Nützliches, Potsdam, Studium mit Kind
Kommentare 2

Unser Bauchgefühl ist so wahnsinnig wichtig – über die ersten Erfahrungen mit Kinderbetreuung

Nach monatelangen Bemühungen konnten wir es im Februar kaum glauben, als wir einen Platz bei einer Tagespflegeperson in Potsdam ab März bekommen haben. Wir haben die Liste mit Dingen, die wir dann in mehrfacher Ausführung brauchen würden, fröhlich abgearbeitet und uns auf die Eingewöhnung gefreut. Beim Kennenlernen sah alles ganz gut aus – nette Tagespflegepersonen, schöne große Räume mit ansprechendem Spielzeug und täglich überwiegend selbstgekochtes Bio-Essen. 
Leider war unsere Freude dann bereits nach wenigen Tagen der der Eingewöhnung gehemmt. Wenn man sich einmal für den bedürfnisorientierten Weg entschieden hat, bemüht man sich, jedes Zeichen des Kindes zu deuten und kann über manche Dinge nicht mehr hinwegsehen. Wir haben es insgesamt ein paar Wochen mit der Eingewöhnung versucht, aber ich hatte einfach kein gutes Gefühl, E. dort zu lassen. Ein paar Trennungsversuche haben wir gemacht, weil wir ja wirklich auf den Platz angewiesen waren, aber meist ist mir irgendetwas an anderen Kindern oder dem Verhalten der Tagespflegeperson aufgefallen und hat mich beunruhigt, deshalb haben wir das Experiment wieder beendet.


In unserem konkreten Fall war einer der Auslöser, dass ich es entwürdigend fand, wie die Tagespflegeperson in einigen Fällen mit den Kindern umging. Ein zweijähriges Mädchen (also knapp älter als E.) beispielsweise kann sich nicht alleine eine eingenässte Strumpfhose ausziehen und es ist meiner Meinung nach unmöglich, sie mit dem Gesicht zur Wand zu drehen, damit sie sich “konzentriert” und nicht von den anderen Kindern abgelenkt wird und ihr dann zu sagen, dass man ihr jetzt nicht hilft. Es geht meiner Meinung nach beispielsweise auch nicht, wenn sich Kinder nach dem großen Geschäft neben dem Töpfchen in den Vierfüßlerstand begeben sollen und so warten, bis sie jemand saubermacht. Da kann das Bemühen, fröhlich mit den Kindern umzugehen noch so groß sein, wenn es in solch sensiblen Situationen nicht gelingt. Auch wenn es nicht mein Kind war, musste ich in der Situation mit dem Mädchen einfach etwas sagen und habe der Person auch mitgeteilt, dass so etwas für mich nicht in Ordnung ist. E. geht seit dieser und anderer Situationen jedenfalls nicht mehr dorthin, ich besuche weniger Kurse als geplant und nehme finanzielle Einbußen durch fehlende Zeit für einen Nebenjob in Kauf. Denn solche Situationen, ganz egal, ob ein Kind sich irgendwann daran erinnern wird oder nicht, wirken sich auf diese kleinen Seelen aus – und die befinden sich gerade erst im Aufbau.

Unser Bauchgefühl ist vielleicht das wichtigste, was wir haben. Wenn wir große Probleme oder Bauchschmerzen haben, können wir unser Kind nicht in eine “Fremdbetreuung” geben. Dieses Wort mag ich an sich nicht, denn man möchte sein Kind natürlich nicht bei “Fremden” lassen, doch leider trifft es die Situation für den Anfang in den meisten Fällen sehr gut. Über solche Empfindungen muss man auch als Eltern-Team viel sprechen und dann all die Faktoren abwägen, denn natürlich bedeutet beispielsweise bei uns keinen Betreuungsplatz zu haben ein weiteres Semester Studium auf Sparflamme.  Gerade im ersten Masterseminar wäre es mit Betreuungsplatz einfacher, aber deshalb können wir nicht übergehen, dass sich ein Kind zur jeweiligen Situation nicht äußern kann. Es kann im Krippenalter nicht sagen, dass etwas blöd war und dabei genau benennen, was es war. Es kann auch nicht begründen, wenn es irgendwo nicht wieder hinmöchte. Da ist es unsere Pflicht als Eltern, die Entscheidungen zu treffen. Und da kann es bedeuten, dass das Kind bis zum zweiten Geburtstag oder länger zuhause bleibt und man dem Anspruch neben einer Vollzeitausbildung nachkommen muss. Wir merken aber immer wieder, dass dies die richtige Entscheidung war. 
Wir haben jetzt, da ich an der Universität Potsdam immatrikuliert bin, die Möglichkeit der flexiblen Kinderbetreuung. Hierbei übernimmt die Uni einen Teil der Kosten, alles läuft über einen pädagogischen Träger und für immerhin zwei Seminare die Woche haben wir nun eine Art Babysitterin mit Erfahrung, die in der Zeit mit E. spielt oder den Campus erkundet. Ab September haben wir dann endlich einen Platz in unserer Wunschkita, bei der bisher zum Glück keinerlei Bedenken haben – wir freuen uns einfach nur. Durch die Aussicht darauf und die gute Betreuung an der Uni können wir trotz allem entspannter in das Semester starten. Und das vor allem ohne schlechtes Bauchgefühl.

