Baby, Nützliches, Potsdam
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Was kommt nach der Babyschale? Warum wir einen Reboarder gekauft haben

Schon lange bevor das Baby da ist, geht man mit Schwangerschaftsbauch in ein Geschäft und besorgt eine Babyschale für das Auto, in der man den Nachwuchs nach der Geburt vom Krankenhaus nach Hause transportieren kann. Da gibt es wenig Alternativen, man kann zwar in der Marke und im Budget variieren, aber vom Grundgerüst her sind sich die Schalen zumindest alle ähnlich – man braucht sich also noch nicht sonderlich viele Gedanken darüber machen.
Doch spätestens wenn das Baby zu groß wird oder sich der Gewichtsmarke nähert, stellt man sich die Frage: Was kommt eigentlich danach?

Kindersitze sind in verschiedene Normgruppen eingeteilt, die mit einer Ziffer gekennzeichnet werden. Eine schöne Übersicht gibt es hier, ansonsten kurz erklärt: 
Gruppe 0: bis 10kg/75cm
Gruppe 0+: bis 13kg (die meisten Babyschalen)
Gruppe I: 9-18kg/75-100cm
Gruppe II: 15-25kg/bis 1,25m
Gruppe III: 25-36kg/bis 1,50m
Es gibt eine noch relativ neue EU-Norm (i-Size), nach ihr sollen Kinder bis 15 Monaten rückwärts sitzen. Manche Herstellerfirmen werben damit, dass die dazu passenden Reboarder (rückwärtsgerichtete Kindersitze) schon ab Geburt geeignet sind, allerdings haben wir in einem Reboard-Laden nachgefragt und die Antwort bekommen, dass die Babyschale am Anfang immer noch am besten geeignet ist – im Auto, nicht als Kinderwagenersatz.
In Prospekten findet man teilweise auch Mischformen, zum Beispiel Sitze der Gruppe I/II/III, welche angeblich von 9-36kg (ca. 1-12 Jahre) geeignet sind.
Wenn ich mir kurz vorstelle, welche körperlichen Veränderungen zwischen dem 1. und dem 12. Geburtstag geschehen, halte ich es aber für einen eher schlechten Kompromiss, den man bei diesen Sitzen eingeht. Es kann gar nicht ein und derselbe Sitz für die ganze Zeit gleich gut geeignet sein. Deshalb kam ein solcher Sitz für uns von Anfang an nicht in Frage.
Hinzu kommt, dass diese Sitze, die angeblich ab 9kg geeignet sind, für ein Baby mit dem Gewicht noch nicht sicher genug sind. Wenn man sie googelt, findet man schnell die “klassischen” Kindersitze, die wir noch alle aus unserer Kindheit kennen: vorwärtsgerichtet, Fünfpunktgurt. Meistens sind diese Sitze im Verhältnis zu Reboardern aber sehr günstig und daher für viele Eltern verlockend. Vereine wie “Kinder sicher unterwegs” oder “Reboard Kindersitze e.V.” versuchen, Aufklärungsarbeit zu leisten und Eltern Alternativen aufzuzeigen.
Dieses Video der ARD aus 2012 zeigt mit den Crashtest-Puppen sehr deutlich, wie es bei einem Unfall mit dem jeweiligen Sitz aussieht. Ich möchte hiermit keine Angst machen. Ein Kind wird nicht vom bloßen vorwärtsgerichteten Sitz querschnittsgelähmt, ich selbst bin dafür ein gutes Beispiel. Aber man hat leider keine Garantie dafür, dass man mit diesem Sitz keinen Unfall hat. 

