Kleinkind & Familienleben
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Veränderte Rollen: Wann bin ich die Mutter meiner Serienheldinnen geworden?

Mutter mit Baby in der Trage auf dem Rücken

Es gab so viele Serien, die ich als Teenager gerne gesehen habe und mit deren “Held*innen” man sich zwangsläufig identifiziert oder sich von ihnen abgegrenzt hat. Meine Serienheld*innen waren im Laufe der Jahre beispielsweise Stephanie Tanner, Hermine Granger, Lena Schneider, Seth Cohen oder Rory Gilmore. Sie waren klug, witzig und hatten so wie wir als Teenager eine großartige und noch gänzlich ungeplante Zukunft vor sich.

Veränderte Rollen: Ich bin jetzt die Mutter

Auch heute gucke ich die dazugehörigen Serien und Filme noch sehr gerne. Als ich mit unseren Kindern schwanger war, habe ich beide Male Türkisch für Anfänger, Gilmore Girls und O.C., California noch einmal komplett gesehen, um mir die Zeit zu vertreiben. Doch insbesondere bei unserem zweiten Kind, als wir schon eine ganze Weile dieses Eltern waren, habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass sich die Rollen und die Identifikation sehr verändert haben. Einerseits ist das ja ganz natürlich und gut so, denn es wäre schon etwas merkwürdig, wenn sich Zukunftsvorstellungen in den letzten 15 Jahren nicht geändert hätten.

Vor ungefähr zwei Jahren habe ich meine Bachelorarbeit über Identitätsbildung jugendlicher Protagonist*innen in ausgewählten Romanen geschrieben. Ich habe untersucht, ob es in aktueller Literatur wiederkehrende Situationen gibt, in denen Jugendliche sich selbst stark weiterentwickeln. Dabei las ich unter anderem ein Interview mit Wolfgang Herrndorf (Tschick), der als entscheidend für Jugendabenteuer unter anderem das schnelle Ausscheiden von Erwachsenen aus der Handlung und eine große Reise feststellte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in so wenigen Jahren die Seiten wechsle weg von der eigenen großen, nicht zu Ende geplanten Reise hin zu der Erwachsenen, die von ihren eigenen Kindern in wenigen Jahren aus deren Aktivitäten ausgeschlossen wird.

Wenn man sich plötzlich mit Serienmüttern identifiziert

Aber es ist vor allem bei den Serien tatsächlich so: Statt mit der feiernden Stephanie Tanner identifiziere ich mich plötzlich mit der älteren Schwester DJ, die für drei Kinder sorgt und froh ist, die Familie so nah bei sich zu haben. Statt mit Hermine Granger, die sich stundenlang in Büchern vertiefen und lernen möchte, identifiziere ich mich jetzt mit den Eltern von Harry Potter, die im Zweifel für ihr Kind sterben würden, nur damit es diesem gut geht. Statt mit Lena Schneider aus Türkisch für Anfänger, die die Regeln der Erwachsenenwelt auf Herz und Nieren prüft und hinterfragt, welche für sie relevant sind, identifiziere ich mich plötzlich mit der Mutter Doris, die mit ihren Kindern auf Umwelt-Demos geht und versucht, sich selbst im Alltag zwischen Familie und Beruf nicht zu verlieren.
Wann bitte bin ich Doris geworden?!

Es ist jetzt unsere Tür, die immer offen steht

Statt mit Seth Cohen, der mit seinen Freund*innen lange Wochenenden verbringt und Filme schaut, bin ich Kirsten geworden. Immer ein bisschen besorgt, immer etwas zu essen im Haus und immer eine offene Tür für Familie und Freund*innen. Nur mit weniger Alkohol und weniger Geld.

Und statt mit Rory Gilmore, meiner all-time-favorite-Serienheldin, identifiziere ich mich plötzlich zum ersten Mal mit der Mutter Lorelai. Statt Vorfreude auf Abschlussprüfungen und das Studium kommen Fragen nach einem festen Wohnort und danach, finanziell über die Runden zu kommen und unseren Kindern irgendwie die für sie bestmögliche Förderung herauszusuchen. Nur dass ich zu Beginn der ersten Schwangerschaft nicht 16 und alleinerziehend war, sondern 21 und in einer festen Beziehung.

Ich bin im Laufe der Jahre tatsächlich die Mutter meiner Serienheld*innen geworden und identifiziere mich zunehmend mit ihnen, auch wenn ich meine Held*innen selbst als Figuren noch gerne mag. Das ist wohl ein Anzeichen für dieses Erwachsensein, oder? Wirklich schön daran ist, dass ich all die Lieblingsserien noch einmal mit einer ganz neuen Perspektive sehen kann, wenn denn mal Zeit dazu ist. Und wer weiß, vielleicht gucken unsere Kinder sie in 10 Jahren ja selbst und setzen sich dann ebenfalls gerne mit einem Buch nach draußen, während ich keine Lust zu kochen habe und Bratnudeln bestelle. Es könnte schlimmer kommen.

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