E. auf dem Campus

2 Kommentare

  1. Anonym sagt

    Liebe Anneke,
    ich stimme dir voll und ganz zu, dass das Bauchgefühl in allen Lebenslagen wichtig ist und wenn es bei euch nicht stimmte, dann habt ihr die beste Entscheidung getroffen, wenn ihr E. nicht mehr betreuen lassen möchtet.
    Nichtsdestotrotz möchte ich sagen, dass die beschriebenen Situationen mir bekannt vor kommt und ich etwas anders denke.
    1. Die Situation mit dem 2-Jährigen Kind: Ich glaube, weder du noch ich können beurteilen, wie das Kind insgesamt aufgestellt ist, d.h. welche Vorgeschichten möglicherweise zu dieser Situation geführt haben (wie lange läuft sie schon ohne Windel, zieht sie sich immer alleine aus, neigt sie dazu zu sehr abgelenkt zu sein etc.). Mit meinem Kind P. (ebenfalls 2 Jahre) kenne ich aber auch Situationen, wo man das Kind tatsächlich alleine etwas machen lässt, und es von anderen Eindrücken wegdreht. P. kann sich ihre eingenässten Sachen alleine ausziehen, aber manchmal möchte sie, dass wir Eltern das machen. Vielleicht war von der Erzieherin nur intendiert, dass das Mädchen sich wirklich einmal auf sich konzentriert und versucht, ganz alleine ihre Misere zu beenden. Gerade wenn Kinder trocken werden sind solch kleine "Erfolgserlebnisse" (à la: Ich habe es alleine geschafft ohne Hilfe, auch wenn ich es zuerst nicht konnte) sehr wichtig.
    Aber wie gesagt: ich habe die Situation nicht gesehen, wollte nur zu bedenken geben, dass es für mich die Gefahr einer vorschnellen Verurteilung des Verhaltens des Erziehers ziemlich groß ist.
    Ebenso die zweite Geschichte mit dem nach Vorne beugen – ich habe P. fast ein halbes Jahr eingewöhnt und ebenso dieses Vorgehen kennengelernt. Die Kinder machen das super mit, und für die Erzieherin ist es wichtig, dass die Kinder sich nicht mit den Händen an den Po fassen, wenn sie auf dem Töpfchen waren. Für mich war es auch erst seltsam, aber die Kinder lernen das so und machen es einfach, ohne sich zu wundern. P. macht es sogar immer noch, wenn sie sich auch alleine sauber macht. Es ist meiner Meinung nach nur eine Taktik, ein Vorgehen, um sicherzustellen, dass alle Kinder sauber gemacht werden, ohne dass kleine Kinderfinger zu schnell irgendwo hingreifen 🙂
    Auch hier wieder: so erlebe ich es. Möglicherweise war es bei dir ganz anders, die Atmosphäre und "Wie" das "Was" gemacht wird ist natürlich maßgebend.
    Ich freue mich aber, dass ihr den Mut hattet auf eurer Bauchgefühl zu hören und wünsche weiterhin viel Erfolg!
    Viele Grüße!

  2. Hallo, vielen Dank für den Austausch! Ja, es waren tatsächlich die Umstände, die entscheidend waren, vor allem die Kommunikation. Dass man Kindern zu Erfolgserlebnissen verhilft ist sehr gut, aber ich denke nicht, dass es hilft, dem Kind dabei zu signalisieren, dass man selber die eingenässte Strumpfhose nicht anfassen möchte. Da braucht es gar nicht das Wort "eklig", da reicht schon ein "ich fass das nicht an". Das Mädchen war beschämt und hat bitterlich geweint, man hätte mit ihr ins Nebenzimmer gehen können oder so etwas.

    Und auch bei der Töpfchensituation war es so, dass die Kinder so teilweise lange warten mussten, bis die Person wiederkam und abgewischt hat. Es gab positive Ausscheidungskommunikation, aber nur, solange es leicht sauberzumachen war, ging etwas in die Hose war der Ton sofort sehr anders. Und für mich muss kein Kind mit nacktem Hintern vorgebeugt warten, um sich einen nicht-positiven Kommentar zu seinen Ausscheidungen abzuholen. Ich glaube bei sowas macht der Ton viel Musik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.