohnung unter Wasser steht, die Wand mit Filzstift angemalt wurde oder dem teuren Steiff-Kuscheltier die Haare abgeschnitten wurden.

Ein anderes Stichwort ist allerdings auch Verhandlungskompetenz. Der Familienalltag ist immer und immer wieder ein Verhandlungstisch. Zum einen mit den Kindern, zumindest wenn man sie von Anfang an als mündige Individuen betrachtet und nicht als ausführende Wesen, die einem großen Leitbild folgen sollten. Kinder haben ihre Ansprüche an die Tagesgestaltung, die gehört werden müssen. Wir verhandeln schon beim Frühstück: Wie viel Brote mit Schokocreme sind erlaubt? Gibt es Grenzen? Was ist der Kompromiss, wenn das Kind bei Regen mit Sandalen statt mit Halbschuhen losgehen will? Zwingen wir es mit emotionaler Gewalt in die Turnschuhe oder akzeptieren wir die Sandalen und packen einfach die Gummistiefel mit ein? Können wir unterwegs anhalten, um dieses besonders schöne Exemplar eines Stocks einzusammeln und mitzunehmen? Wir verhandeln im Grunde den ganzen Tag und suchen bei Unstimmigkeiten Kompromisse. Und zwar Kompromisse mit jemandem, der noch völlig andere Vorstellungen von Relevanz und Notwendigkeit hat, als wir selbst.

Wir Eltern verhandeln den ganzen Tag

Aber nicht nur mit den Kindern verhandeln wir. In unserem Alltag wird es stark deutlich, dass im Grunde jede Stunde verhandelt wird. Ich hoffe sehr, dass das anders wird, wenn wir beide mit dem Studium fertig sind, denn ich bin ganz ehrlich: Ich habe auf dieses ständige Verhandeln keine Lust mehr. Es ist ermüdend, immer in dem Dilemma zu stecken, dass eigentlich beide gerade arbeiten bzw. am Schreibtisch sitzen müssten. Wenn eine*r arbeitet, muss der oder die andere den Eltern-Job übernehmen. Baby bespaßen, zur Kita fahren, Nachmittags-Spieldates wahrnehmen, Essen kochen usw. Das machen wir beides total gerne und lieben es, Eltern zu sein. Aber es wäre wesentlich leichter, das entspannt zu machen, wenn einem nicht ständig das schlechte Gewissen im Nacken sitzen würde: einen Feierabend gibt es im Studium ja im Grunde nicht. Unzählige Abende saßen wir bis nach Mitternacht in der Küche und haben für Klausuren oder Prüfungen gelernt. Aktuell startet unser Tag zwischen 4 und 5 Uhr morgens und endet erst gegen 23 Uhr. Wenn man selbst verantwortlich für den Lernerfolg ist, gibt es immer noch etwas, was erledigt werden müsste. Ein Text, der gelesen oder ein Protokoll, das geschrieben werden müsste. Jede Stunde Schreibtischzeit ist Verhandlung.

Viele unserer abgegebenen Hausarbeiten bleiben dennoch weit hinter dem zurück, was wir gerne leisten und vor allem auch gerne wissen würden. Wir müssen verhandeln, auch mit uns selbst: Welche Texte werden noch gelesen? Was ist das Minimum, wo ist Zeit für Zusätze? Welches Wissen können wir verantworten nicht zu haben? Welche Intensität der Grippe lässt uns noch losgehen, ab wann kapitulieren wir, um noch ein Mindestmaß Alltag zu schaffen? Immer mit dem Gedanken: Da geht noch mehr.

Studieren mit Kind: Das schlechte Gewissen macht müde

Das macht müde. Das schlechte Gewissen macht müde, das Gefühl des Nicht-genug-Machens macht müde, das Verhandeln macht müde und raubt Zeit. Es schärft zwar das Empfinden für Bedürfnisse, es lässt uns hier auf Augenhöhe zusammenleben und uns gegenseitig zuhören und ist vielleicht irgendwann so intuitiv, dass konstruktive Zusammenarbeit und demokratische Entscheidungsfindung für unsere Kinder Selbstverständlichkeiten sind. Ich hoffe es zumindest, denn dann hat sich all der tägliche Wahnsinn der Herausforderungen beim Studieren mit Kindern auf jeden Fall gelohnt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.