Quelle: Verein Reboard Kindersitze e.V.
Bei Kindern um die 9kg ist der Kopf im Verhältnis zum restlichen Körper noch sehr schwer. Die Grafik ist vom Verein Reboard Kindersitze e.V. und unter diesem Link findet ihr ihren Flyer, in dem auch nochmal die einwirkenden Kräfte bei einem Frontalaufprall dargestellt werden. 
Es gibt noch eine weitere Sitzform, über die wir uns vor dem Kauf ebenfalls informiert haben: Die Sitze mit Fangkörper. Diese sehen zunächst aus wie “klassische” Kindersitze, nur dass sie eine Art Tisch/Keil vor dem Sitz haben. Dieser Keil wird mit dem normalen Anschnallgurt befestigt, das Kind selbst durch diesen Keil gesichert. Im Gegensatz zum klassischen Sitz mit Fünf-Punkt-Gurt hat der Oberkörper so die Chance, auf dem Tisch abzurollen, er wird nicht zurückgehalten und dadurch der Nacken noch stärker belastet. Zudem sind einige Fangkörpersitze im Flugzeug zugelassen und daher für Familien, die viel und lang fliegen wollen, eine Lösung. 
In der Sicherheit unangefochten auf Platz 1 stehen jedoch die Reboard-Sitze, in denen die Kinder bis zu vier Jahren rückwärts sitzen können. Da wir das wussten, wollten wir uns gar keine anderen Sitze (ob “klassisch” oder mit Fangkörper) ansehen, auch wenn diese günstiger gewesen wären. Es ging einfach nicht, wir hatten schon zu viel zu dem Thema gelesen. Ob E. nun wirklich bis 4 Jahren rückwärts sitzen wird, steht in den Sternen, ihr Sitz kann später auch noch in Fahrtrichtung montiert werden. Vielleicht mit 2 oder 3, vorher auf keinen Fall.
Viele Eltern möchten aber keinen Reboardsitz und in Foren und auf Facebook habe ich bisher drei Argumente am häufigsten gelesen, mit denen ich mich teilweise auch identifizieren konnte: 
1) “Reboard-Sitze sind zu teuer, man macht nur Geschäft mit der Angst der Eltern.”
Ja, Reboard-Sitze sind schweineteuer. Vor allem im Vergleich zu anderen Kindersitzen derselben Normgruppe. Sie bestehen allerdings auch aus mehr Material, weil sie umfangreicher sind. Das alleine ist aber für mich nicht Grund genug. Dass man Geschäft mit der Angst macht, könnte ich für mich so unterschreiben. Nachdem ich das oben verlinkte Video gesehen habe, hatte auch ich Angst, ich könnte mal einen Unfall haben und E. könnte so sehr verletzt werden. Das will niemand, weder für das eigene noch für jedes andere Kind. Also vielleicht machen einige Firmen auch Geschäft mit dieser Angst, kann sein. Der wahrscheinlichste Grund für die Preise ist allerdings die Nachfrage: Die wenigsten Kinder in E.s Alter fahren im Reboarder, viele Eltern wissen gar nicht, dass es diese Sitze gibt, weil sie in “Fachgeschäften” wegen der geringen Verkaufszahlen und dem schwierigen Einbau gar nicht erklärt werden.
2) “Reboard-Sitze schneiden auch nicht besser ab als andere und sind umständlich.”
Ja, Reboard-Sitze schneiden in vielen Tests nicht besser ab als andere. Und ja, vielleicht dauert es eine Minute länger, sie im Auto zu befestigen. 
Aber genau das ist der Grund für das mittelmäßige Ergebnis: Bei den meisten Tests setzt sich die Note aus 50% Sicherheit und 50% Handling zusammen. Man braucht etwas Übung, um den Reboard-Sitz zügig im Auto zu installieren und mal eben unter den Arm klemmen ist auch schwierig. Unser Sitz ist nahezu ein Koloss, ich würde nichtmal E. auf dem anderen Arm mitbekommen. Aber genau diese Wuchtigkeit gibt mir ein sichereres Gefühl beim Autofahren.
3) “Mein Kind fährt nicht gern rückwärts.”
Es gibt tatsächlich Kinder, die schon von klein auf an Probleme damit haben, rückwärts zu fahren. Auch E. fand es in der Babyschale nicht immer toll. Aber wie spannend ist es auch, auf einen schwarzgrauen Sitz zu schauen, selbst wenn jemand anderes zwei Plätze weiter Faxen macht? Wir hatten auch Bedenken, dass sie auf Autofahrten sehr viel weinen würde, wenn sie weiter rückwärts sitzen muss. Natürlich hat sie auch jetzt noch Momente im Auto, in denen sie nicht so glücklich ist, das liegt aber an der angeschnallten Situation und nicht speziell am Sitz. Seit wir den Reboarder haben, ist sie sogar ruhiger, weil sie dank der Station und der Größe des Sitzes höher sitzt und hinten und zur Seite raus gucken kann. Wir haben zudem einen Spiegel an der Kopfstütze angebracht, so kann sie auch nach vorne schauen und mit der Person auf dem Fahrersitz kommunizieren.
Ich kann nur empfehlen, sich über die Vorteile von Reboardersitzen Gedanken zu machen und beim Kindersitzkauf das Kind mitzunehmen. Wir haben unseren in einem Berliner Geschäft gekauft und konnten dort jeden Sitz, der in Frage kam, direkt im Auto ausprobieren. So wussten wir, wie E. sitzt, wie sie den Sitz findet und wie viel Platz dann z.B. noch für eine*n Beifahrer*in bleibt. Da haben wir auch gesehen, wie groß eigentlich die Preisspanne ist. Es gibt Reboarder für ca. 350€, aber auch für 600€ hätten wir einen kaufen können. Wir haben uns für die Mitte entschieden, denn ein schönerer Bezug allein hilft auch nicht weiter, wenn die Sicherheit bei den Sitzen gleich ist. 
Zwei Modelle im direkten Vergleich
Auch wenn man jetzt vielleicht denkt “Oh Gott, über 400€ für eine Kindersitz, dafür muss man ja im Lotto gewonnen haben?!” kann ich nur versuchen zu beruhigen. Wir haben uns bei der Geburt noch keine Gedanken darüber gemacht, dass E. irgendwann aus dieser damals noch verhältnismäßig riesigen Babyschale herauswachsen könnte und deshalb haben wir nur wenig Zeit zum Sparen gehabt und der Zeit auf einiges anderes verzichtet. Wenn man allerdings von 400€ für einen Sitz ausgeht und schon zur Geburt anfängt zu sparen, sind es nur 30-40 Euro pro Monat, die man zusammenbekommen muss. Als Studentin mit Kind weiß ich, dass man das nicht mal eben über hat. Aber es ist machbar. 

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