Kiel, Studium mit Kind
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Warum Pflichtlektüre manchmal so gut sein kann

“Boah ey, kein Bock mehr. Noch 60 Minuten”, höre ich eine junge Frau in der Reihe vor mir sagen. Es ist Freitagnachmittag und wir haben Blockseminar, drei Stunden sind schon um, eine fehlt noch für heute. Das Thema ist wahnsinnig spannend (auch wenn das subjektiv ist), es geht um literarische Neuerscheinungen und es wurde sogar eine Gastdozentin aus dem Ausland eingeladen, die multimedial arbeitet. Sowas erlebt man selten.

Ich kenne das Gefühl, in einer langweiligen Stunde zu sitzen, nur zu gut. Die Anwesenheitspflicht (ich finde dich unangebracht!) zwingt einen dazu, manchmal auch Seminare zu besuchen, die einem thematisch eher weniger liegen. Fehlen und in Eigenregie arbeiten werden nicht geduldet. Schon lange habe ich mit der Anwesenheitspflicht Probleme, Engagement war dadurch nur eingeschränkt möglich, mit Kind ist es noch schwieriger und wozu man die HochschulREIFE benötigt, wenn man nicht selbst entscheiden kann, wie intensiv man lernt, ist mir schleierhaft. Zum Wintersemester soll die Anwesenheitspflicht in Kiel kippen, aber so ganz glaube ich erst daran, wenn ich es sehe. Dann bin ich allerdings auch schon in den letzten Zügen meines Bachelors.

Aber ist das alles ein Grund, um offensichtlich gelangweilt im Seminar zu sitzen und statt der Dozentin in die Augen, die ganze Zeit – also vier Stunden lang – nur auf seinen WhatsApp-Verlauf zu schauen?

Ich finde nein.

Seit ich ein Kind habe, hat sich mein Bewusstsein gegenüber dem Studium noch einmal verändert. Es war mir schon immer wichtig, meine Lebenszeit nicht sinnlos zu verschwenden, doch jetzt ist dieser Wunsch auf seinem Höhepunkt. Mit Kind hat man nicht so viel Zeit wie davor. Man kann nicht nachmittags Big Bang Theory gucken, wenn die Kurse vorbei sind, dann mal bei Facebook und 9gag vorbeischauen und abends nach den Nachrichten und dem Uni-Kram mit den Mitbewohner*innen etwas trinken/eine Veranstaltung oder Lesung besuchen/spontan ins Kino gehen oder oder oder. Nicht, dass ich das vorher jeden Tag getan hätte. Neben Uni, Nebenjob und Engagement blieb schon damals nicht viel Zeit. Aber ich hätte irgendwie gekonnt, wenn ich gewollt hätte.

Mit Kind bestimmt man den Tagesablauf in den ersten Monaten nicht selbst, vor allem, wenn man stillt. Das Kind bestimmt, wann gegessen, geschlafen oder spaziert werden soll. Wenn das Kind schläft, fällt einem das Chaos in der Wohnung auf und statt sich gemütlich mit einem Buch auf das Sofa zu setzen, fängt man doch eher an, aufzuräumen.

Oh das klingt schrecklich? Ganz im Gegenteil.
Ich gucke momentan nur selten Fernsehen, prokrastiniere so gut wie nie, gebe abends nicht sinnlos Geld aus und plane meine Freizeit effektiv. Weil ich endlich einen richtigen Grund dafür habe. Vor der Schwangerschaft war ich unzufrieden mit meinem Studium und “dümpelte” etwas herum. Will ich bis zum Ende studieren? Will ich abbrechen und etwas ganz anderes machen? Wie oft stelle ich noch fest, dass mich nicht alles interessiert? All das ist seit E.s Geburt weg. Natürlich interessiert mich auch heute noch nicht alles, aber wenn ein Seminar meinem Fokus nicht entspricht, dann belege ich es eben nicht, sondern mache im nächsten Semester eins mehr. Ich entscheide mich bewusst, wofür ich meine babyfreie Zeit nutzen möchte. Fokussierung ist wichtig, larifari ist nicht mehr.

Aber wie äußert sich so ein Bewusstseinswandel?
“Früher” habe ich über so manche Pflichtlektüre geflucht, diese Woche habe ich mich zum wiederholten Male darüber gefreut, auch wenn ich den Text vorher gar nicht kannte. Es ging unter anderem um Mauer Park von David Wagner. E. findet es nicht mehr so spannend wie vor ein paar Monaten, wenn ich ihr aus einem Buch ohne Bilder vorlese, weshalb ich diese lesen muss, wenn ich nicht bei ihr bin. Und die Zeit dafür muss freigeräumt werden, es ist ja Pflicht.
David und ich wechseln uns dann ab, damit beide ihre texte lesen können. Diese kleinen Freiraum-Inseln sind daher keine Last mehr, sondern eher eine Belohnung. Ich komme “raus”, denke mal nicht an Babysachen und habe gar keine Chance, mich darin zu verlieren. Dann steht für mich Literatur auf dem Plan und das Gehirn fängt wieder an, im alten Muster zu funktionieren.
Ich weiß es vielmehr zu schätzen, dass ich überhaupt die Chance habe, zu studieren und diese Texte zu lesen, um E. später eine gute Zukunft bieten zu können – auch wenn das mit einem Studium der Geisteswissenschaften ja eher relativ ist…
Aber ich schaffe es, meine Ausbildung mit Kind fortzusetzen und muss mich anstrengen, damit das alles durch das Stipendium auch in Zukunft finanziell hinhaut.

Und wenn ich dann mit jungen Leuten im Seminar sitze, die keinen Bock auf die kommenden vier Stunden ihres Lebens haben, sich nicht einmal äußern und nicht von ihrem Smartphone aufblicken, dann macht mich das einerseits zwar schon wütend (weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann, seine Zeit so zu verschwenden und so unhöflich zu sein), andererseits empfinde ich aber auch etwas Mitleid darüber, dass es ihnen offensichtlich an Fokussierung und einem Grund für das Absolvieren dieses Kurses fehlt. Selbst wenn ein Werk nicht meinen Geschmack trifft, versuche ich doch trotzdem, mich zu beteiligen – um es mit den Worten der Gastdozentin zu sagen: “Oder wollen Sie den Tag für sich nicht mehr retten?”

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