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Wie die Gesellschaft das Stillen beeinflusst

Cartoon von David Horsey. Mehr unter http://www.latimes.com/opinion/topoftheticket/

Bevor ich schwanger war, war ich mir sicher, dass ich nie stillen möchte. Die Vorstellung, dass ein Kind durch meine Brüste (oh ja, ich habe Brüste gesagt) ernährt wird, erschien mir irgendwie komisch. Ich fand es ehrlich gesagt sogar etwas eklig – nicht für mich, sondern für das Kind. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendetwas, das aus meinem Körper kommt, gut für ein Baby sein könnte. Ich hatte Angst, dass dann nur ich das Kind versorgen würde und David nur daneben stehen könnte. Ich Blödi.
(Spoiler alert: in diesem Artikel geht es um Brüste. Wer dafür noch nicht groß genug ist, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen)

Ich hatte mir dann vorgenommen, während der Schwangerschaft darüber nachzudenken und irgendwann stellte ich erstaunt fest, dass ich auch ohne Nachdenken überzeugt davon war, das Stillen auszuprobieren. Irgendein Knoten wurde in meinem Gehirn vermutlich von einem Hormonrausch gelöst und ich war mir sehr sicher, dass ich es zumindest ausprobieren möchte. Dabei war ich ganz entspannt, man weiß vorher schließlich nie, ob das Stillen dann auch wirklich klappt (und ich bin auch garantiert keine Stillverfechterin, die sagt “jede Frau muss stillen”. Ich finde das kann jede Frau selbst entscheiden und wenn es die Situation für sie aus welchem Grund auch immer nicht hergibt, dann hat sich da auch niemand einzumischen).

Seit der Geburt hat das Stillen bei uns dann mal mehr, mal weniger gut geklappt, aber ich war überzeugt, erstmal weiterzustillen. Nach den ersten Problemen sagte ich “6 Wochen stille ich auf jeden Fall, auch mit Problemen”. Irgendwann erweiterte ich auf 3 Monate. Dann auf den ersten Zahn. Dann auf ein halbes Jahr. Irgenwie brauchte ich selbst diese Horizonte, auch wenn ich nicht wusste, warum. Zwischendurch war es einfach nur das Durchhalten trotz verschiedener Probleme.

Als ich eine Weile mit Stillhütchen gestillt habe, war ich innerlich so unsicher, dass ich sagte, ich stille ab. Wenn man den Fehler macht und googelt, sagen einem nämlich sehr viele unqualifizierte Forenbeiträge, dass das schlecht für das Kind sei, weil es Luft schlucke usw. Ich war dann bei der wohl erfahrensten Stillberaterin, die Kiel zu bieten hatte, in der Stillgruppe. Sie sah mich an und sagte: “Manche Kinder werden jahrelang damit gestillt und es geht ihnen wunderbar, wo ist denn das Problem?”. Eine andere Mutter erzählte mir, dass sie irgendwann einmal keine Hilfsmittel dabei hatte und ihr Baby seitdem ohne auskam. In dem Moment habe ich für mich angenommen, dass wir so weitermachen können, egal was andere machen. Und oh Wunder – seit dem Tag, an dem ich auf die Meinung irgendwelcher Menschen pfeifte, ging bei uns alles problemlos. Das Problem lag nicht am Trinken selbst, sondern an meiner Verunsicherung.

Nach diesem “halben Jahr” habe ich eine Weile nicht mehr darüber nachgedacht, wann der richtige Zeitpunkt zum Abstillen wohl sein würde, ich war einfach nur froh, dass es problemlos klappt. Doch jetzt wird E. bald ein Jahr alt und ab dann stille ich offiziell ein Kleinkind, wenn wir weitermachen. Erst letzte Woche dachte ich, dass ich rund um ihren Geburtstag abstillen würde. Ich hatte aber gar nicht hinterfragt, warum ich schon wieder auf eine Deadline gekommen war und habe nach tagelangem Überlegen festgestellt, dass es nur einen einzigen Grund dafür gibt: den öffentlichen Druck. Es geht mir nicht darum, wieder abends losgehen oder Alkohol trinken zu können. Ich möchte mir nicht endlich wieder die Haare färben oder Medikamente nehmen können. Ja, Zwiebeln und Knoblauch wieder auf den Speiseplan zu holen wäre schön, aber das halte ich auch noch etwas aus.

Man wird oft komisch angeschaut, wenn man ein Baby stillen möchte. Ich saß schon oft stillend im Park, habe aber erst diese Woche im Restaurant gestillt – und auch nur, weil wenig los war. Oft wird von Müttern erwartet, dass sie sich in die Keramikabteilung zurückziehen (das sei ja viel besser wegen der Rückzugsmöglichkeit). Ich habe E. nie auf der Toilette gestillt, habe aber häufig erlebt, dass sich andere dorthin zurückziehen.
Viele Menschen erwarten, dass man “etwas drüber macht”. Das habe ich am Anfang auch gemacht und natürlich irgendwann festgestellt, dass man wenig Spaß daran haben kann, unter einem Tuch zu essen – es sei denn, man hat aus dem Küchentisch eine Höhle gebaut, aber das ist ein anderes Thema. Ein Baby hat keinen Spaß daran, unter einem Tuch zu trinken, es möchte die Mutter sehen. Wenn ich esse, interagiere ich dabei auch. Ich sitze nicht abgeschirmt irgendwo. Warum sollte mein Kind das müssen?

Häufig frage ich mich, warum in dieser Gesellschaft das Stillen so unnormal geworden ist. Man kann kaum durch die Stadt laufen, ohne Plakate von Firmen zu sehen, die mit dem Zeigen von Brüsten Gewinn machen. Als wären Brüste etwas unfassbar besonderes und als hätte nicht die Hälfte der Menschheit welche – aber wehe man kann eine echte Brust sehen, die etwas anderes tut, als entweder versteckt oder Sexsymbol zu sein, das gehört sich nicht!
Es ist leider so, dass 1) Brüste weniger als Körperteil und mehr als Symbol der Sexualität gesehen werden und 2) die Babyindustrie viel Geld damit verdient, Ersatznahrung zu pushen. Das spielt zusammen. Was viele beim öffentlichen Stillen aber nicht bedenken: Das Unangenehme ist nicht die Brust, die man sehen “muss”. Das Unangenehme ist der/diejenige, der/die wie verrückt auf die Brust starrt. Woanders hingucken kann im Zweifel helfen 😉

Letztens habe ich gelesen, dass Stillen Anfang der 1990er Jahre unpopulär wurde, weil viele große Firmen verstärkt Werbung für Flaschennahrung gemacht haben. Das ist natürlich die Umgebung, in der wir groß geworden sind und die die Erwachsenen von heute geprägt hat und in Anbetracht meiner Beobachtungen eine plausible Erklärung.
Während also eigentlich alle Mütter kleiner Kinder, die ich momentan kenne, stillen, tragen, über Stoffwindeln zumindest nachgedacht haben und im Wolleseideuniversum leben, sind es eher die Leute knapp darüber, die diese Stillbeziehungen prägen. Ich habe jetzt jegliche “Deadlines” – schon das Wort zeigt die geistige Steuerung, die fehl am Platz ist – gestrichen. Wir werden den Zeitpunkt schon finden, das Bauchgefühl kann mehr als eine Gebrauchsanweisung.

Die Menschheit existiert nur, weil über Jahrtausende Babys gestillt wurden.
Es scheint schwer vorstellbar, dass es eine Zeit gab, in der es weder Milchpumpen, Babyphones, Kinderwagen oder Flaschennahrung gab. Schaut man heute in die Listen dessen, was ein Baby in Westeuropa nach der Geburt anscheinend alles benötigt, ist kaum etwas dabei, was es schon vor der industriellen Revolution gab. Ich nehme mich da selbst überhaupt nicht aus, viele der Dinge sind sehr praktisch im Alltag und erleichtern vieles. Aber nicht alles davon ist nötig und lange nicht alles gut.

Es ist irgendwie auch Ironie des Schicksals, dass es bei all dem täglichen Optimierungswahn in sämtlichen Lebensbereichen ausgerechnet für das, was am längsten unverändert ist, keine bessere Alternative gibt.

Für alle, die öffentliches Stillen auch normal finden: Toller Artikel mit Fotos zum öffentlichen Stillen. 

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